In einem Bloomberg-Artikel über eine Tour von Gustavo Dudamel und dem Los Angeles Philharmonic aus dem Jahr 2015 erwähnt der Autor Joel Stein einen tadellos gekleideten gutaussehenden langhaarigen Herren, den die Mitglieder des Orchesters wahlweise »den internationalen Mann der Mysterien« oder »den interessantesten Mann der Welt« nennen. Die Rede ist von Guido Frackers, dem Chef von TravTours, einer Agentur, die spezialisiert ist auf Orchester-Tourneen. Die ›Faszination Fracker‹ fußt möglicherweise auf seinem Terminkalender, der normalerweise ähnlich aussieht wie der des von George Clooney verkörperten Protagonisten in der Rom-Com Up in the Air (2009). 2019 reiste Frackers gut 300 Tage kreuz und quer um die Welt. Im Vergleich dazu ist seine berufliche Biografie überraschend geradlinig: 1992 begleitete der in Amsterdam geborene Fracker die erste Orchester-Tournee mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra. 1999 zog er nach Rancho Mirage in Kalifornien, um von den vormaligen Eigentümern, die sich zur Ruhe setzen wollten, TravTours zu übernehmen. Frackers, der heute 55 Jahre alt ist, hat mehr als die Hälfte seines Lebens mit dem Booking von Orchester-Tourneen verbracht, mit nur einer Unterbrechung: Als 29-Jähriger arbeitete er ein Jahr lang als Tauchlehrer in der Karibik. Am Telefon sprechen ich mit Frackers über die Auswirkungen von COVID-19 auf sein Business und die Zukunft des Tourens in Zeiten der Klimakrise.

VAN: Seit Beginn der Pandemie reisen Orchester logischerweise so gut wie gar nicht mehr. Haben Sie seitdem überhaupt noch gearbeitet?

Guido Frackers: Seit Beginn der Pandemie gab es keine neuen Bookings. Die ersten drei, vier Monate waren wir damit beschäftigt, Ordnung in das Chaos zu bringen und aus den Verträgen, die wir schon für geplante Tourneen abgeschlossen hatten, wieder rauszukommen. Das war sehr arbeitsintensiv und mühsam für unser Team. Es war eigentlich wie vor der Pandemie, nur mit den falschen Aufgaben: absagen, stornieren und darüber verhandeln.

Die erste Tour, die von unserer Seite aus abgesagt wurde, sollte mit dem Boston Symphony Orchestra nach Asien gehen. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr haben wir die gecancelt. Eine einzige Reise haben wir seit dieser ersten Absage betreut: eine kleine Tour mit dem Chicago Symphony Orchestra nach Florida im Februar 2020. Und wahrscheinlich dauert es noch bis zum dritten Quartal dieses Jahres, bis Orchester wieder so reisen können, wie sie es gewohnt sind.

Wurden Sie denn zumindest teilweise für Ihre Arbeit für die abgesagten Tourneen vergütet? Ein Großteil des Organisations- und Planungsaufwands hatte da ja schon stattgefunden.

Vor allem wurde dieser Aufwand durch die Vertragsauflösungen eher noch größer im Vergleich zu dem, was wir zu tun gehabt hätten, wenn die Tourneen tatsächlich stattgefunden hätten. Die letzten Verhandlungen hierzu haben wir erst vor drei Wochen abgeschlossen, mit der französischen Eisenbahngesellschaft [lacht]. Ich denke, keiner unserer Kunden hat am Ende wegen der Pandemie seine Vorauszahlungen nicht zurückerstattet bekommen.

Wenn wir jetzt mal auf die Zeit vor COVID-19 schauen: Was unterscheidet das Booking einer Orchesterreise von dem für andere Kunden?

Die Antwortet lautet, dass ich das gar nicht weiß, weil ich nie für jemand anderen als klassische Musiker:innen oder Menschen, die um deren Auftritte herum beschäftigt sind, gearbeitet habe. Unsere Agentur ist dafür da, Musiker:innen von ihrem Zuhause dorthin zu bringen, wo sie eben hin müssen, und von dort immer weiter, bis es dann wieder nach Hause geht – und all das möglichst angenehm zu gestalten. Wir versuchen, den Aspekt des Reisens bei aller physischen Fortbewegung so klein wie möglich zu halten.

Foto Smithsonian American Art Museum (Public Domain)
Foto Smithsonian American Art Museum (Public Domain)

Also alle anstrengenden Details so gut es geht zu reduzieren?

Das betrifft vermutlich mehr als Sie sich vorstellen können. Es ist wie eine Mischung aus dem Babysitting eines Zweijährigen und der Sorge um eine 92-jährige Großmutter. Kombinieren Sie die schlimmsten aller möglichen Ereignisse und kümmern Sie sich dann darum.

Was hat sich in Ihrem Business verändert seit 1992 bis, sagen wir mal, 2019?

Das Internet. Musiker:innen – generell alle Menschen – können ihre Touren jetzt einfach selbst buchen. Aber wir sehen, dass auch Leute, die das Online-Booking gewohnt sind, auf unseren Service zurückgreifen, wenn irgendetwas schief läuft. In den 90ern mussten wir uns nicht so viele Gedanken machen über die zehn bis zwanzig Prozent der ›was wäre wenn‹-Fälle: Was wäre, wenn das Online-Tool nicht funktioniert? Wir haben damals das gesamte Orchester betreut. Das hatte mehr von einem orchestrierten Reiseplan. Heute kümmern wir uns nur noch um 120 der 150 Orchestermitglieder und um die Probleme, die die anderen 30 haben, weil sie irgendetwas online gebucht haben, was dann nicht funktioniert.

Das klingt nicht fair.

Nein, aber das ist der Service, den wir bieten.

Gehen Sie normalerweise mit auf Tour?

Ich reise bei den meisten Tourneen mit. Etwa ein Jahr im Voraus mache ich die Reise außerdem schon einmal mit dem Orchestermanagement und einer Musikerin oder einem Musiker, um die Route durchzugehen, die Hotels auszuwählen, jeden Teil der Infrastruktur zu durchdenken, der möglicherweise Probleme oder Herausforderungen mit sich bringen könnte, und zu klären, warum wir bestimmte Objekte mehr empfehlen als andere.

So habe ich die Umgebung mindestens ein Jahr zuvor schonmal gesehen. Und wir haben einen ›Bulldozer‹, der 24 Stunden vor dem Orchester ankommt und den Weg frei macht, alles in den Hotels so vorbereitet, dass der Check-in für die Musiker:innen dann wirklich nur noch so lange dauert, wie man eben braucht, um sich einen Umschlag mit einem Zimmerschlüssel von einem Tisch zu nehmen.

Wie lang ist Ihr Arbeitstag, wenn Sie auf Tour gehen? Wie lange sind Sie für die Musiker:innen ansprechbar?

So ziemlich 24/7. Das gilt auch für unser Büro. Ich mache oft den Witz, dass wir in unserem Büro nur halbtags arbeiten: 12 Stunden am Tag. Den Rest des Tages kann man dann machen, was man will. Das gilt fürs Büro und für Zeiten, in denen nicht viel los ist.  

Vor der Pandemie habe ich immer wieder Posts und Social-Media-Kampagnen von Musiker:innen gesehen, die unzufrieden damit waren, wie Fluggesellschaften ihre Instrumente behandelt haben. Bringen diese Kampagnen was?

Nein. Naja, lassen Sie es mich so ausdrücken: Sie haben den Nutzen, dass die Person, die sowas postet, sich danach besser fühlt. Aber es sorgt nicht unbedingt dafür, dass bei Ihrer nächsten Flugreise irgendwas anders läuft. Wenn solche Situationen entstehen, gab es meist irgendwo eine Form von Fehlkommunikation. Das kann der Reiseveranstalter sein, der den falschen Flugzeugtyp gebucht hat. Das kann eine Mitarbeiterin der Fluggesellschaft sein, die die Regeln nicht kennt. Das kann ein Musiker sein, der denkt, dass für ihn, nur weil er in einem bestimmten Orchester spielt, andere Regeln gelten als für alle anderen. Das ist wie in The Perfect Storm: Wenn man diese vier oder fünf Elemente kombiniert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es schiefgeht.

Was waren die absurdesten oder kompliziertesten Reiseanfragen, die Musiker:innen an Sie gestellt haben?

Es gab mal diesen Dirigenten, der in Los Angeles residierte und einen Auftritt in Costa Mesa in Kalifornien hatte. Das sind nur 40 Meilen, aber in der Rush Hour kann die Fahrt auch mal eine oder anderthalb Stunden dauern. Und wir haben dem Dirigenten wirklich wärmstens, wärmstens empfohlen, in seinem eigenen Interesse und um den Komfort zu erhöhen ein schönes Fünf-Sterne-Hotel mit Blick auf den Pazifik zu buchen. Aber er wollte nicht. Er musste in Downtown LA bleiben und sich der Rush Hour aussetzen. Wir haben alles nochmal gecheckt und erklärt, dass diese 35-Minuten-Fahrt auch mal 90 Minuten dauern kann, während der Weg vom Fünf-Sterne-Hotel entspannt in 10 Minuten zu machen ist. Aber er bestand darauf.

Wir haben den Fahrer gestellt. Dieser Dirigent wollte vorne sitzen, also musste die Assistentin auf dem Rücksitz mit der Rush Hour klarkommen. Schon am Hotel war der Dirigent spät dran. Und der Assistentin war klar, dass die Probe nicht rechtzeitig würde starten können, wenn der Verkehr noch schlimmer wurde – was natürlich der Fall war. Der Dirigent kam gerade rechtzeitig zum Konzert, weil der Fahrer durch den Stau manövrierte wie eine Fledermaus, die irgendwie einen Weg direkt aus der Hölle findet. Der armen Assistentin wurde auf dem Rücksitz speiübel vom Stop-and-Go, sodass sie sich ins Auto erbrach. Anhalten war keine Option, sie mussten weiter. Als der Dirigent am Veranstaltungsort ankam und aus dem Auto stieg, sagte er: ›Guido, du hattest recht. Der Verkehr ist ziemlich anstrengend. Warum besorgst du mir für den Rest des Aufenthalts nicht einen Helikopter?‹

Foto Smithsonian American Art Museum (Public Domain)
Foto Smithsonian American Art Museum (Public Domain)

In einem VAN-Interview sagte die Geigerin Julia Fischer vor Kurzem: ›Ich war nie ein Fan davon, die Bedeutung der Karriere daran zu messen, wie viele Flugmeilen man im Jahr sammelt. Ich halte es für einen absoluten Wahnsinn, dass jedes Orchester denkt, es muss einmal im Jahr in New York gewesen sein und einmal im Jahr in Tokio.‹ Wie können Orchester-Tourneen nachhaltiger werden?

Das ist eigentlich unmöglich. Irgendwo muss man Abstriche machen. Entweder kommt das Produkt nicht dahin, wo das Publikum es hören will, oder man nutzt eben die Möglichkeiten, die man hat. Die ganze Industrie, der ganze Planet, versucht, grüner zu werden. Aber ist es möglich, ein Orchester ganz ohne CO2-Ausstoß vom einen Ende der Stadt zum anderen zu bringen? Wenn nicht alle laufen oder mit dem Rad fahren, sehe ich nicht, wie das funktionieren kann. Es ist sehr schwierig, internationale Reisen mit umweltfreundlichen Transportweisen zu bestreiten.

An welchem Punkt wird es für Orchester wichtiger, Emissionen zu reduzieren, als so viel zu touren?

Das ist eine Frage, die sich jedes Konzerthaus dieser Welt stellen muss. Vielleicht sollten sie keine ausländischen Orchester einladen. Die Orchester könnten darüber nachdenken, nicht jedes Jahr nach New York und Tokio zu fahren. Vielleicht jedes zweite Jahr. Oder man schickt eben nicht das ganze Orchester.

Einerseits sind Sie Radfahrer, Sie scheinen sich also Gedanken um die Umwelt zu machen. Andererseits ist es Ihr Job, ganze Orchester um die Welt zu schicken. Wie finden Sie da das Gleichgewicht?

Es gibt kein Gleichgewicht. Seitdem ich ein Teenager war, war ich auf Reisen. Alles, was man tut, hat seinen Preis. Und unglücklicherweise gibt es irgendwann einen Punkt, an dem man sagt: Dieser Preis ist zu hoch. Vielleicht sollten Orchester sich mehr auf ihr lokales oder nationales Publikum konzentrieren. Gleichzeitig ist das Gras auf der anderen Seite immer grüner. Wenn die Nachfrage da ist, wird das Angebot dem so gut wie immer folgen.

Wenn Sie schon seit so vielen Jahren reisen – gibt es da Dinge, die Sie stören oder bei denen Sie sehr wählerisch sind?

Ich bin ein guter Reisender. Nichts stört mich. Am wenigsten das Fliegen.

Guido Frackers, ein Fachmann für Orchester-Tourneen, über die Auswirkungen von COVID-19 auf sein Business, die Zukunft des Tourens in Zeiten der Klimakrise und Pierre Boulez’ Jetlag. In @vanmusik.

Nicht mal der Jetlag?

Nein. Wissen Sie, 1992, als ich noch ein völliger Neuling in der Welt der reisenden klassischen Musiker:innen war, holte ich Maestro Pierre Boulez nach einem Flug von Rom nach New York am Flughafen ab. Er fuhr direkt zu einer Probe in der Santa Cecilia, danach hatte er ein Interview und andere Verpflichtungen. Er war nach der Probe noch für eine oder anderthalb Stunden beschäftigt, und das nach einem transatlantischen Flug. Dann aß er schnell was und ging ins Hotel, wo er aber höchstens Zeit hatte für ein kurzes Nickerchen. Danach dirigierte er das Konzert und im Anschluss wurde von ihm erwartet, noch mit dem lokalen Veranstalter zu Abend zu essen. Ich fragte ihn: ›Maestro, wie machen Sie das? Was ist mit dem Jetlag?‹ Er sah mich an und antwortete mit starkem Akzent: ›Guido, Jetlag ist eine Schwäche des Geistes‹, legte sich den Mantel über den Arm und ging zum verabredeten Abendessen. Ich gähnte. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.