Die Wiener Festwochen, die sich mit Milo Rau als Freie Republik ausgerufen haben, feiern 75 Jahre, sie haben Patti Smith eingeladen mit einer Carte Blanche. Sie durfte machen, was immer ihr einfiele; es fiel ihr dann aber nur ein Konzert ein, was aber für die Patti-Fans auch seine Ordnung hatte. Überall in der Stadt beziehungsweise Freien Republik ist ihr immer mehr ehrfurchtgebietendes Gesicht plakatiert, und es war bestimmt eine dramaturgische Idee, dass gerade das Museum für angewandte Kunst (MAK) eine Ausstellung zu Christoph Schlingensief zeigt – die beiden (Smith/Schlingensief) hatten sich 2004 bei der denkwürdigen Parsifal-Premiere in Bayreuth sehr befreundet. Die Ausstellung ist nun eigentlich keine, sondern ein freundlich chaotisches Sammelsurium aus überwiegend Bewegtbildern; wer sich erinnern kann, wird sich gern erinnern, Chance 2000, Bitte liebt Österreich!, Church of Fear, Hamlet, Holländer im Regenwald, Freakstars 3000, so verrückt viel, und immer auf den Punkt! 

ANZEIGE

Wer nix zu erinnern hat, steht vielleicht ein wenig ratlos davor und wüsste bestimmt gern mehr als die kargen Schrifttafeln hergeben. Der Aktualitätscheck fällt dafür brisant aus, weil Schlingensief, wie sie im Ruhrgebiet sagen, immer ans Eingemachte ging und sich im Grunde alle Wunden, die er aufriss, noch lange nicht geschlossen haben (bloß die FDP hat sich inzwischen erledigt). Diese liebenswert radikale Energie aber wird auch in den flimmernden Fernsehkisten und unter schrottigen Kopfhörern spürbar als ein Schönes, das war. Das ist natürlich Nostalgie, aber taugt zugleich als Maßstab für heute. Der Titel der Schau Es ist nicht mehr mein Problem! ist der dicke schwarze Rand um alles, denn der sich so hingebungsvoll um ein paar der ganz großen Fragen gekümmert hat, er starb, gerade 50, am Krebs. Das Zitat geht noch weiter: »Macht eure Scheiße alleine.« Er hat es einst mit dem Edding auf eine Flipchart geschrieben. Im Museumsshop ist es als cooler Merchandise-Spruch auf eine Shopping Bag gedruckt – geht’s noch?

Die ›Zeit‹ fragte auf ihrer ersten Seite zuletzt: »Christoph Schlingensief, wo bist Du?« Die moderat blasphemische Anspielung (warum hast du uns verlassen?) war der Teaser für ein längeres Stück im Extrateil »Kultursommer«, ›Zeit‹-Leser:innen wollen ja Tipps, wohin es gehen könnte diesen Kultursommer, und warum nicht nach Wien, zur original Church of Fear. Florian Illies steuert darin persönliche Erinnerungen an den Menschen C.S. bei, warum nicht, auch wenn derlei nie ohne Eitelkeit abgeht. Die Verwandlung des irdischen Künstlers in eine Ikone, in »Schlingensief«, wäre ein Thema. Vielleicht, unter der Frage: was bleibt? Zum Beispiel auch ein Update über das Schlingensief-Projekt »Operndorf« in Burkina Faso, das ist wohl kein Scheiß, und das müssen wir jetzt alleine machen. Am Ende plaudert Illies noch aus, wie ihm Schlingensief im Traum erschienen ist, etwas lustig, denn er hatte einen Massagesalon in Herne eröffnet, wo er die Leiden wenigstens der rückenleidenden Menschheit lindern half.

Ansonsten Wiener Opernbusiness as usual, das MusikTheater an der Wien zeigt Verdis Rarität Stiffelio, die Staatsoper Bizets frühes Les pêcheurs de perles, überraschenderweise als Staatsopern-Erstaufführung. Der Zufall will es, dass diese zwei, 1850 und 1862 entstandenen Opern beide das Thema von Vergebung und Entsagung in explosiven Dreieckskonstellationen vor dem Hintergrund rigider religiöser Gemeinden – einmal italienisch, einmal französisch deklinieren. Vasily Barkhatov macht daraus einen spannenden Krimi-Plot im Amish-Milieu; leider überfährt Jérémie Rhorer mit dem ORF Radio-Symphonieorchester die feine Verdi-Musik mit Dauerforte. In der Staatsoper lässt Daniele Rustioni dafür Bizets Klangvisionen flirren und schweben, trägt sein vokales Starensemble auf Händen. Ein Ärgernis war mir die Idee des Regisseurs Ersan Mondtag, die Heutigkeit des heillos kolonialistisch-exotistischen Stoffs zu behaupten, indem er aus den Perlenfischern Färber aus etwa Bangladesh machte, die für die Luxusbedürfnisse einer globalen ersten Welt ihr Leben riskieren; der zweite Teil spielt dann in einer Premium-Mall aus Marmor, jetzt muss das Security-Personal die Volks-Rolle der Entrechteten übernehmen. So ein pseudokritischer Quatsch, man fasst es ja nicht… – Christoph, wo bist du? ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹