Wenn man jemanden ins Herz geschlossen hat, ist das auch daran zu merken, dass man empfindlich auf Kritik an ihm oder ihr reagiert. Ich war schon rund achtzehn Monate mit Miss Smyth unterwegs, oder Ethel – Dame Ethel wurde sie ja erst, nachdem sie sich das Rauchen abgewöhnt hatte –, da las ich ein paar süffisante Zeilen von Vita Sackville-West über sie, im Nachwort zu einer Biographie: etwas Mokantes über ihre Hunde und dass sie ja recht anstrengend gewesen sei. Und ich dachte: Ach, du verwöhnte Vita, du Aristokratin, du weißt doch überhaupt nicht, was Ethel so alles mitgemacht und durchgemacht hat! Als wenn ich das selbst besser wüsste… Und die kreischende Empörung, mit der Alban Berg Stücke geißelte, die sie in Wien dirigierte, »das dümmste was man sich vorstellen kann«, hat bei mir Skepsis ihm, nicht ihr gegenüber ausgelöst.
Ich mochte sie bald sehr, wie auf ganz andere Weise den anderen, den dunkleren, verschwiegeneren, berühmteren, mit viel größeren Geldsorgen: Claude de France, Achille-Claude Debussy, von dem ich mir nie vorstellen könnte, ihn mit Claude anzureden, eher mit cher maître, je länger, desto mehr. Wie ist es, mit beiden zwei Jahre lang zu leben, während ein Buch entsteht? Gehört »leben« da in Anführungszeichen oder nicht? Ändert sich das Hören, und wenn ja, wie? Debussy, von dem ich schon viele Werke kannte, trat mir als erster von beiden entgegen, als 32-jähriger. »Debussy sah sehr gut aus, ganz in Schwarz, in einem weich fallenden Hemd und mit wehender Krawatte. Unser Fürst der Finsternis.« So erinnert sich ein Freund ans Frühjahr 1895, im Jahr nach der Uraufführung von L’après-midi d’un faune. »Stumm, verschlossen« sei er gewesen.

