Ungarische Großeltern, die Kraft synagogaler Gesänge und das Wetten auf die Kanontauglichkeit Neuer Musik. Die Lieblingsstücke des Gründers, künstlerischen Leiters und Dirigenten des Jewish Chamber Orchestra Munich.

Text VAN Redaktion · Titelbild © Florian Jaenicke · Datum 1.3.2017

Giuseppe Verdi, Otello

https://www.youtube.com/watch?v=93-MKAINkKE

1982, Verdis Otello an der Bayerischen Staatsoper, dirigiert von Ádám Fischer, dem Cousin meiner Mutter – ein Muss für meine Eltern. Doch sie fanden keinen Babysitter für meine Schwester und mich, also nahmen sie uns kurzerhand mit in die Vorstellung. Und so saß ich, dreijährig, in der ersten Reihe und war vollkommen fasziniert von dem Onkel, der Sänger und Orchestermusiker an unsichtbaren Fäden zu führen schien. Von da an wusste ich: Das muss ich auch machen, ich werde Dirigent!

Die Helden meiner Kindheit Mirella Freni und Jon Vickers in einer der schönsten Szenen aus Otello, »geführt« von Herbert von Karajan – Musik und Gesang sind immer noch von extremer Intensität, die dazugehörige Fernsehfassung der Inszenierung aus dem Jahr 1973 ist doch etwas in die Jahre gekommen …

Beethovens Fidelio mit Gundula Janowitz

Bestimmt 100 Mal gehört habe ich meine erste CD: eine Fidelio-Aufnahme, ein Geschenk meiner Eltern zum 8. Geburtstag. Von meinen Budapester Großeltern bekam ich etwas später den Klavierauszug dazu, der erste Band meiner inzwischen viel zu großen Notensammlung.

»O Gott! Welch ein Augenblick!« mit Leonard Bernstein und Gundula Janowitz, aus der Aufnahme, die ich als Kind hörte – übrigens eine Aufnahme von 1978, meinem Geburtsjahr.

Hanns Eisler Kinderhymne

Hanns Eisler gehört wohl zu den unterschätztesten Komponisten Deutschlands. Eisler, der einer jüdischen Wiener Familie entstammte und überzeugter Sozialist war, komponierte sehr bewegende Arbeiterlieder, aber auch bedeutende klassische Werke (z.B. die Deutsche Sinfonie). Eislers Kinderhymne zu einem Text von Bertolt Brecht ist gerade wieder sehr aktuell. In dieser Aufnahme singt Eisler selbst. Seine Stimme gibt dem Lied noch eine besondere Tiefe.

Béla Bartók

Meine Großeltern in Budapest waren der wichtigste musikalische Einfluss meiner Kindheit. Obwohl ich mich heute nicht gerne mit Ungarn identifiziere, einem Land, in dem die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung rechtsnationale Parteien wählt, fühle ich mich der ungarischen Musik dennoch sehr nah. Ganz besonders berührt mich immer die Musik von Béla Bartók. In dieser Aufnahme seines Allegro barbaro ist er selbst klavierspielend zu sehen – eine Seltenheit.

Nikolaus Harnoncourt probt Haydns Die Jahreszeiten

Als ich mit 15 Jahren meinen ersten regelmäßigen Dirigierunterricht bekam, war ich fasziniert von Nikolaus Harnoncourt und der historischen Aufführungspraxis. Ich fühlte in dieser »Bewegung« eine Kraft, die eben nicht historisch war, sondern sehr modern. Hier wurde ohne den Karajan-Klangwahn musiziert, es durfte auch mal kratzen. Bei kaum einem anderen Dirigenten spüre ich solch eine Überwältigung. Harnoncourt packt mich, zieht mich regelrecht in die Musik hinein. Unglaublich wie er probt, mit welcher absoluten Hingabe, unglaublich welches Detailwissen er hat.

Felix Mendelssohn, HebridenOuvertüre

Das erste Werk, das ich im Konzert dirigierte, war Mendelssohns HebridenOuvertüre. Bis heute bin ich fasziniert davon, wie sehr diese Musik Bilder einer nebligen Insel umtost vom Meer in meinem Kopf hervorruft. Hier dirigiert wiederum ein Held meiner Jugend (ich hatte doch mehrere Helden): Claudio Abbado.

John Cage, Sonatas and Interludes

Die Musik von John Cage führte mich an die zeitgenössische Musik heran, die heute ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist. Cages Sonatas and Interludes sind der beste Beweis dafür, wie »schön« zeitgenössische Musik sein kann – anders als der ständige Vorwurf, heutige Musik sei »schräg« und »nicht genießbar«. Erstaunlich, dass das Werk vor genau 70 Jahren entstand, damit eigentlich kaum mehr zeitgenössisch zu nennen ist und doch immer noch so modern klingt.

Georg Friedrich Haas, in vain

Georg Friedrich Haas komponiert heute und ist damit »wirkliche« zeitgenössische Musik. Er beschäftigt sich mit Mikrotonalität und benutzt eine Tonsprache, der nichts anachronistisches anlastet. Ich werde immer wieder von Zuhörern gefragt, warum zeitgenössische Musik so schwierig zum Anhören sei. Ich denke, dass die Musik früherer Jahrhunderte und Jahrzehnte den Vorteil hat, dass bereits ein Auswahlprozess stattgefunden hat. Heute werden meist die besten Werke der Vergangenheit aufgeführt. Dieser Prozess steht zeitgenössischer Musik noch bevor. Ich bin mir sicher und bin zu jeder Wette bereit, dass die Musik von Georg Friedrich Haas auch in 200 Jahren gespielt wird und diese Wette würde ich nur bei wenigen Komponisten eingehen.

Netanel Hershtik, Atzabeihem

https://vimeo.com/205069100

2013 wurde ich mit meinem Orchester nach Wien eingeladen, um ein Kantorenkonzert im großen Saal des Konzerthauses zu dirigieren. Ich war zuvor mit dieser Musik kaum in Berührung gekommen und war überwältigt von dieser Erfahrung. Es ist erstaunlich, wie direkt der synagogale Gesang einen anspricht. Seitdem trete ich regelmäßig mit Kantoren auf – meist zum jüdischen Neujahrsfest – am liebsten mit Netanel Hershtik aus New York.

Dmitri Schostakowitsch, 11. Sinfonie

Schostakowitsch gehört zu den Komponisten, deren Musik mich am meisten bewegt. Wie er in seiner weniger bekannten 11. Symphonie mit dem Titel Das Jahr 1905 die Spannung im ersten Satz aufbaut, ist unbeschreiblich. Und kaum ein Dirigent setzt das so gut um wie Valery Gergiev.

Gustav Mahler, Lied von der Erde (Abschied)

Das Werk, das ich für die »einsame Insel« auswählen würde: Mahlers Lied von der Erde vereint alles, was man in seiner Musik findet. Der letzte Satz ist so unglaublich traurig und tröstend zugleich, dass einem der Tod nicht mehr allzu bedrohlich erscheint. Ich versuche immer neue Stücke zu dirigieren und Wiederholungen zu vermeiden, aber die Kammerorchesterfassung von Mahlers Lied von der Erde führe ich regelmäßig auf. ¶