Folge 10

Von · Datum 5.10.2016

Accademia Bizantina & Ottavio Dantone: Händel, Orgelkonzerte, Op. 4 (L’Oiseau-Lyre, 2009)

Georg Friedrich Händel:  Orgelkonzert No. 1 g-Moll, Op. 4, No. 1, HWV 289: I. Larghetto e staccato • Link zum Album

Die zehnte Folge FAT CREAM, ein Mini-Jubiläum. Deshalb sollte die Musik diesmal etwas festlicher sein und noch dazu vielleicht zu den letzten spätsommerlichen Sonnenstrahlen passen. Und am besten noch etwas Mut für den unweigerlich kommenden Herbst machen.

»Festlich, also Händel«, so viel war schnell klar. Zumal es spätestens in der 10. Folge auch mal um Händel gehen musste, der bislang sträflich von mir vernachlässigt wurde. Zuerst hatte ich eine eine alte Kammermusik-CD in der Hand, Trio-Sonaten. Sehr schön. Aber nicht festlich genug. Dann kam mir meine Lieblingsaufnahme des Messias in den Sinn, mit Knabenchor und Christopher Hogwood – zu festlich, später vielleicht mal. Einige Arien-CDs sind mir auch noch eingefallen. Ohrwürmer konnte Händel wie kein Zweiter im 18. Jahrhundert schreiben.

Aber dann kam mir diese etwas exotisch anmutende CD in die Hände: Musik, die Händel für sich selber geschrieben hat. Orgelkonzerte! Hier konnte er sich in Personalunion als Komponist wie als Interpret zeigen. Und sein Publikum mit seinem Improvisationstalent in den Bann schlagen.

Händel, geboren in Halle an der Saale, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in England. Er war nicht nur Komponist, sondern auch Cembalist und Organist. Und eben auch ein Musikunternehmer – heute würde man sagen: Kulturmanager. Er mietete Theater, engagierte Sänger und komponierte unentwegt – und musste Tickets verkaufen, um alles bezahlen zu können. Die bewegte Biografie dieses außergewöhnlichen Mannes sprengt diesen Rahmen bei weitem, nur so viel: Diese Orgelkonzerte waren als musikalische Pausenunterhaltung für seine Oratorienaufführungen in London gedacht, quasi als eine Art Zusatzspektakel, im Eintrittspreis inklusive. Die Zuhörer waren nach zeitgenössischen Augenzeugenberichten begeistert, zumal Händel seine Konzerte nie zweimal auf die gleiche Weise spielte, sondern mit beständig neuen Improvisationen zu glänzen wusste.

Diese Orgelkonzerte waren keinesfalls für eine Kirche geschrieben, sondern für die Londoner Theater. Dementsprechend spielte Händel eine transportable Orgel, die er auch für die Begleitung seiner Sänger benutzte. Sein Instrument verfügte zwar über mehrere Register, hatte aber kein Pedal und sicherlich keinen allzu lauten Klang. Der italienische Cembalist und Organist Ottavio Dantone hat für seine Einspielung genau so eine Orgel benutzt, dazu passend ist sein Ensemble Accademia Bizantina mit nur jeweils drei ersten und drei zweiten Geigen besetzt. Diese Aufnahme ist so brillant, dass ich sie nach der Wiederentdeckung in meinem CD-Regal sofort dreimal hintereinander gehört habe. So viel Klangreichtum, Frische, Improvisationskunst und mitreißenden Elan findet man selten digital gebannt. Eine große Aufnahme großer Musik.

Händel war übrigens in jeder Beziehung ein »großer« Mann. Seine Freunde bezeichneten ihn liebevoll als »Mannberg«, weniger wohlmeinende Zeitgenossen freuten sich über Karikaturen wie diese hier, auf der er auf einem Weinfass sitzend mit demnächst zu bratendem Geflügel als Schweinchen an der Orgel gezeigt wird:

Ach ja: Händel hat mit diesen Stücken übrigens das Orgelkonzert erfunden. ¶

Folkert Uhde

... gründete nach Stationen als Techniker, Barockgeiger, Musikwissenschaftsstudent und Konzertagenturbetreiber gemeinsam mit Jochen Sandig 2006 das Radialsystem in Berlin. Er war Künstlerischer Leiter des Radialsystems, des Musikfest ION in Nürnberg und ist Intendant der Köthener Bachfesttage. Außerdem leitet er gemeinsam mit Hans-Joachim Gögl die Montforter Zwischentöne in Feldkirch/Vorarlberg.