Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie in Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Anfang März ist sein neues Buch Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung erschienen, bei der MaerzMusik sprach er noch einmal über das Thema, mit dem er in den letzten Jahren Bücher, Hörsäle und Medien füllte: soziale Beschleunigung. Die Steigerungslogik der Moderne legt er als Ursache und Folge einer gestörten Weltbeziehung dar, die in Entfremdung mündet. Jedoch sei nicht Entschleunigung die Antwort auf diese Problematik, sondern Resonanz. Dass ein Festival wie die MaerzMusik ihn für ihren Zeitfragen-Kongress Thinking Together einlädt, ist nicht verwunderlich – seine auf 800 Seiten dargelegte Soziologie strotzt in ihrer Begrifflichkeit vor Musikalität. Resonanz beschreibt er als die Suche danach, die »Weltachsen nicht verstummen« zu lassen, die Kunst – vor allem die Musik – als zentrale Resonanzsphäre des modernen Lebens. Wir treffen uns nach sechs Stunden Vortrag und Diskussion in einer ruhigen Ecke des Hauses der Berliner Festspiele. Auf die Frage, ob er nach dem ganzen Tag überhaupt noch reden könne, bestellt er eine Cola und bejaht. Sein rasantes Sprechtempo – in badischer Melodieführung – lässt keinen Zweifel.
VAN: Beschleunigung und eine damit einhergehende Entfremdung beschreiben Sie als das hervorstechende Merkmal postmoderner Gesellschaft. Wie wirkt sich das auf unser Hören aus?
Hartmut Rosa: Man findet schon in der historischen Entwicklung der Musik interessante Beschleunigungseffekte: In der Romantik gewinnt Dynamisierung eine ganz andere Bedeutung, das Spiel mit Tempi geht los, bei Schumann dann findet man Angaben wie ›so schnell wie möglich‹, dann: ›noch schneller‹. Diese Beschleunigung passt zu meiner historischen Analyse der dynamischen Stabilisierung der Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert.

