Raimund Trenkler, Gründer der Kronberg Academy, im Interview.

Text · Fotos © Andreas Malkmus · Datum 21.10.2020

Seit ihrer Gründung 1993 als Cello-Festival hat sich die Kronberg Academy von der ›Welthauptstadt des Cellos‹ (Mstislaw Rostropowitsch) zu einer der weltweit bekanntesten und renommiertesten Ausbildungsstätten für Streichinstrumentalist:innen entwickelt. Rund 30 Studierende können hier seit 2007 in den Fächern Geige, Cello und Bratsche Bachelor- und Masterabschlüsse erwerben, unterrichtet unter anderem von Künstler- und Lehrerpersönlichkeiten wie Frans Helmerson, Christian Tetzlaff, Tabea Zimmermann und Antje Weithaas. Seit 2018 gibt es außerdem ein von András Schiff betreutes Studienprogramm für kammermusikalisch orientierte Pianist:innen, hinzu kommen Veranstaltungen wie Meisterkurse, Kammermusik-Festivals und der Cello-Wettbewerb Grand Prix Emanuel Feuermann. Im Herbst 2022 zieht die Kronberg Academy um in das Casals Forum neben dem Kronberger Bahnhof, mit angeschlossenem Konzertsaal für 550 Zuhörer:innen, in dem unter anderem das Chamber Orchestra of Europe eine Heimstätte finden soll. Mit dem Academy-Gründer Raimund Trenkler sprachen wir über Musiker:innen-Ausbildung im Zeitalter permanenter Beschleunigung.

Raimund Trenkler • Foto © Andreas Malkmus
Raimund Trenkler • Foto © Andreas Malkmus

VAN: Die Kronberg Academy gibt es seit 1993. Wie haben sich die Herausforderungen für Ihre Studierenden in den letzten 27 Jahren verändert?

Raimund Trenkler: Wir haben eine enorme Beschleunigung erlebt. Heute gibt es ein Umfeld, in dem aus Effizienzgründen viele Dinge immer schneller gemacht werden müssen – schneller kommunizieren, schneller von einem Ort zum anderen gelangen. Eine Beethoven-Sonate können wir aber heute trotzdem nicht schneller erfassen. So gesehen steht die Kunst ein Stück weit dem heutigen Zeitgeist entgegen. Ich sehe es als unsere Herausforderung an, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem diese Kunst wachsen kann, in dem junge Musiker wachsen können, die Ruhe finden und sich die Zeit nehmen können, die sie brauchen.

Gleichzeitig wirken Umfeld- und Vergleichsdruck auch in Kronberg. Wie können Sie sich dem entziehen, wollen Sie sich dem entziehen?

Natürlich lastet auf vielen jungen Begabungen ein großer Druck. Damit einher geht auch die Erwartung von außen, sich diesem unreflektiert hinzugeben. Dagegen können unsere Lehrenden hier vermitteln, dass es nicht darum gehen darf, musikalische Entscheidungen aus Vermarktungsgründen zu treffen, oder Marketingziele über musikalische Ziele zu stellen. Wir sollten die Entscheidung darüber, was eine gute Beethoven-Interpretation oder eine schlechte ist, nicht allein den Vorgaben des Musikmarktes überlassen. Natürlich ist der Wunsch nachvollziehbar, Karriere zu machen. Aber dann gilt es zu hinterfragen, mit welchem Ziel? Das Publikum hat am Ende von einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Komponisten viel mehr als von Gefälligkeiten, zu denen man von außen gedrängt wird.

Christoph Eschenbach und Marie-Astrid Hulot
Christoph Eschenbach und Marie-Astrid Hulot

Allerdings verwenden auch Sie in Ihrer Selbstbeschreibung als Institution eine Rhetorik des Marktes: Spitzenklasse, Weltauswahl, Elite. Machen Sie das, um für private Förder:innen attraktiv zu sein?

Weltauswahl trifft es schon. Denn unsere Studentinnen und Studenten kommen aus der ganzen Welt. Aber wir haben ja hier nur Plätze für rund 30 Studierende. Es geht auch im Sinne einer Generationenkette darum, diejenigen zu finden, die das Wissen der großen Künstler unserer Zeit umsetzen und aufnehmen können und die vielleicht auch wieder selbst als Lehrende zurückkommen. Insofern haben wir uns konzentriert auf die besonders Begabten. Das Wort Elite benutze ich eigentlich nicht so gerne.

Für eine Audition werden bei Ihnen nur Bewerber:innen zugelassen, die eine Empfehlung einer Kronberger Lehrerin oder eines Kronberger Lehrers vorweisen können. Kann der Wunsch nach einer Kontinuität der Generationenkette, wie Sie es nennen, nicht auch dazu führen, dass so etwas wie Vetternwirtschaft entsteht?

Die Empfehlung eines Lehrenden ist ein Kriterium, um einen Kreis zu schließen, aber sicher nicht das entscheidende. Zu den Studierenden, die in den Studiengang aufgenommen werden, besteht oft bereits über Jahre hinweg Kontakt, zum Beispiel über die Meisterkurse. Wir verstehen uns ja nicht als Kaderschmiede, sondern bemühen uns um eine ganzheitliche Ausbildung. Wir wollen ein Bewusstsein für die Verantwortung schaffen, die man als Künstler trägt. Deshalb ist es uns wichtig, auch einen umfassenden Eindruck von der Persönlichkeit der Bewerber zu bekommen.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie sich als Kaderschmiede verstehen, ›nicht im Sinne einer Wirtschaftselite oder Gesellschaftselite, sondern im Sinne einer Leistungselite.‹

Das habe ich so gesagt?

Was ist denn die ›Leistungselite‹, nach der Sie suchen?

Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich in den Dienst der Musik zu stellen, als Transformator auch die Rolle zwischen Komponist und Publikum leben zu können, als herausgehobene Person in der Öffentlichkeit zu stehen und  die Verantwortung, die damit verbunden ist, auch zu leben. Ich glaube, dass Musik für unsere Gesellschaft wertvolle Impulse setzen kann, Vorbild sein kann, wenn wir alleine an die integrative Kraft der Musik denken.

Finden Sie, dass die klassische Musikwelt ausreichend divers ist, um eine solche integrative Kraft zu entfalten?

Man kann Hochbegabte nur überzeugend fördern, wenn man sich auch um die Breite bemüht. Auch das leben wir als Institution, indem wir Kindern die Möglichkeit geben, hier Cello, Geige und Bratsche zu lernen, indem wir Kinder- und Jugendkonzerte machen. Ich glaube, das ist ganz wichtig, denn am Ende müssen unsere Künstler ja für irgendjemanden spielen. Wenn wir über Ausbildungsaspekte sprechen, sehe ich allerdings ein großes Problem auch darin, dass wir viel zu viele Studierende mit Hoffnungen ausstatten, die nicht realistisch sind. Wenn wir sehen, dass es gar nicht genug Stellen gibt, und die eher abgebaut als aufgebaut werden, dann ist das ein Punkt, über den man sprechen muss.

Christian Tetzlaff und Kaoru Oe
Christian Tetzlaff und Kaoru Oe

Wie könnte man das verändern? Weniger Studienplätze, weniger Studiengänge, weniger Musikhochschulen?

Zumindest sollten wir mit dem Thema offener umgehen. Vielleicht will auch jemand ganz bewusst in der Schule oder Musikschule wirken. Man sollte das Berufsbild, die Erwartungen die damit verbunden sind, klarer definieren, um Enttäuschungen zu vermeiden. Das ist etwas, was ich oft erlebe.

Wo?

In Kronberg nicht, aber ganz allgemein. Als mittelmäßiger Anwalt zum Beispiel kann man immer noch ganz gut leben, als mittelmäßiger Musiker hat man es schwer.

Ihre Student:innen kommen aus unterschiedlichen kulturellen und sozioökonomischen Kontexten. Wie gehen Sie mit den damit eventuell verbundenen Ungleichheiten um?

Ich sehe eigentlich hier im Rahmen unserer Ausbildung diesen Punkt nicht, oder nur an einer Stelle, beim finanziellen Aspekt. Eltern haben unterschiedliche Möglichkeiten, ihre Kinder zu unterstützen. Das versuchen wir auszugleichen. Wenn jemand die Begabung mitbringt, soll es nicht am Finanziellen scheitern. Wir übernehmen manchmal auch die Lebenshaltungskosten.

Der Hochtaunuskreis ist eine der reichsten Kommunen Deutschlands. Wäre so etwas wie die Kronberg Academy als private Unternehmung an einem anderen Ort möglich gewesen?

Ja und nein. Einerseits wird der Aspekt von außen überschätzt. Wir haben viele Förderer, die aus Japan, aus London, aus New York, aus Zürich kommen. Es ist nicht so, dass der Ort die entscheidende Voraussetzung sein muss, aber ohne Frage ist er natürlich auch nicht hinderlich, sondern in manchen Fällen hilfreich.

Die klassische Musikwelt in Deutschland ist zum Großteil öffentlich finanziert. Sie sind eine der wenigen großen Klassikinstitutionen, die aus privater Initiative entstanden und finanziert sind. Was sind die Vor- und Nachteile?

Auch nach 27 Jahren fühle ich mich noch wie in einem Start-up, man sieht sich immer noch dem täglichen Überlebenskampf ausgesetzt. Das hat den Vorteil, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen. Letztlich entscheidet die Gesellschaft, ob ihr der Erhalt dieser Kunstform auf höchstem Niveau auch für zukünftige Generationen etwas wert ist. Öffentliche Durchfinanzierung kann manchmal dazu führen, dass man sich dieser Auseinandersetzung nicht stellt und zu bequem wird.

András Schiff, Mishka Rushdie Momen und Manuel Lipstein
András Schiff, Mishka Rushdie Momen und Manuel Lipstein

Wenn jetzt der Bund käme und die Kronberg Academy in eine Bundesförderung überführen wollte, wie fänden Sie das?

Ich fände eine zusätzliche Aufmerksamkeit schön, würde mich aber nie abhängig machen wollen. Ich würde es eher ausgewogen im Sinne einer Public-Private-Partnership sehen wollen. Ja, wir brauchen die öffentliche Anerkennung, aber ich würde meinem späteren Nachfolger oder meiner späteren Nachfolgerin nicht empfehlen wollen, diese Auseinandersetzung aufzugeben und sich in eine Abhängigkeit zu begeben.

Nun könnte man meinen, dass, wenn eines in der klassischen Musik nicht fehlt, dann Elitenbildung und leistungsgesellschaftliches Denken. Warum braucht es da noch Kronberg?

Weil es vielleicht diesen Ort braucht, der einen überzeugenden Beitrag leistet, diese Kunstform Musik auf höchstem Niveau lebendig zu halten. Weil es vielleicht noch einen Ort braucht, von dem aus der Musik kommend Impulse für unsere Gesellschaft ausgehen. Wie wäre es, wenn Angela Merkel und Wladimir Putin in einem nächsten Gespräch über Nord Stream vorher erstmal einen Satz aus einem Streichquartett von Tschaikowsky hören, mit zwei russischen und zwei deutschen Musikern …? Das würde nicht die Welt verändern, aber es würde zumindest die Türen öffnen, zur Möglichkeit einer Win-Win Situation, bei der es nicht einen Gewinner und einen Verlierer gibt, sondern ein kulturelles Band, bei dem man sich der Gemeinsamkeiten bewusst wird. Heute wird so oft das Trennende betont.

Musiker:innen-Ausbildung im Zeitalter permanenter Beschleunigung, Karriere- und Marktdruck und die Vor- und Nachteile eines Start-ups: Raimund Trenkler, Gründer der Kronberg Academy, in @vanmusik.

Das klingt schön, aber glauben Sie wirklich an die weltverbessernde Kraft der Musik? Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben – ich habe nicht das Gefühl, dass die Welt nach dem Hamburger G20-Gipfel 2017 eine bessere geworden ist, weil die versammelten Regierenden dort Beethovens Neunte in der Elbphilharmonie gehört haben.

Ja, ich glaube an die Kraft der Musik – natürlich nicht, wenn sie zur Symbolpolitik verkommt oder instrumentalisiert wird. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.