»Christophe Morin Glove« schlägt Googles Algorithmus unvermittelt vor. Der schwarze Handschuh, den der französische Cellist an seiner linken Hand trägt, ist, ohne dass er es darauf angelegt hätte, zu seinem Markenzeichen geworden. In Australien, wo er mit dem Modigliani Quartett tourte, in Internetvideos oder heute Abend in der Elbphilharmonie – das Vehikel, das ihm nach einer nun schon 13 Jahre andauernden nervlichen Belastung mit beruflicher Auszeit wieder erlaubt, Cello zu spielen, zieht Blicke und Fragen auf sich. Mal verschämt, mal direkt: Kollegen, Künstlerische Leiter, Publikum – alle interessieren sich irgendwie für seinen Handschuh. Zwischen Anspielprobe und Konzert mit dem Mahler Chamber Orchestra im Großen Saal der Elbphilharmonie treffen wir uns zum Gespräch. Es besteht kein Zweifel: Das Cello Spielen funktioniert mit seinem schwarzen gant (frz. für Handschuh), Christophes markante Bartók-Soli erreichen den letzten Platz der Elbphilharmonie und lassen im Angesicht von Abgrund und Schönheit zugleich erschaudern. Nachdem er seine ganz offensichtlich dringlich benötigte Zigarette geraucht hat, wofür es den mit elektrischen Sicherheitskarten regulierten Hochsicherheitstrakt »Elfi« zu verlassen gilt, treffen wir uns in der beschaulichen Cafeteria im 12. Stock. Örtlich wie thematisch eine Rückkehr zum scheinbar Profanen, es fällt schwer, nach dem Gehörten nicht über Musik zu sprechen.

Was hast du denn an der Hand?

Ich kann dir nicht viel darüber sagen. Es fällt mir nicht so leicht, über meine Verletzung zu sprechen, da das Problem noch nicht ganz gelöst ist. Ich konnte 13 Jahre keine Konzerte geben und nicht wirklich spielen wegen dieser Verletzung. Jetzt geht es wieder, aber es ist eben noch nicht perfekt.

Ich habe das Gefühl, dass Verletzungen in der von Perfektion beherrschten klassischen Musik besonders gern tabuisiert werden. Geht dir das auch so?

Manchmal ja. Meine Verletzung und der Handschuh sind aber kein Tabuthema. Es ist nur nicht leicht für mich, darüber zu reden. Es hängt natürlich sehr davon ab, mit wem man spricht. Also: Vor Jahren habe ich Probleme mit dem Spielen bekommen, weil meine Hände zu feucht waren. Nach vielen Konsultationen bei diversen Ärzten habe ich mich für eine Operation entschieden, in der mir ein Nerv abgeschnitten wurde, der dafür verantwortlich ist.

Welcher Nerv war das?

Der sogenannte Sympathikus. Die Operation, in der er mir durchtrennt wurde, ist allerdings nicht gut verlaufen. Seither sind meine Hände zu trocken, um zu spielen … voilà.


Ich insistiere nicht weiter, eine kleine Recherche im Internet über die »endoskopische thorakale Sympathikusblockade (ETS)« führt in nicht enden wollende Foren, die noch viele weitere mögliche Nebenwirkungen diskutieren. Bei manchen tritt die Transpiration nach der OP an anderen Körperstellen auf, bei anderen hinterlässt sie Störungen des Nervensystems, bei einigen läuft der Eingriff am sympathischen Grenzstrangnerv gut. Medizinisch liegt die wie auch immer bemessene Erfolgsrate der OP bei 98 Prozent, dennoch schlägt einem in den Foren vor allem eins entgegen: Ratlosigkeit. Man erhält eine Ahnung von dem Ausmaß der Suche, über die Morin in knappen Sätzen Auskunft gibt.


Mit dem Handschuh scheinst du keine Probleme mehr zu haben

Der Handschuh hilft mir dabei, über die Saiten zu gleiten. Ich kann wieder spielen, ja. Perfekt ist es noch nicht.

Wie bist du auf den Handschuh gekommen, mithilfe von Ärzten?

Nein, alleine. Ich habe 13 Jahre lang alles Mögliche ausprobiert. Cremes, tausend Sachen. Das war wirklich ein travail de fourmis (dt. etwa: ›Ameisenarbeit‹), eine unendliche Aufgabe. Irgendwann kam ich dann auf den Handschuh – und bin nun wohl der erste Cellist weltweit, der mit einem solchen spielt.

Was ist das genau für ein Material?

Ich habe verschiedenste Materialien ausprobiert. Irgendwann bin ich auf dieses gestoßen, Mikrofasern, die viel feiner sind als andere Stoffe. Zwei verschiedene Arten davon sind in dem Handschuh verarbeitet.

Und wer hat ihn produziert?

Ein Freund hat ihn mir genäht, er schneidert auch Klamotten für mich. Jetzt suchen wir, zum Teil auch mit Ärzten, nach einem noch besseren Material.

Foto Geoffroy Schied
Foto © Geoffroy Schied

Wie war und ist das finanziell – zahlt die Recherchen und alles die Versicherung? Wie hast du die 13 Jahre überlebt?

Die Versicherungen zahlen keinen Cent. Auch heute noch zahle ich jede Recherche, jede medizinische Forschung selbst. Das Problem ist wohl zu selten, als dass es die Wissenschaft interessieren würde … Das ist wie mit diesen Kinderkrankheiten, die einfach nicht erforscht werden, weil es zu wenige betrifft.

Hat sich dein Blick auf die Musikwelt irgendwie verändert in der Zeit, in der nicht sicher war, ob du weiterspielen kannst? Hast du dir zeitweise einen anderen Beruf überlegt?

Nein, ich habe einfach weitergesucht.

All die Jahre?

Ja. Irgendwann hätte ich vielleicht über Alternativen nachgedacht, aber eigentlich konnte ich mir noch nie in meinem Leben etwas anderes vorstellen, als Cello zu spielen.

Du hast noch ein Festival gegründet, auf der Île de Ré?

Ja, mit einer sehr guten Freundin zusammen, aber das erst, als ich wieder spielen konnte. Ich bin auch davor all die Jahre in der gleichen klassischen Musikszene geblieben. Alle meine Freunde sind Musiker! Ich habe mit ihnen zwischendurch immer wieder versucht zu spielen, neue Dinge ausprobiert. 13 Jahre scheinen wahnsinnig lang, aber wenn man auf der Suche ist, vergeht doch eins nach dem anderen.

Spielst du heute anders?

Nein, als Künstler hat mich das eigentlich nicht verändert. Mir ist eigentlich nur noch viel klarer geworden, wie sehr ich das liebe, was ich tue.

Kannst du das in Worte fassen, diese Liebe?

Nein, nicht so einfach. Ich kann einfach nicht ohne. Die Energie im Spielen, in allem, die gemeinsame Nervosität vor dem Konzert, das gemeinsame Glück – all diese menschlichen Dinge, die haben mir in einem Maße gefehlt, dass ich einfach alles in diese Suche gesteckt habe, ohne nach rechts und links zu schauen. Man muss einfach irgendwie weitergehen. Ich wüsste nicht, was ich sonst hätte machen sollen.

Du spielst in verschiedenen Kammermusik-Formationen, vom Quartett zum Orchester, heute Abend mit dem Mahler Chamber Orchestra – was findest du hier für eine Energie?

In meinem gesamten Leben als Musiker, und das betrifft auch das MCO, gibt es keine Routinen. Wir treffen an den unterschiedlichsten Orten aufeinander, in den verschiedensten Kontexten, alle kommen ja auch aus anderen Ländern. Und das Orchester ist extrem motiviert. Das Beste ist, sich das anzuhören.


Die Kollegen haben die Cafeteria auch bereits verlassen und sind Backstage, wir verabschieden uns und ich begebe mich zu Block E im 13. Rang. Die fast anarchische Unbeirrbarkeit, die Christophes Geschichte umgibt, scheint sich der Ökonomie, der Zeit sowie dem echten Leben zu entziehen. Sie passt sehr gut in dieses Haus. Das Orchester sitzt. Mitsuko Uchida betritt die Bühne wie ein gelber Schmetterling. Keine Premiere, im Januar war sie bereits mit einem Klavierabend hier zu erleben, zuvor hatte sie mit ihrem berüchtigt-feinen Ohr die drei Steinway-Flügel für den Saal ausgewählt. Nun mit Orchester: Mozarts Klavierkonzert in G-Dur, gefolgt von Bartóks Divertimento für Streichorchester, das Klang und Charakter des Saals auf perfekte Art und Weise auslotet, dann noch einmal Mozart, C-Dur. Auch wenn Uchidas sehr fragile Kurtág-Zugabe etwas würdelos im Husten- und Türenkonzert des Publikums untergeht, sind doch viele spürbar begeistert und das Orchester sichtlich erleichtert. »Der Saal klingt fantastisch, mit Publikum noch besser.« Christophe steht nun mit Rotwein im Foyer. Wieder ist das Gespräch beim Handschuh – diesmal interessiert sich die Crew der Elbphilharmonie. Er entweicht zur Abfahrt ins Hotel. Seine Suche nach dem perfekten Material geht weiter, wir werden uns wohl im Mai wiedertreffen, wenn das MCO mit Teodor Currentzis wieder in Hamburg zu Gast ist. Und dann über Musik reden. ¶

Elisa Erkelenz

... hat französische und deutsche Literatur sowie Kulturmanagement in Bonn, Paris und Hamburg studiert. Heute arbeitet sie als freie Journalistin, Kuratorin und Dramaturgin im Bereich klassischer Musik. Unter anderem ist sie für die Donaueschinger Musiktage oder die Elbphilharmonie tätig, kuratiert die Philosophiereihe »Bunkersalon« mit dem Ensemble Resonanz, entwickelt die globale Konzertreihe »Outernational« und schreibt für das VAN Magazin.