Meinem Besuch im Staatstheater Cottbus droht bereits an der Bühnenpforte das vorzeitige Aus: »37,6 Grad!« grummelt der Pförtner und wedelt mit einem Thermometer vor meiner Nase. »Dit sieht nich jut aus. Wir wollen uns ja keen Superspreader ins Haus holen«, sagt er und presst das Thermometer gleich noch einmal an meine rechte Schläfe. Schuld am Temperaturanstieg ist der Sprint, den ich vom Bahnhof zum Schillerplatz hinlegen musste, wegen der Zugverspätung. Dazu die Ehrenrunde um den prächtigen Jugendstilkoloss, vorbei an Streitwagen-ziehenden Panthern, Laternen, die aus dem Rücken einer Sphinx wachsen, geflügelten Greifen über glitzernden Wasserfontänen und dicken Putten, die um steinerne Blumenbouquets tanzen. Der Bühneneingang liegt versteckt in einer Nische. Ich ringe nach Atem und einer Erklärung. Der Pförtner schüttelt missbilligend den Kopf, seufzt und drückt mir das Thermometer jetzt an die linke Schläfe. »Naja, nu siehts n’ bisschen besser aus: 37,4. Aber lassn’ Se bloß die Maske uff!«

Ich hetze an Schiller und Goethe vorbei, die im Foyer Besucher beäugen und die zentrale Abendkasse bewachen. Durch eine kleine Holztür schlüpfe ich ins Parkett. Über mir setzen weitere Raubkatzen zum Sprung an. In den Nischen des ersten Rangs erinnern mannshohe Vasen an die goldenen Zeiten der italienischen Renaissance, aus den Balustraden wachsen barbusige Fräuleins, die ihre Arme lässig über den Stuck legen. Auf der Bühne hingegen ein nüchternes Arrangement: In zwei Reihen stehen acht Stühle im vorgeschriebenen 1,5 Meter-Abstand. Generalprobe zum ersten Konzert der neuen Spielzeit: Brahms Klavierstücke opus 119 in einer Bearbeitung für Kammerorchester von Detlev Glanert. Die Intermezzi mit ihren verlorenen Melodien füllen die großen Lücken zwischen den Pulten mit zarter Melancholie. Mitten im Andantino un poco agitato in e-Moll ein plötzlicher Bruch: Das Cello ist zu laut. Dirigent Alexander Merzyn feilt präzise, bis die Balance aus Schwermut und Leichtigkeit stimmt.

