Eigentlich läuft es auf ein Zweipersonenstück hinaus, dieses durchaus kraftmeierisch-aufgeblasene Debüt des seinerzeitigen Teenagers Erich Wolfgang Korngold von 1916, denn all das Dramatische davor sprudelt ziemlich schnell durch, erst ein Salome-inspirierter Anfang, in dem es männlichem Dienstpersonal nach der erotisch anziehenden, aber verriegelten Herrin gelüstet, dann die Exposition einer sittenstrengen Ehe, dazu ein bisschen Venedig- und Karnevals-Behauptung, wobei »Venedig – aller Sorgen ledig« Verse eher auf dem Niveau des Walzel/Genée-Librettos für Johann Strauss‘ Eine Nacht in V. sind als im Geist von Béla Balázs’ Beitrag zu Bartóks Blaubartsburg, an die diese Violanta später im Hauptteil ein wenig erinnern wird, wenn das alles sich nur als Vorgeplänkel herausgestellt hat für das ausgiebige Beisammensein von Sopran und Tenor, Frau und Mann, deren Stimmen aufeinander stoßen und schließlich einander umranken und deren Seelen sich kräftig ineinander drehen, das Männliche ins Weibliche stoßend wie die Schraube in die Mutter, das Weibliche das Männliche umschließend wie die Mutter die Schraube, woraus Sie ersehen, dass ich auf »Schraube/Mutter« hinauswill, aufs Spiralisieren von Seelen und Körpern, was auch das effektvolle Bühnenbild von Jo Schramm inspiriert hat, eine sich hebende und senkende Spirale, in der die eigentlich Rache suchende, aber dann Lust entdeckende Titelfigur Violanta sich mit einem Prinz Alfredo einschließen lässt, einem frauenverzehrenden Verführer, der einst ihre Schwester verführte und danach verzweifeltem Suizid überließ, wofür ihn Violantas Gatte, unermüdlich auf dem Spiralendach stapfend und lauernd, redlich abmurksen soll, ein Plan, der selbstverständlich schiefgeht und am Ende, wir sind schließlich in der Oper, die sich opfernde Frau das Leben kostet, was aber hier alles auch tieferen Psycho-Sinn haben soll, Sie wissen schon, dieses 1900-Ding, Lust & Tod, Eros & Thanatos, die einigermaßen quasig zusammengerührt sind im Libretto eines gewissen Hans Müller-Einigen, der später auch das Libretto für Korngolds Sexheiligenspiel Das Wunder der Heliane und noch später für Benatzkys Operette Im weißen Rössl schreiben sollte, dieser Violanta-Text ist Gaga-Libretto der gehobenen Klapsstufe, so tüchtig sich Professor Arne Stollberg im Programmheft auch um Durchleuchtung und Stringenzschaffung unter Verweis auf Nietzsche, Freud et cetera verdient macht und so schön David Hermann das inszeniert und Sybille Wallum kostümiert, in fifty shades of violet passend zum Namen der Oper, und weil Korngolds straffer Erstling ein bisschen kurz ist, ist statt beispielsweise Bartók auch noch etwas instrumentale Musik davor gepappt, das erste Stück viel zu intim für einen Raum wie den Saal der Deutschen Oper Berlin, ein Lautenstück von John Dowland, das zweite zu komplex für die folgende Korngoldkraftmeierei, nämlich das Präludium aus Alban Bergs frei-atonalen Drei Orchesterstücken, was allerdings eine Art Musik ist, die das Orchester der Deutschen Oper Berlin richtig gut kann, erst recht unter ihrem bald vom Haus scheidenden Chefdirigenten Donald Runnicles, diesem vorzüglichen Musikorganisator, und dies muss man dann auch sagen, dass auch die ganze folgende Korngoldpartitur in dieser Aufführung prächtig klingt, hochkalorischer Melosrausch, Schmackofatz, wie der selige Wolfram Siebeck in seinen Kochbüchern das nannte, was heutzutage Soulfood heißt, genau das Richtige fürs Berliner Januargrauen also, eine raffiniert-fette Soundtapete, in der es schmilzt und schmelzt und schmalzt aus allen Rohren, hier Tristan, da Puccini, dort Richard Strauss, alles zusammen Korngold, sämig, harfig, ohrwurmgewürzt, eine Klangwand aber auch, durch die die Stimmen erstmal durchdringen müssen, womit die eine oder andere Nebenstimme schon ihre verzeihlich liebe Müh hat, nicht aber der wuchtbrummige Bayreuther Alberich Ólafur Sigurdarson als Violantas Ehemann Simone, und glücklicherweise auch nicht die Violanta von Laura Wilde, prächtig leuchtend in allen Höhen, untenrum etwas dürrer, und der Alfonso von Mihails Culpajevs im Tenor-Daueranschlag, sodass das alles ein Vollkorngold ergibt, von dem man sich allein aufgrund der musikalischen Gesamtphysis gut und gern durchnudeln lässt, ohne dabei ganz zu vergessen, dass diese seltene, befremdliche Violanta qua blühendem Unsinnsfaktor schon ein bisschen am Rand dessen liegt, was man als Repertoireerweiterung begrüßt. ¶
Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.
Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv
VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.
