Gemessen am Selbstbild Berlins als Kulturmetropole ist Kulturpolitik im Berliner Wahlkampf überraschend wenig Thema (abgesehen von einigen Plakaten mit teils eher skurrilen Slogans wie Stefan Evers’ »Goethes Faust statt linker Haken«). Wenn dann doch mal, wie gestern in der Deutschen Oper, die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten von Grünen, Linken und SPD sowie Cerstin Richter-Kotowski von der CDU (als Vertretung von Spizenkandidat Stefan Evers, der bei einer Senatssitzung ist) aufeinandertreffen, um 90 Minuten lang über die Zukunft der Kulturförderung und -institutionen in Berlin zu sprechen, ist das Interesse in der Szene entsprechend groß. Das Foyer ist voll, die meisten im Publikum sind selbst Kulturschaffende, auch viele aus der freien Szene sind vor Ort. Sie hoffen auf Perspektiven für die Zeit nach der Wahl.
Die auslaufende Legislaturperiode war geprägt von drastischen und zum Teil willkürlich angesetzt wirkenden Sparmaßnahmen, der Kulturbereich war im Vergleich zu anderen Ressorts besonders stark betroffen. Ein Kultursenator und eine Kultursenatorin mussten abtreten, es gab ungelöste Sanierungsfälle, eine Fördergeldaffäre und einen rassistischen Shitstorm zu einem geplanten EOTO-Besuch im Volksbad, bei dem Stefan Evers, aktuell in Personalunion Regierender Bürgermeister und Berliner Kultursenator, viel zu spät für die Volksbühne, Kunstfreiheit und Menschenwürde in die Bresche sprang.

