Carmen ist nicht nur in den Opernhäusern Saison für Saison verlässlich omnipräsent, auch beim Eiskunstlaufen bei den Olympischen Winterspielen hat sie regelmäßig ihren großen Auftritt. In den letzten 50 Jahren gab es kaum eine Olympiade, bei der nicht mindestens in einem Einzel- oder Paarlauf ein Medley mit Bizets Dauerbrenner zu hören war. Besonders hoch war der Schnitt bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary mit nicht weniger als vier Einzel- und zwei Paarprogrammen, in denen Carmen zumindest einen Gastauftritt hatte. Olympia-Korrespondent Jack Whitaker nannte es »ein großartiges Jahr für Bizet«. Auch die Spiele 2002 in Salt Lake City stechen heraus: Hier musste unter anderem ein Programm mit lateinamerikanischen Rhythmen präsentiert werden, was dazu führte, dass gleich drei Carmen-Paare auf dem Eis standen.
Woher kommt dieser Carmen-Eis-Hype? Zum einen ist Eiskunstlaufen als Sportart – ähnlich wie die Oper – sehr traditionsbewusst. Bis zu den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi durfte in allen Eiskunstlauf-Disziplinen außer beim Eistanzen nur Musik ohne Text verwendet werden. Und obwohl seine Oper natürlich eigentlich einen Text hat, schafft Bizet es hervorragend, uns seine Figuren nur über Töne nahezubringen. Susan McClary schreibt in Feminine Endings, dass Carmens Melodien »necken und spotten und die Aufmerksamkeit im Augenblick bündeln«. Carmens erste Arie, die als Habanera bekannt ist, ist laut McClary durch den »Abstieg in Halbschritten von d nach a so gestaltet, dass wir den von ihr angedeuteten Umriss sofort erkennen (und uns so unweigerlich die in Aussicht gestellte Fortführung wünschen), aber die Art und Weise, wie sie sich dann durch diesen Abstieg bewegt, ist abwechselnd verlocken und frustrierend.«

In »Culture on Ice: Figure Skating & Cultural Meaning« (Eiskunstlauf und seine kulturelle Bedeutung) zieht Autorin Ellyn Kestnbaum außerdem eine Parallele zwischen der Figur Carmen und der Assoziation des Sports mit Weiblichkeit und implizit dem männlichen Blick. Bei männlichen Einzelläufern wurden in den 1990er Jahren charakterbetonte Programme populär, so Kestnbaum. So wollte man vermeiden, dass man, indem man sich selbst dem Betrachterblick aussetzt, zu weiblich wirkt. Das erklärt auch, warum sich 1994 im norwegischen Lillehammer plötzlich so viele Escamillos auf dem Eis tummelten. Ganz Catherine Clément entsprechend, die schrieb: »Das ist eine der unbewussten Inspirationen und Übertragungen aus der Oper. Musik, die einer Frau gewidmet ist, ruft männliche Helden auf den Plan.«
Das trifft natürlich eigentlich nicht den Kern von Carmen, genauso wenig wie Kestnbaums Charakterisierung der Titelfigur als eine, der es darum gehe, »die Macht der Verführung oder allgemein sexuelle Anziehung oder Interesse« zu zeigen. Letztes Jahr bedauerte Mezzosopranistin Stephanie Blythe, dass bei Carmen-Inszenierungen heute im Zentrum stehe, »dass Carmen ihren Rock mit den Zähnen heben kann, und darum geht es eben nicht …. Es geht um Gefühle, Gedanken, Instinkte und Identität.«
Mit all dem im Hinterkopf und einer gut gekühlten Flasche Russian Standard mache ich mich daran, alle Videos von Carmen-Auftritten bei den Olympischen Spielen, die das Internet hergibt, zu checken (begonnen bei 1976). Heraus kamen 35 Läufe, die ich im Folgenden nach Gütekriterien sortiert habe. Relevant ist hier nicht der Eiskunstlauf selbst – obwohl ich aus Erfahrung sagen kann, dass Teenager, die ein paar Mal beim Eiskunstlauf-Unterricht waren und jetzt das Gefühl haben, alles zu wissen, die einzigen sind, die noch erbarmungsloser kritisieren als selbsternannte Opernexpert:innen. Wie Blythe geht es mir um die Darstellung von Gefühlen, Gedanken, Instinkten und Identität. Und die Frage: Wer läuft hier wirklich als Carmen?

