Dass eine neue Musik sofort unmittelbar nach oder sogar bei ihrer Uraufführung vom Publikum durch und durch »verstanden« wird: selten! Tatsächlich liest man über viele Werke, die heute kein Orchester der Welt auslässt: »Bei der Uraufführung am siebenundzwanzigsten Xten Achtzehnhundertschlagmichtot reagierten Publikum und Presse äußerst verhalten. Heute gehört Hans-Jürgen Ottendummers Kammblas-Konzert in B-Dur zu den populärsten Werken der Klassik überhaupt.«
Die Uraufführung von Jean Sibelius’ symphonischer Dichtung Finlandia am 2. Juli 1900 in Helsinki stelle ich mir vor als ein Ereignis, bei dem geradezu eine Welle des Verstehens den Saal durchrauschte. Die Finlandia: eine Art »zweite Nationalhymne Finnlands« (die allerdings erst später fremdtextiert wurde). Ein kleiner finnischer Riesenschinken, mittels dem der Komponist Bilder aus der finnischen Geschichte und Mythologie musikalisch herbeimalt. Tatsächlich soll es damals, so ist in Berichten zu lesen, Stimmen gegeben haben wie: »Jede Finnin, jeder Finne wusste sofort, was gemeint war.« Und das im Zeichen dieser absolutmusikalischen, also textlosen Musik!

