»Die Zeiten ändern sich, die Zeiten haben sich geändert. Es ist mittlerweile einfach so, dass mein Verständnis von Kultur und dem Kulturauftrag ein anderes ist als das von WDR 3. Und so ist es nur logisch, dass ich meinen Platz räume.« So verabschiedete sich am Dienstag Mittag WDR 3-Moderator Kalle Burmester von den Zuhörern des ›Klassik Forum‹. Der Abschied nach fast 26 Jahren tue »verdammt weh«. Dann spielte er Bill Evans‘ Turn Out the Stars. Es ist der jüngste, aber nicht der letzte personelle Aderlass im Zuge der Programmreformen, die derzeit bei den Kulturwellen des WDR und des rbb umgesetzt werden. Auch andere langjährige Moderator:innen haben intern ihren Abschied angekündigt. Dass die Programmverantwortlichen ihnen dabei viele Tränen nachweinen, daran glaubt kaum jemand. Zu deutlich hat man ihnen in den letzten Monaten zu verstehen gegeben, dass ihr Stil und Anspruch nicht mehr zu den neuen »Direktiven«, wie sie senderintern heißen, passen. Und auch, dass die, die sich nicht anpassen wollen, fliegen. Einige gehen da lieber von sich aus.

Ziel der neuen programmatischen Ausrichtung von WDR 3 und rbbKultur ist es, sogenannte »klassikaffine Wechselhörer« abzuholen. Diese tummeln sich, so die Annahme, bei 1Live oder dem Berliner Rundfunk 91,4, könnten aber mit dem richtigen Angebot und der richtigen Ansprache überzeugt werden, öfter und länger im Kulturradio zu verweilen. Mit dem »klassikaffinen Wechselhörer« ist es ungefähr so wie mit dem Yeti: Je weniger Sichtungen es gibt, desto mehr schießen die Phantasien über ihn ins Kraut. Typische Wesenszüge sollen sein, dass er leicht schreckbar ist, vor allem, wenn ihm etwas Unbekanntes begegnet. Er mag es gerne hyggelig. Und er bevorzugt eine eher kindgemäße Ansprache.

Dieser Typologie folgend muss der Wechselhörer bei der zufälligen Begegnung mit einem Kulturradio musikalisch möglichst weich umschäumt werden. Bei WDR 3 soll er sich im morgendlichen Hauptprogramm ab sofort auch bei Filmmusik, New Classics und den Top-Hits der Klassik wohlfühlen. Als in seiner Wirkung eher verstörend wurde hingegen Musik mit menschlicher Stimme identifiziert: Chor, Oper oder Lied liegen jetzt »im Giftschrank«. (Wir berichteten.) Beim rbb setzt man neben »Wohlfühlklassik« auf ein »urbanes Sound-Design: Von Jazz über New Classics, Chanson, Filmmusik bis hin zu ausgewählten Pop-Stücken«. Geködert werden soll der Wechselhörer zum Beispiel mit Musik von Yiruma oder Ludovico Einaudi. Willkommene Nebenwirkung ist, dass deren Musik so sedierend wirkt, dass man ohnehin kaum mehr Kraft zum Umschalten hat. Um den Hörer auch klimatisch abzuholen, soll sich die Musik zudem moodmäßig am Wetterbericht orientieren. »Trauermusiken bei 30 Grad? Weil es so geplant war? Bitte!«, heißt es in einem internen Workshop-Bericht des rbb vom Herbst 2019, der »als Handreichung dient, wie wir im Tagesbegleitprogramm über Musik reden wollen«, so ein Redakteur. Auch bei WDR 3 wurde im Dezember ein neuer Moderationsleitfaden eingeführt. Mit diesem sollen die Moderator:innen in Klausur- und Einzelcoachings »auf Linie gebracht werden«, wie es ein WDR-Moderator nennt. (Beide Dokumente liegen VAN vor.)

Eine »zu komplizierte Ansprache des Publikums« sei der häufigste Abschaltgrund für Hörer:innen, heißt es gleich zu Beginn des WDR 3-Leitfadens. (Woher diese Einschätzung kommt und ob sie empirisch belegt ist, bleibt offen.) Deshalb müsse eine »modifizierte Ansprache mit dem Publikum gefunden werden, die geprägt ist von Nachvollziehbarkeit und auf Augenhöhe.« Die Chance, dass Wechselhörer:innen länger bei WDR 3 verweilen, würde sich dadurch erhöhen: »Wer die Tonalität von Radio NRW, 1LIVE und WDR 2 gewohnt ist, wird Augenhöhe bei WDR 3 ebenfalls schätzen.«

Die Augenhöhe mit den Hörer:innen korrigiert dabei gleichzeitig die bisherige Abgehobenheit, die für beide Sendeleitungen offenbar feststeht. »Mit der Kulturdünkelei kommen wir nicht weiter«, heißt es beim rbb. »Die einfache, unverstellte Perspektive auf unsere Gegenstände ist die beste Methode, unser Publikum für unsere Inhalte zu gewinnen.« Beim WDR klingt es so, als hadere man ganz generell mit der Sperrigkeit der eigenen Inhalte. Eine »schlicht gesprochene Sprache« könne aber dabei helfen, »vielen Inhalten die Schwere zu nehmen«. Der Begriff des »schweren Stoffs« ist eine freundliche Übernahme aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm, wo die Qualitätsdoku mit Verweis auf ihre quotenruinierende »Schwere« gerne in die Tiefe der Nacht verbannt wird. Gegen die alte Schwere rufen rbb und WDR die neue Leichtigkeit aus: »O-Töne von Musikern sind herzlich willkommen. Sie bringen Farbe und Authentizität. Und leicht soll es gehen. Deshalb: Musik gleich dran!«, empfiehlt der rbb. »Das Grundgefühl bei WDR 3 strahlt Leichtigkeit aus«, fordert der WDR. Schließlich sei »Musik Emotion pur«. Das könnte dann so klingen wie diese Anmoderation, die nach Auskunft eines WDR-Moderators in Coachings als »Best-Practice-Beispiel« vorgestellt wird: »Ich weiß nicht, ob Sie heute schon den Sonnenaufgang gesehen haben? Wenn nicht, dann habe ich was für Sie.« Dann folgt die ›Morgenstimmung‹ aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite.

Beim rbb will man Musik »einordnen, zuspitzen, emotional aufladen«. Gabriele Riedle hat für die taz aufgeschrieben, wie das in der Hörererfahrung klingt: »Da ist die nassforsche Person, die bis 10 Uhr vormittags alle 10 Minuten ein ›Guten Morgen‹ in den Äther schmettert und so Sätze sagt wie: ›Halten Sie sich fest, jetzt kommen gleich zwölf Cellisten auf einmal, ist das nicht der Hammer?‹« Dabei hat die Moderation nur versucht, sich an die Regeln zu halten. »Klappern gehört zum Handwerk. Große Teile unseres Berufs sind dem Showgeschäft verpflichtet«, heißt es in der rbb-Handreichung. Eben noch im Elfenbeinturm, jetzt schon auf der Showbühne. Und weiter: »Gretchenfrage bei allen Entscheidungen: Was wäre jetzt schön?«

Was nicht schön ist: Werkverzeichnisnummern, Interpret:innennamen oder »detaillierte Buchangaben« wie Verlagsnennungen. »Sie sind online recherchierbar und ziehen Moderationen nur unnötig in die Länge«, so der WDR. Jahreszahlen sollen nur dann vorkommen, »wenn inhaltlich nötig und sehr dosiert.« Der rbb möchte auf Jahreszahlen gleich ganz verzichten: »Sie sind ein sicheres Indiz dafür, dass die Sache, über die geredet wird, vorbei ist. Gleiches gilt für historische Erzählungen, die man auch an anderer Stelle nachlesen kann. Damals? Langweilig!« »Unsere Einwände, dass es durchaus Leute gibt, die wissen möchten, was sie hören und wer es gerade spielt oder dirigiert, werden abgebügelt«, so ein WDR-Moderator. »Niemand höre Radio wegen der Interpretation oder wegen der Entstehungszeit eines Stücks.« Laut rbb braucht auch niemand »die Vornamen der Beethovens und Mozarts dringend.« Man sei schließlich kein »Pflanzenbestimmungsbuch«.

Gesprochene Sprache statt Schriftsprache, auf den Punkt bringen, Lebendigkeit – nicht dass es diesbezüglich im Kulturradio keinen Verbesserungsbedarf gäbe. Allerdings scheint hinter den Regeln bei WDR und rbb stets ein Argwohn grundsätzlicherer Natur durch: gegenüber dem eigenen Inhalt, gegenüber denen, die das Programm machen und denen, die es hören. So wie Teile der eigenen Belegschaft stehen auch die bereits abgeholten Stammhörer:innen unter Verdacht: zu alt, zu elitär, zu wenige. Oder, wie es ein Moderator paraphrasierte: »Das Einzige, was stört, ist der Hörer.« Dazu passt der passiv-aggressive Ton, der sich insbesondere durch die Handreichung des rbb zieht. »Niemand kann alles wissen. Auch wir nicht. Es gibt also auch keinen Grund, so zu tun. Unser Publikum prüft uns nicht, ob wir kulturbeflissen alles richtig machen. Und die drei Studienräte, die es dennoch tun, halten wir aus.«

Die Annahmen vom Hörer offenbaren dabei fast schon diskriminierende Rezipient:innenklischees: Die Jungen, die sich nicht anstrengen wollen, die Alten, denen es nur um Distinktion geht. Dass »die Jungen« auch Podcasts hören, die komplexer und reflexiver sind als das meiste, was in den bis zur Selbstaufgabe an den »Hörerwunsch« sich anbiedernden öffentlich-rechtlichen Kulturradios gesendet wird  – Schwamm drüber. Dabei müsste der »Blick von oben« ja gar nicht herablassend sein, sondern könnte Überblick und Orientierung geben. Wer hingegen immer allen gefallen will, gefällt am Ende niemandem. Öffentlich-rechtliches Kulturradio wird dann zur Berieselungsanlage im Hintergrund, für alle, die gerade mit Wichtigerem beschäftigt sind. »Der öffentlich-rechtliche Rundfunk fordert sein Publikum nicht mehr – aber wenn man die Leute nicht fordert, lässt man sie allein«, schreibt Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung.

Zwei interne Moderationsleitfäden zeigen, für wen die Leitungen der Kulturwellen von rbb und WDR Radio machen wollen. In @vanmusik.

Manch Mitarbeiter:in vermutet hinter dem »Case to Action« der jetzigen Programmreform bei WDR und rbb sowieso weder Quotenfixierung noch »Verjüngungswunsch«, sondern die Feindlichkeit einiger Verantwortlicher gegenüber den eigenen Inhalten. In dem Fall müsste man sich dem Phantom des Wechselhörers eher tiefenpsychologisch nähern – als Projektionsfläche für eigene Wünsche: »Das war nicht ich, das war der Wechselhörer.« ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.