Wer wissen will, was die Komponistin Ethel Smyth zu Lebzeiten dachte, fühlte und tat, kann sich glücklich schätzen: Sie hinterließ bändeweise autobiographische Aufzeichnungen und lieferte sich damit gleichsam der eher boulevardesken Musikgeschichtsschreibung mutig aus. Ein Substrat dieser Notizen hat Heidi Feilhauer 2023 ins Deutsche übersetzt: (Ethel Smyth: Paukenschläge aus dem Paradies, Köln 2023). Mit diesem Buch an seiner Seite kann man sich einige Fragen selbst beantworten, auch, was die Hintergründe mancher Kompositionen anbelangt. Diese sind teils zutiefst privat – und zugleich politisch. Und ein einziges Lied erscheint wie die Essenz eines ganzen Lebens.
Smyth wurde im April 1858 im Südosten Englands – in Sidcup, damals noch nicht zu London »eingemeindet« – in ein typisches bürgerlich-viktorianisches, kinderreiches Elternhaus hinein geboren. Smyth’ Mutter – aristokratischer Herkunft – war eine sehr gute Laiensängerin. Ethel Smyth selbst bekundet, sie habe zunächst »kein ernsthaftes Interesse« an Musik gehabt. Im Nachhinein beschreibt sie ihre eigene Musikalität als intuitiv, als immer schon vorhanden. Beim Singen und am Klavier transponierte sie »automatisch« in die richtigen Tonarten. Vorkunde der Hochbegabung ohne leopoldmozartschen, elterlichen Zwang.

