Das Beste kommt zum Schluss. Ein orangefarbenes Wählscheibentelefon steht da, und wer dran geht, hat Michael Jackson am Apparat, der freundlich anfragt, ob er die Monumentalinitiale O Fortuna am Anfang der Carmina Burana als Intro für seine Welttournee 1992 benutzen dürfe. Der Meister war da schon zehn Jahre tot, und seiner Witwe Lilo sagte der Name des Anrufers mit der hohen Stimme wohl nichts, jedenfalls sagte sie nein; der King of Pop nahm das Stück dennoch her, am Ende sprachen die Anwälte, die Sache soll aber friedlich ausgegangen sein.

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Dass vor allem Orffs one-hit-Welterfolg finanzielle Quellen zum Sprudeln brachte, leuchtet an dieser Stelle sehr ein, denn das COMU, das im November eröffnete Carl-Orff-Museum im oberbayerischen Dießen am Ammersee, wo Orff mit seiner dritten und dann der vierten Ehefrau seit 1954 und bis zu seinem Tod 1982 lebte, macht was her, hier wurde nicht gespart. Getragen wird es von der Carl-Orff-Stiftung, die sich wesentlich aus den Rechte-Einnahmen finanziert. Nun gibt es neben einem Orff-Zentrum in München, das den wissenschaftlich relevanten Nachlass hütet, neben den Autographen in der Staatsbibliothek, noch einen dritten Orff-Ort, ein mit Sichtbeton und Panoramafenstern architektonisch ambitionierten Museums- und Begegnungs-Anbau an das geräumige Wohnhaus. Der schöne Blick geht über den See herüber aufs nicht ferne Kloster Andechs, wo Orff begraben liegt. Es gibt eine plausibel bestückte, nicht überladene Leben- und Werkschau, man schaut auf Orffs Bücherwände und kann in Notenschubladen gucken, es gibt reichlich zu hören, in Ausschnitten und komplett. Es darf auch mitgemacht werden im Geiste des weltweit verbreiteten Schulwerks: Menschwerden durch Musikmachen. Elementar ist dabei ein Schlüsselwort, es trifft das Interesse an einer unmittelbar zugänglichen »Elementaren Musik«; es leuchtet auch für die Orff-typische Direktheit seiner Kunstmusik ein, gleich ob in welchen Kostümierungen von Antike (Antigonae) oder Mittelalter (Carmina Burana) oder Märchen (Der Mond, Die Kluge). Sie will wirken, und sie wirkt. Rhythm is it, das war nicht Orffs Erfindung, aber er wusste sie zu nutzen. Das konnte auch Michael Jackson interessieren.

Uns heute interessiert natürlich auch, was etwa in der noch zu Lebzeiten erschienenen rowohlt-Monographie zu Orff (und anderen Titeln in meinem Regal) nicht vorkommt: Wie dieser Komponist, der sich seine eigene Moderne bastelte, es in den biographisch zentralen Jahren von 1933 bis 1945 mit den Machthabern in Deutschland hielt. Immerhin komponierte er für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1936 eine Einzugsmusik und den Reigen der Kinder. Dass er später für Olympia 1972 in München einen Gruß der Jugend beisteuern konnte, ist ein Hinweis darauf, dass er damals als von keiner NS-Vergangenheit belastet galt. Die Frage, ob die Einschätzung der amerikanischen »Entnazifizierungsbehörde«, Orffs Verhalten sei als »Grey C, acceptable« einzustufen, so zu halten ist, wurde erst später diskutiert und führte selbst in Grauzonen: Wie »unpolitisch« konnte einer sein damals? Er hat sich wohl arrangiert. Das COMU kehrt das Thema nicht unter den Tisch, eine Broschüre über Orff im Nationalsozialismus liegt aus. Mit der Frage im Hinterkopf, ob der Fall damit erledigt ist und ob dies ein Ort sein könnte, die Sache Musik und Politik, auch über Orff hinaus, grundsätzlicher zu reflektieren, geht man weiter. Überschreitet den Übergang vom Museum zum Wohnhaus und steht im Arbeitszimmer eines Komponisten: Flügel, Schreibtisch, Aussicht, alles da. So sehen sie aus, die Gehäuse zur Musikerfindung, der späte Orff hatte, es jedenfalls komfortabel. Am Regalbrett im Zwischengeschoss, auf dem ein Lexikon der antiken Mythen, ein Band mit Sophokles’ Tragödien und einer über Götter und Helden der Griechen stehen, auch Latein immer modern, alles Taschenbücher, klebt ein selbstfabrizierter Plastikstreifen: »C  Ich finde dies ganz gut.« ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹