Einleitung zur Serie

Die sogenannte »Alte Musik« hat großes Pech mit ihrer Etikettierung. Wer will schon alt sein? Gemeint war der Begriff ursprünglich mal als Kampfansage an das musikalische Klassik-Establishment, eine Abgrenzung, ein Ausrufezeichen des »wir-sind-anders«. Etwas subversiv-alternativ, manchmal vielleicht auch naiv. Inzwischen hat sich die Alte Musik selber ins Establishment geschlichen, in die Hochschulen, die Konzertsäle und die Medien.

Unendlich viele Aufnahmen Alter Musik sind erschienen, Dutzende mehr oder weniger stark unterschiedliche Vergleichsaufnahmen der Hauptwerke, selbst Musik von Komponisten aus der dritten Reihe ist vielfach eingespielt worden, Entdeckungen werden immer seltener.

Vielleicht ist es deshalb wichtig, im Dschungel der Vielfalt etwas Orientierung zu bieten. Dies ist die dritte Folge von FAT CREAM, einer Reihe, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder enzyklopädischen Charakter erhebt. Sie ist kompromisslos aus Lieblingsstücken, Lieblingsaufnahmen, Lieblingskünstlern oder autobiografisch gefärbten Hörerlebnissen zusammengestellt. 

Musik, die glücklich machen kann, Musik die mir wichtig erscheint, für mich wichtig ist oder war. Und Klangwelten, in die man hineingezogen wird. Die spannende Frage an mich selber dabei ist: Gibt es Aufnahmen, die auch über längere Zeiträume hinweg alle Moden, sich verändernde Hörgewohnheiten, technische Errungenschaften und Geschmacksentwicklungen überdauern? Welche Aufnahmen haben das Potential eines »Klassikers«? Mit dieser Fragestellung durchforste ich jetzt neuerdings mein Gedächtnis wie meine Alte-Musik-CD-Sammlung und befrage Freunde und Kolleg/innen. Und begegne altvertrauten musikalischen Begleitern wieder, die ich fast vergessen hatte – obwohl ich ihnen viel zu verdanken habe.


Bach: The Violin Sonatas

Midori SeilerBerlin Classics, 2015

Nachdem ich in den ersten vier Folgen ziemlich alte »Klassiker« empfohlen habe, geht es heute um eine CD, die frisch aus dem Presswerk kommt – und das Zeug zum Klassiker hat.

Als ich heute morgen im Auto meiner zehnjährigen Tochter ein paar Stücke vorgespielt habe, hat sie gesagt: »Papa, Du musst schreiben, die Musik ist herzerwärmend.« Voilà. Das trifft es genau. Als Bach seine Sei Soli für Violine solo schrieb, war er Anfang 30. Er lebte als Hofkapellmeister in der kleinen Stadt Köthen (im heutigen Sachsen-Anhalt) und hatte mit seiner ersten Frau bereits sieben Kinder zur Welt gebracht. Ein Zwillingspaar starb kurz nach der Geburt. Als er mit der Reinschrift dieser Stücke 1720 nach einer mehrwöchigen Reise mit seinem Fürsten zurück nach Köthen zurück kam, war seine Frau bereits begraben. Ihn hatte keine Nachricht erreicht. Was uns heute als unfassbares Schicksal erscheint, war im 18. Jahrhundert keine Ungewöhnlichkeit. Menschen starben an für unsere heutigen Maßstäbe lächerlichen Krankheiten. Manchmal genügte ein Fieber. Die Kindersterblichkeit lag bei 50 Prozent, für die Mütter war jede Geburt ein lebensbedrohendes Ereignis. Von den insgesamt 20 Kindern Bachs starb die Hälfte vor dem dritten Geburtstag. Der Tod war ein ständig gegenwärtiger Begleiter, genauso wie die Gewissheit auf ein Leben nach dem Tod und die Erlösung von allem irdischen Leid. Vielleicht ist das der Grund, warum in Bachs Musik – und besonders in diesen Sonaten und Partiten – so viel Trauer, Trost, Weisheit, Glück und Hoffnung durchklingt. Ein eigener Kosmos, der nach nur dem Komponisten bekannten Gesetzen erschaffen wurde und so viel Geheimnisse birgt, dass man sich mehr als ein Leben lang damit beschäftigen kann.

Midori Seiler, Tochter einer japanischen Mozarteums-Professorin und eines bayerischen Konzert-Pianisten, aufgewachsen im Mozart-getränkten Salzburg und heute dort selber Professorin, hat sich bereits seit ihrer Kindheit mit diesen Stücken beschäftigt. Bereits vor fünf Jahren nahm sie an historischem Ort, dem Köthener Schloss, die Partiten auf, eine hin- und mitreißende Aufnahme. Nun hat sie am gleichen Ort die Sonaten eingespielt, und es ist kaum zu fassen: So differenziert, so klangvielfältig, so wild, so rührend habe ich diese Stücke noch nie gehört. Die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Werk und die Inspiration durch die authentische Umgebung sind in jeder Note zu hören. Diese Musik, die oft vor allem nach harter Arbeit für den Spieler klingt, wird zu einer Parabel für die Vielfältigkeit des menschlichen Lebens. Und macht süchtig, mich jedenfalls. So gespielt, kann man sie nicht oft genug hören. ¶

Folkert Uhde

... gründete nach Stationen als Techniker, Barockgeiger, Musikwissenschaftsstudent und Konzertagenturbetreiber gemeinsam mit Jochen Sandig 2006 das Radialsystem in Berlin. Er war Künstlerischer Leiter des Radialsystems, des Musikfest ION in Nürnberg und ist Intendant der Köthener Bachfesttage. Außerdem leitet er gemeinsam mit Hans-Joachim Gögl die Montforter Zwischentöne in Feldkirch/Vorarlberg.