Wie kann Kunst dem vielleicht komplexesten Konflikt der Gegenwart gerecht werden?

Text und · Titelbild GEORGE (CC BY 2.0) · Datum 15.8.2018

In Wieland Hobans Komposition Hora’ot Pticha Be’esh (Rules of Engagement I) aus den Jahren 2013 bis 2014 erklingen verzerrte Mikrotöne, tiefe Glissandi, Pizzicati und kreischende Instrumente. Sie begleiten die Aussage eines Hauptfeldwebels einer Panzerdivision der Israelischen Streitkräfte, der im Winter 2008/2009 in der Militäroperation »Gegossenes Blei« im Gazastreifen eingesetzt wurde. Der Soldat erzählt auf Hebräisch, wie wenig Rücksicht während dieser Offensive auf das Leben von Zivilist*innen genommen wurde, der Komponist übersetzt simultan auf Englisch. »The rules of engagement were to shoot« (»Die Einsatzregeln lauteten: schießen«). Das Zitat wird gesampelt und wiederholt, während die darunterliegende Musik immer näher rückt und sich in ihrer Textur verdichtet.

Auf dieses Stück lässt Hoban 2014 das Stück Al – Shifa (Rules of Engagement II) für Streichquartett und Tonband folgen, das vom Kairos Quartett uraufgeführt wurde.

Benannt nach dem größten Krankenhaus im Gazastreifen, funktioniert diese Komposition rein instrumental, mit mikrotonalen Maserungen, gespielt auf leeren Saiten, mit hohem Bogendruck und motivischem Material aus Hora’ot Pticha Be’esh. Das dritte und letzte Werk des Zyklus stellte Hoban am 8. Mai 2018 Björn Gottstein, dem künstlerischen Leiter der Donaueschinger Musiktage, vor. In einer privaten Mail antwortete Gottstein, dass er sich zwar nicht in politische Belange einmische, an denen Komponist*innen sich abarbeiten, er aber gleichzeitig keine israelkritischen Stücke bei den Musiktagen akzeptiere und deren Aufführung verhindern werde, solange er das Festival leite.

Hoban reagierte am 15. August 2018 mit einem offenen Brief, den bei Veröffentlichung 172 Mitstreiter*innen unterzeichnet hatten: »Ich halte es für inakzeptabel, dass eine öffentliche Debatte durch Zensur verhindert wird, zu welchem Thema auch immer«, heißt es darin. »Als Angestellter einer öffentlichen Rundfunkanstalt sollte Herr Gottstein nicht in der Lage sein, aus persönlicher Überzeugung die Behandlung eines Themas zu verhindern«. (Gottstein ist Redakteur beim Südwestrundfunk, der die Donaueschinger Musiktage veranstaltet. Neben dem SWR sind die Kulturstiftung des Bundes und die Ernst von Siemens Musikstiftung die größten Geldgeber des Festivals. Hier der komplette Brief nebst Unterschriften.)

Über den richtigen Umgang mit Israelkritik streitet in diesem Sommer nicht nur die Neue-Musik-Szene. Den Anfang machte die Kontroverse um die Einladung des Hip-Hop-Trios Young Fathers zur Ruhrtriennale, die dieses Jahr erstmals von der Dramaturgin Stefanie Carp kuratiert wurde. Die schottische Band ist ein Befürworter der BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen)-Bewegung, deren Ziel es ist, den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch zu isolieren. Carp hatte die Band nach Protesten ausgeladen, nur um sie am Ende wieder einzuladen. In einer Pressemitteilung begründet sie diese Entscheidung damit, dass das Zulassen unterschiedlicher Perspektiven und Narrative zum dramaturgischen Credo ihres Programms gehöre. Für die Wiedereinladung der Young Fathers musste Carp von vielen Seiten harsche Kritik einstecken, die auch anhielt, als die Band schlussendlich selbst absagte: Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland forderten Carps Ablösung, Armin Laschet (CDU), der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, das mit jährlich 12,65 Millionen Euro Hauptgeldgeber des Festivals ist, sagte seine Teilnahme an Veranstaltungen der Ruhrtriennale ab, weshalb ihm wiederum der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler in einem offenen Brief vorwarf, dass er mit seinem Fernbleiben »eine Symbolik betreibt, die alle kritische Auseinandersetzung verunmöglicht«.

Kritik an der Regierung Israels, seinem Militär und seiner Siedlungspolitik sind legitim und nicht zwangsläufig antisemitisch, egal ob in den Medien oder der Kunst. Trotzdem muss sich jede Form der Israelkritik auch mit der Frage beschäftigen, wo die Kritik aufhört und der Antisemitismus anfängt. Man kann nicht so tun, als gäbe es das Problem gar nicht. Man sollte es schon deshalb nicht tun, um sich keine falschen Freunde unter denen zu machen, die antisemitische Stereotype im Deckmantel von »man muss Israel doch wohl kritisieren dürfen« verpacken. Ein Kurator, der sich entscheidet, ein israelkritisches Werk ins Programm zu nehmen, trägt die Verantwortung dafür, das dieses nicht von Antisemit*innen vereinnahmt wird. Wenn man außerdem berücksichtigt, was es für manche Menschen bedeuten kann, wenn diese Kritik aus dem Land kommt, das für den Holocaust verantwortlich war, ist Gottsteins Entscheidung nachvollziehbar. Allerdings läuft sie auch Gefahr, Wasser auf die Mühlen derjenigen zu sein, die eine solche Haltung instrumentalisieren. Auch Antisemit*innen ziehen aus einer vermeintlichen Viktimisierung oft die nonkonformative Kraft eines »man muss doch sagen dürfen«. (Als wir Gottstein telefonisch erreichen, sagt er, er habe dieses Aussagen als Privatmann getroffen, nicht als offizielles kuratorisches Statement des Festivals. Einen weiteren Kommentar wollte er zunächst nicht abgeben.)

Hinsichtlich der Konfliktgenese, dem Verlauf von Einzelereignissen, den Auswirkungen des Konflikts auf die Region und die internationale Staatenwelt, militärische, ökonomische, soziale und psychologische Einzelaspekte ist der Nahostkonflikt vielleicht der komplexeste Konflikt der Gegenwart. Jede Bewertung läuft hier notgedrungen Gefahr, zu vereinfachen und sich angesichts der Multidimensionalität auf vorgefasste Meinungen zurückzuziehen. Die Frage lautet nicht, ob Kritik an den Konfliktparteien erlaubt ist, sondern, ob sie ein faires, kritisch-differenzierendes Bild zeichnet. Kann Kunst, kann zeitgenössische klassische Musik dem gerecht werden? Oder sollte man die Aufgabe, Zusammenhänge und Kausalitäten im Nahostkonflikt zu entwirren und zu entschlüsseln, besser Journalist*innen, Historiker*innen und Expert*innen von Regierungen und NGOs überlassen?

Selbst zeitgenössische klassische Kompositionen, die sich ausführlich mit Menschenrechtsverletzungen auseinandersetzen, wie John Adams’ The Death of Klinghoffer und Claude Viviers Wo bist du Licht! (über die Gräueltaten des Vietnamkriegs), schaffen es oft nicht, der Komplexität der Themen gerecht zu werden. Sie lassen einige Hörer*innen mit dem Gefühl zurück, manipuliert worden zu sein. (György Ligeti kritisierte Vivier für seine »Naivität« und seine Offenheit gegenüber der Sowjetischen Propaganda, obwohl er die Musik sehr schätzte.)

»Kann zeitgenössische klassische Musik einen sinnvollen Rahmen für die Debatte um eine der umstrittensten politischen Fragen unserer Zeit bieten?« Über Kunst und Israelkritik in @vanmusik.

Hobans Ora’ot Ptich Be’esh soll den moralischen und politischen Zerfall der Israelischen Streitkräfte anprangern, allerdings geht aus dem Quellentext nicht deutlich hervor, ob der Soldat, der hier erzählt, nicht einfach nur einen grausamen Vorgesetzten hatte. Die Musik ergreift Partei, und trotzdem hinterlässt das Video vom Bericht des Soldaten größeren Eindruck, weil die Geschichte neutraler erzählt wird. »Wenn man ein Loch im Dach hat, kann man natürlich ein langes Gedicht darüber schreiben, wie schlecht es ist, dass das Wasser runtertropft; oder man kauft ein Stück Dachpappe und macht das dicht«, so umschreibt Jakob Ullmann, der in der DDR wiederholt mit der Stasi aneinandergeriet, die Unmöglichkeit, durch politische Kunst konkrete Lösungen herbeizuführen.

Die Härte, mit der die Debatten um die Ruhrtriennale und Donaueschingen auf allen Seiten geführt werden, ist Beispiel dafür, wie die Gräben und Muster des Nahostkonflikts sich auch durch die Kulturlandschaft ziehen. Im Mitgefühl und Verständnis beider Seiten einen ständigen Perspektivwechsel vorzunehmen, scheint oft überfordernd. Umso größer ist die Versuchung, sich mit dem Ungerechtigkeitsgefühl auf eine Seite zu schlagen. Auch die Musik Hobans ist voller Leidenschaft. Der israelisch-palästinensische Konflikt hat davon allerdings schon mehr als genug. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.