Daniel Barenboims ehemalige Orchestermanagerin wirft dem Dirigenten einen körperlichen Übergriff vor – und der Leitung der Berliner Staatsoper, dass sie ihre Beschwerde nie ernst genommen hat.

Text und · Titelbild Bundesarchiv, Bild 183-F1125-0301-002 / Link, Hubert (CC BY-SA 3.0) · Datum 3.9.2019

Am Samstag, den 17. März 2018 gegen 11:20 Uhr suchte Laura Eisen Daniel Barenboims Garderobe in der Staatsoper Unter den Linden auf. Die Orchestermanagerin der Staatskapelle Berlin wollte mit dem Dirigenten eine Besetzungsänderung in den Flöten für die bevorstehenden Endproben von Verdis Oper Falstaff besprechen. Nach Aussage Eisens, die sie im Juni 2019 gegenüber ihrem Anwalt macht und an Eides statt versichert, war Barenboim bereits wütend auf sie, als sie das Zimmer betrat. »Er schrie mich an, ich solle den Raum verlassen und er könne mir nicht mehr vertrauen«, schreibt Eisen. »Als ich dazu etwas sagen wollte, kam er auf mich zu, packte mich mit beiden Händen zwischen Schultern und Hals und schüttelte mich. Dabei schrie er mich an, dass ich verschwinden solle. Ich war geschockt, trat zwei Schritte zurück Richtung Tür und verließ direkt den Raum. Ich erinnere mich an den Gesichtsausdruck von Herrn Barenboim, der in dem Moment meines Zurückweichens selbst schockiert über sein Handeln zu sein schien.« Am Abend nach dem Vorfall, so Eisen gegenüber VAN, fühlte sie sich »schrecklich«. »Ich dachte: ›Bin ich im falschen Film?‹ Es war von seiner Seite aus völlig unangemessen. Aber vor allem war ich wütend darüber, dass es mir passiert ist und dass ich es zulasse«.

Laura Eisen • Foto Christina Stoll
Laura Eisen • Foto Christina Stoll

Der Grund für den von Eisen geschilderten Wutausbruch Barenboims war nach ihrer Aussage ein Missverständnis. »Er meinte, ich würde hinter seinem Rücken mit seinen Instrumenten disponieren«, erinnert sie sich. Die Pianistin Elena Bashkirova, Barenboims Ehefrau, veranstaltet jährlich im April das Kammermusikfestival »intonations«. In den vergangenen Jahren hatte das Jüdische Museum Berlin, wo das Festival stattfindet, für die Konzerte einen Steinway Model D von der Staatsoper geliehen. Auch im Frühjahr 2018 erhielt Eisen eine Anfrage von einem Mitarbeiter des Museums, ob der Flügel verfügbar sei. Eisen überprüfte den Zeitplan des Hauses und stellte fest, dass keiner der sonst verliehenen regulären Steinways zur Verfügung stand. (Der Umzug der Staatsoper aus dem Schiller-Theater in das historische Stammhaus Unter den Linden lag erst wenige Monate zurück, das Haus befand sich noch in einer Phase des Übergangs, weshalb die Kapazitäten begrenzt waren.) »Ich schrieb also zurück, dass sie, weil es das Festival von Frau Bashkirova ist, vielleicht Herrn Barenboim fragen könnten, ob sie einen der speziell für ihn gefertigten Flügel, die wir in der Staatsoper aufbewahren, benutzen dürften«, so Eisen. Ihr sei es darum gegangen, ihren Job zu machen und Barenboim möglichst nicht mit organisatorischen Kleinigkeiten zu behelligen. »Er dachte hingegen, ich würde seine Flügel willkürlich an Leute verleihen. Dabei war mir die Ideen nur gekommen, weil es sich um das Festival seiner Frau handelte.«

Barenboim und Eisen waren allein in seiner Garderobe, als sich der von ihr geschilderte Übergriff ereignete. Aber in den darauffolgenden Tagen berichtete Eisen zwei Freundinnen, Viola Eckert und Mara Nolte, davon. Eckert erinnert sich, dass Eisen ihr erzählte, Barenboim habe sie »gestoßen«. Die beiden waren eigentlich am Sonntag, 18. März, verabredet, aber Eisen habe kurzfristig abgesagt. »Sie schien aufgelöst, als würde es sie sehr schwer belasten«, erzählt Eckert. Nolte, die in Berlin als freie Journalistin arbeitet, erinnert sich daran, dass sie ursprünglich am Abend des 18. März mit Eisen ihren Geburtstag feiern wollte. Eisen habe aber beschlossen, zu Hause zu bleiben, weil es »bei der Arbeit nicht gut liefe«. »Es war ungewöhnlich, denn Laura ist normalerweise sehr gesellig«, erzählt Nolte. Später vertraute Eisen auch ihr an, dass Barenboim sie gestoßen habe. (Eisens Bericht vom Juni 2019 deckt sich mit ihren Aussagen für den VAN-Beitrag »Der Poltergeist«, für den Eisen im Februar 2019 anonym Auskunft gab).

Nach der Auseinandersetzung mit Barenboim sei sie zurückgegangen in ihr Büro, so Eisen. Ihre Kollegin Alexandra Uhlig, mit der sie sich das Büro teilte, habe gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung sei und sie darauf angesprochen. »Daraufhin habe ich ihr und meiner Vorgesetzten Annekatrin Fojuth, die im Büro mit Verbindungstür nebenan saß, vom eben Erlebten erzählt«, schreibt Eisen in ihrer Erklärung. Orchesterdirektorin Fojuth habe daraufhin angekündigt, die Sache direkt mit dem Intendanten der Staatsoper, Matthias Schulz, zu besprechen. (Uhlig lehnt eine Stellungnahme dazu ab. Fojuth hat auf Anrufe und schriftliche Nachfragen bisher nicht reagiert.) Am 19. März 2018 fand nach Eisens Angabe ein gemeinsames Treffen mit Fojuth und Schulz statt, in dem Eisen detailliert von dem Vorfall berichtete. Schulz habe sein Bedauern geäußert und versprochen, mit Daniel Barenboim zu reden und alles zu tun, damit so etwas nie wieder vorkomme. Außerdem habe er ein baldiges klärendes Gespräch zwischen Barenboim und Eisen in Aussicht gestellt. Annekatrin Fojuth erklärte sich wiederum bereit, Eisens Themen mit Barenboim solange zu übernehmen, bis zwischen den beiden wieder eine Vertrauensbasis hergestellt sein würde.

Im Zuge der Recherchen über Daniel Barenboims Führungsstil an der Berliner Staatsoper, bat VAN am 4. Februar 2019 Intendant Matthias Schulz in einer schriftlichen Anfrage um Auskunft, ob ihm Fälle bekannt seien, in denen sich Daniel Barenboim Mitarbeiter*innen gegenüber in übergriffiger Weise verhalten habe. Am 6. Februar 2019 antwortete Schulz schriftlich: »Problematisches Verhalten durch Daniel Barenboim, der Höchstleistungen erbringt, ist uns zu keinem Zeitpunkt bekannt geworden.«

Für diesen Beitrag fragte VAN bei Schulz nach, ob er zum Zeitpunkt der Stellungnahme vom Februar 2019 von einem Vorfall zwischen Eisen und Barenboim im März 2018 gewusst habe, und falls ja, ob es richtig sei, dass er diesen nicht als »problematisches Verhalten« einstufe. Schulz antwortete am 27. August 2019 wiederum schriftlich: »Es wurde in Bezug auf Daniel Barenboim nichts an uns herangetragen, was strafrechtlich relevant gewesen wäre. Dies wurde auch durch die im Zuge der Aufarbeitung der Vorwürfe eingerichteten, externen und unabhängigen Ombudsstelle bestätigt.« (Daniel Barenboim selbst hat auf die Bitte nach einer Stellungnahme bisher nicht reagiert.)

Dass sich in einer Kultureinrichtung die Leitlinien für den Umgang miteinander hingegen nicht alleine am Strafrechtskatalog orientieren, macht der Deutsche Bühnenverein in seinem im Juni 2018 veröffentlichten »Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch« deutlich. Darin verpflichten sich die im Bundesverband organisierten privaten und öffentlichen Theater und Orchester, darunter auch die Berliner Staatsoper,  zur Durchsetzung verbindlicher Verhaltensregeln. Dazu gehört das Unterlassen jeglicher Übergriffe »gestischer, sprachlicher und körperlicher Form«. »Dem Management und der Führungsebene jedes Theaters und jedes Orchesters obliegen in diesem Zusammenhang besondere Fürsorgepflichten für die Mitarbeiter*innen«, heißt es im Kodex weiter.

Nach dem von Eisen berichteten Vorfall im März 2018 versuchte die Orchestermanagerin, Daniel Barenboim so gut es ging aus dem Weg zu gehen. »Ich hatte Angst, dass es in der Zwischenzeit wieder passieren würde«, erzählt sie. »Mein Kontakt mit ihm beschränkte sich auf das Nötigste wie Partituren auflegen, Türen aufhalten, und ging zumeist ohne großartige Kommunikation vonstatten.« Absprachen, Rückfragen und Koordinatorisches wie Probenplanungen oder Besetzungsdispositionen fanden über Mittlerinnen wie Annekatrin Fojuth oder Antje Werkmeister, Daniel Barenboims persönliche Referentin, statt – nur so lange, bis sich Barenboim bei ihr entschuldigt habe, wie Eisen hoffte. Die Entschuldigung blieb jedoch aus. »Ich habe oft bei Herrn Schulz nachgefragt, wann das klärende Gespräche stattfindet. Ich wollte so schnell wie möglich darüber reden, um wieder ein vertrauensvolles Verhältnis zu Herrn Barenboim herzustellen und meine Arbeit gut machen zu können. Ich war an einer Lösung interessiert, aber mit Daniel Barenboim war ab dem Moment keine Kommunikation mehr möglich.« Eisen, die im Mai 2017 vom Nationaltheater Mannheim an die Staatsoper gewechselt war, hatte aus Musiker*innen-Kreisen gehört, dass die Staatsoper ein schwieriger Arbeitsplatz sein könnte. Aber Barenboims Aggression war ein Wendepunkt für sie. »Ich habe mir versucht zu sagen: ›Es ist nicht so schlimm‹. Aber eigentlich ist es ziemlich schlimm«, sagt sie. »Es ist passiert, okay. Aber wie damit umgegangen wurde, ist auf jeden Fall nicht okay.«

Das angekündigte Gespräch zwischen Eisen, Matthias Schulz und Daniel Barenboim fand schließlich Anfang Mai 2018 am Rande einer Tournee der Staatskapelle in Barenboims Garderobe im Wiener Musikverein statt. Allerdings, so Eisen, kam die von ihr geschilderte körperliche Auseinandersetzung vom März dabei nicht zur Sprache:

»Es wurde darüber gesprochen, wie ich mich bisher eingearbeitet habe und ob ich mit der vielen Arbeit zurecht käme. Herr Barenboim sagte mir, man würde merken, wie belastet ich sei. Ich antwortete, dass es gerade wahnsinnig viel wäre und ich hoch belastet wäre. Trotzdem, so meine Einschätzung, würde ich mit dem Stress klarkommen und darauf hoffen, dass sich vieles noch einspielen wird. Der Vorfall vom 17.03.2018 wurde in diesem Gespräch nicht erwähnt, weder von Herrn Barenboim noch von Herrn Schulz. Nachdem Herr Barenboim den Raum verlassen hatte, blieben Matthias Schulz und ich zurück. Ich fragte ihn, wieso er auf den Übergriff im März nicht zu sprechen gekommen sei, denn hierfür war der Termin meines Wissens nach anberaumt worden. Er entgegnete, dass ich soeben ja die Möglichkeit gehabt hätte, Herrn Barenboim damit zu konfrontieren.«

Eisen fühlte sich überrumpelt. Sie hatte erwartet, dass Schulz den von ihr berichteten Übergriff ansprechen und Barenboim sich entschuldigen würde. Angesichts seiner regelmäßigen Wutausbrüche und unangefochtenen Machtposition an der Staatsoper habe sie sich unwohl gefühlt bei dem Gedanken, Barenboim direkt mit dem Vorfall zu konfrontieren. Zudem hat Schulz als Intendant die Führungsverantwortung über das künstlerische Personal. »Es ist seine Aufgabe, seine Mitarbeiter*innen zu schützen«, so Eisen.

Am 15. Oktober 2018 traf sich Schulz erneut mit Eisen und kündigte an, ihren befristeten Vertrag nicht über das Ende der laufenden Saison hinaus zu verlängern. Der beim Treffen anwesende Gewerkschaftsvertreter der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), den Eisen hinzugebeten hatte, fertigte eine Mitschrift des Gesprächs an, die VAN vorliegt. Schulz bemängelte demnach Eisens »Grundherangehensweise« und erklärte, manche Strukturen an der Staatsoper seien »aufgrund von Leuten wie Daniel Barenboim, Simon Rattle, René Jacobs nicht normal wie an anderen Theatern«. »Man darf ›Nein‹ sagen, aber wie? Man muss Daniel Barenboim zeigen, dass man alles Mögliche versucht. Daniel Barenboim fordert extrem viel und ist sehr ungeduldig; er lässt niemanden in der Komfortzone.« Eisen müsse lernen, sich nicht zu beschweren, sondern mit einer positiven Einstellung Veränderungen einzubringen.

Eisen entgegnete, dass an der Staatsoper eine »Atmosphäre der Angst« herrsche, die eng mit der Person Barenboim verknüpft sei. Sie fühle sich darin »wie ein menschlicher Blitzableiter«. Schulz beendete das Treffen mit dem Hinweis, dass Eisens Chefin, Annekatrin Fojuth, zwar mit ihrer Arbeit zufrieden sei, Barenboim und der Orchestervorstand der Staatskapelle aber gegen eine Verlängerung ihres Vertrages gestimmt hätten.

Gegenüber dem Berliner Tagesspiegel bezeichnete Schulz die im VAN-Beitrag vom 6. Februar 2019 geäußerten Vorwürfe als »anonyme Denunziationen«, auf die Daniel Barenboim nicht reagieren werde. Für Eisen ist dies, neben der Tatsache, dass der Intendant in seiner Stellungnahme jegliche Kenntnis eines »problematischen Verhaltens« Barenboims abstritt, Zeichen dafür, dass ihr Anliegen nie ernst genommen wurde. »Ich fand das sehr schmerzhaft«, sagt sie. »Ich war daran interessiert, eine Lösung für den Konflikt zu finden. Sonst hätte ich einfach aufgehört.«

Obwohl die Staatsoper stets die positive Arbeitsatmosphäre im Haus betonte, wurde Ende Februar 2019 im Zuge zunehmenden öffentlichen Drucks die Mediations-Agentur Betriebs-Partner GmbH & Co.KG unter der Leitung von Constantin Olbrisch beauftragt, den Vorwürfen nachzugehen. Am 28. Februar 2019 schrieb Schulz in einer E-Mail an die Belegschaft: »Die gewonnen Erkenntnisse möchten wir nutzen, um zusätzliche Impulse für ein angenehmes Arbeitsklima und kollegiales Miteinander zu setzen.« Er ermutigte seine Mitarbeiter, sich an Olbrisch zu wenden und »über jeden von uns kritisch zu äußern«. Das Schreiben wurde unterzeichnet von Matthias Schulz, Daniel Barenboim und Ronny Unganz, dem geschäftsführenden Direktor der Staatsoper. Eisen war eine der Mitarbeiter*innen, die dies taten. Sie berichtete Olbrisch von der Auseinandersetzung mit Barenboim und ihrer Unzufriedenheit darüber, wie damit vonseiten des Managements umgegangen wurde. Auch einige ehemalige Mitarbeiter*innen gaben VAN gegenüber an, sich an die Beschwerdestelle gewendet zu haben.

Olbrisch beendete seine Untersuchung Anfang Juni 2019. Eisen, die um Einsicht in die Ergebnisse gebeten hatte, wurde laut eigener Angabe von Ronny Unganz mitgeteilt, dass der Gesamtbericht der Opernleitung lediglich mündlich präsentiert worden sei. Er bot ihr aber an, eine Zusammenfassung des Berichts zu lesen. Eisen war überrascht, dass diese nur zwei Seiten umfasste, in denen zudem keine konkreten Beschwerdefälle genannt wurden. Zwar konstatierte die Zusammenfassung Probleme in der Arbeitskultur der Staatsoper, kam aber zu dem Schluss, dass »die Vorwürfe des Machtmissbrauchs durch Herrn Barenboim nicht durch rechtlich relevante Anschuldigungen gestützt wurden«, wie Eisen sich erinnert. (Olbrisch lehnt gegenüber VAN jede Stellungnahme unter Berufung auf seine Verschwiegenheitspflicht gegenüber seinem Kunden, der Staatsoper, ab.)

Am 4. Juni 2019 gab der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) auf einer Pressekonferenz im neobarocken Apollosaal der Staatsoper die Verlängerung des Vertrags von Daniel Barenboim als Generalmusikdirektor bis 2027 bekannt. Auf die Frage nach den Ergebnissen der Arbeit der Ombudsstelle antwortete Lederer, dass im Rahmen der Untersuchung keine »rechtlich relevanten Vorwürfe« bekannt geworden seien. Tatsächlich lag auch Lederer zu diesem Zeitpunkt nur die zweiseitige Zusammenfassung des Berichts vor, wie sein Sprecher Daniel Bartsch am 30. August 2019 auf VAN-Nachfrage bestätigt. Konkrete Fälle wie der Laura Eisens seien dem Kultursenator hingegen nicht bekannt gewesen. Gleichzeitig verweist Bartsch auf ein Schreiben Lederers vom 12. Oktober 2018 an alle institutionell geförderten Kultureinrichtungen des Landes Berlin, also auch die Staatsoper. In diesem bittet Lederer die verantwortlichen Führungskräfte darum, »die Verhinderung und Bekämpfung von Machtmissbrauch, Diskriminierung und sexueller Belästigung zu Ihrem Thema, ja zur Chefsache zu machen«.

Eisens Vertrag an der Staatsoper lief Ende Juli 2019 aus. In einem Interview mit dem RBB sagte Matthias Schulz am 14. Juli 2019: »Wir sind froh, dass diese Situation [die Vorwürfe gegenüber Barenboim] geklärt ist. Wir haben uns sehr intensiv damit auseinandergesetzt und werden gemeinsam mit allen Beteiligten weiterhin an einer wunderbaren Unternehmenskultur arbeiten. Wir haben uns noch einmal bewusst gemacht, was man an Daniel Barenboim hat. Alles Weitere wird zwischen ihm und dem Orchester geklärt.« Zwischen Februar und Juni 2019 leitete Olbrisch in der Staatsoper drei Coaching-Sitzungen zur Kommunikations- und Organisationskultur im Haus. Die Beziehung zwischen den Mitarbeiter*innen und Daniel Barenboim, der an den ersten 15 Minuten der ersten Sitzung teilnahm, stand dabei laut einem teilnehmenden Musiker nicht im Mittelpunkt.

Daniel Barenboims ehemalige Orchestermanagerin wirft dem Dirigenten einen körperlichen Übergriff vor – und der Leitung der Berliner Staatsoper, dass sie ihre Beschwerde nie ernst genommen hat.

Für Eisen hingegen ist die Situation noch lange nicht geklärt. Als sie ihre Tätigkeit an der Staatsoper antrat, war es ihr Ziel, die Kommunikation und Organisation im Haus zu verbessern. Dies sei auch der explizite Auftrag der Opernleitung gewesen. »Ich hatte großen Respekt vor dem Job, der Staatskapelle und Herrn Barenboim selbst«, sagt sie heute. »Ich wusste auch, dass der Weg schwierig werden könnte, aber ich wollte dabei helfen, die Institution zu modernisieren. Aber es war schwer, viel Begeisterung für dieses Ziel zu finden.« Eisen räumt ein, dass problematische Arbeitsbedingungen nicht nur an der Staatsoper herrschen. »Die Tatsache, dass für Genies und Stars scheinbar andere moralische Regeln gelten, ist die Ursache für viele Probleme in der klassischen Musik«. Es gehe ihr nicht darum, sich an Daniel Barenboim persönlich oder der Staatsoper zu rächen, sondern etwas aufzubrechen, was auf sie wie eine andauernde Verschleierung der Probleme wirkt. »Die Staatsoper ist eine großartige Institution, an der ich gerne gearbeitet habe, bis der Preis zu hoch wurde«, sagt sie. »Ich hoffe aber immer noch, dass sich die Dinge ändern werden.« ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.