Die Entwicklung der ukrainischen Musik war schon immer eng mit ihren Institutionen verbunden: Ausbildungsstätten, Konzertorte und Komponierendenverbände prägten die Karrieren der Musiker:innen. Wenn man musikalisch talentiert war in einer staatenlosen Ukraine – wie es sie vier Jahrhunderte lang gab –, aber künstlerisch wachsen wollte, war der Weg klar: Man schrieb sich am Kyjiwer Konservatorium ein, reiste für Konzerte nach Russland, pflegte Beziehungen zu russischen Kolleg:innen und nahm Aufträge von der Leningrader Philharmonie oder vom Bolschoi-Theater an. Ob man danach noch ukrainische Kunst machte, blieb eine offene Frage; aber immerhin machte man Karriere. Die Alternative bestand darin, in Kyjiw zu bleiben und selbst Konzerte zu organisieren für ein Publikum, das sich mit klassischer Musik nicht gut auskannte und zum Großteil ganz andere Probleme hatte.
Über Jahrhunderte hinweg hat Russland der Ukraine systematisch talentierte Musiker:innen entzogen und es gleichzeitig bewusst unterlassen, bessere Bedingungen für deren künstlerische Entwicklung im eigenen Land zu schaffen. Dass es auch anders laufen kann, zeigt ein Blick auf die Zeit der österreich-ungarischen Herrschaft in der Ukraine (die ukrainischen Gebiete waren zwischen Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich aufgeteilt). Ab 1853 konnte man in Lwiw unter österreichischer Herrschaft am ersten ukrainischen Konservatorium Musik studieren. In der von Russland besetzten Ukraine entstand eine vergleichbare Einrichtung erst sechzig Jahre später – 1913 in Kyjiw –, nachdem St. Petersburg diese Neugründung jahrzehntelang durch bürokratische Hindernisse verzögert hatte. Bis dahin gingen talentierte ukrainische Musiker:innen zum Studium nach Russland, wo sie vom russischen Kultursystem absorbiert wurden.

