Konstante und Variable – ein Theater- und Opernhaus-Roadtrip von Berlin nach Wien.Teil 1: Staatsoper im Schiller Theater, Musiktheater im Revier und Schauspiel Köln.

Text · Datum 12.7.2017

Es ist warm, die Sonne scheint und der Urlaub steht vor der Tür. Spanien ruft, Frankreich klopft an und in Italien ist es sowieso immer schön. Doch weil der Sprit dieses Jahr nicht bis ins Geburtsland der Oper reicht, klappern wir beim VAN’schen Sommer-Roadtrip einfach die Häuser im eigenen Lande ab.

Um vorher schon zu wissen, was läuft, checken wir in den nächsten drei Wochen gemeinsam mit der Berliner Kommunikationsdesignerin von Binger Laucke Siebein die Gestaltung neun aktueller Theater- und Opernhaus-Magazine. Wir sind gespannt, ob die Layouts genau so heiß wie die Motor-Temperatur unseres luftgekühlten Bullis sind …

Des leichten Reisegepäcks wegen haben wir die Magazine virtuell auf dem iPad durchgeblättert – so wie ihr es auch tun könnt: Den jeweiligen Link liefern wir für jedes Exemplar mit.

In dieser Woche: Die »Ost-West-Achse« Berlin – Gelsenkirchen – Köln. Gute Fahrt!

Das Magazin No. 6Staatsoper im Schiller Theater

Gestaltung Keine Angabe
Gestaltung Keine Angabe

Das Cover irritiert mich ein wenig. Auf schwarzem Hintergrund ist ein perspektivisch verzerrter Raum zu sehen. Zudem hat der Gestalter das Foto leicht gedreht, weshalb ich etwas länger für die Entschlüsselung gebraucht habe. An sich ist der Titel sehr sachlich und trocken gestaltet, wohl aber mit dem Versuch, Bewegung reinzubringen.

Auf der ersten Seite steht direkt das Inhaltsverzeichnis. Das will aktivierend wirken. Innerhalb einer Überschrift sind bestimmte Worte hervorgehoben und andere treten zurück. Das ist prinzipiell eine ganz gute Übersetzung von »Oper« und von »Dialog« – ist aber sehr schwer wahrzunehmen. Jeder Artikel »singt« gleich laut und ich weiß gar nicht, wo ich hinhören soll. Manche Überschriften sind mit Fotos unterlegt weswegen das »Wettsingen« relativ unglücklich ausgeht. Da stimmen die Kontraste nur bedingt und vielleicht wäre hier das Einräumen einer Doppelseite passender gewesen. Auch beim Editorial bin ich mir nicht sicher ob, die Betonung der ausgewählten Wörter dem Lesefluss dient.

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Das Magazin besteht aus längeren Essays, die Reportage-artig bebildert sind. Dazwischen finden sich auch Elemente, die ich für das Genre neuartig finde: Zum Beispiel eine Infografik, die den Handlungsablauf und die Verflechtungen der einzelnen Darsteller zeigt. Auf die Schnelle kann ich das zwar nicht ganz erfassen, finde es aber einen guten Versuch. Ebenso findet man dokumentarische Fotos und Texte über Touren des Konzert- und Opernbetriebes.

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Zwischendrin irritiert natürlich die Werbung – die ist nicht immer fachlich passend. Anzeigen in Magazinen können auch Editorial-Content sein: Wenn zum Beispiel ein anderes Opernhaus inseriert und ich dadurch neugierig werde, was die in der Spielzeit bringen. Das hier sieht leider eher nach Doppelherz aus – aber vielleicht spricht genau das die Zielgruppe an. Man ist ja nicht immer frei in der Wahl der Anzeigen.

Das Layout finde ich sehr gleichbleibend. Es tröpfelt ein wenig vor sich hin und auf jeder Doppelseite sind die gleichen Akzente gesetzt. Da würde ich mir eine andere Dramaturgie wünschen. Insgesamt emphatisch. Es verprellt niemanden.

MiR.Zeit #5Musiktheater im Revier

Gestaltung Axel Golloch
Gestaltung Axel Golloch

Wer der Absender ist, kann ich auf den ersten Blick nicht entschlüsseln. »MiR.Zeit« ist als Titel etwas kryptisch für Leser, die nicht aus der Gegend kommen. Der Markenauftritt ist nicht so gut gelungen. Auch das Foto gibt mir Rätsel auf. Ein spannendes Motiv, nicht ganz mein Geschmack, aber es irritiert erst mal und zieht einen in den Bann.

Auf der ersten Doppelseite steht der Spielplan. Das finde ich als Übersicht am Anfang eigentlich ganz gut. Die blaue Akzentfarbe macht das ganze trocken und nüchtern.

Die verschiedenen Bilder, zum Beispiel das Supermarkt-Bild, lassen nicht direkt auf ein Musiktheater schließen. Das Heft könnte genauso gut auch von einer Bank oder einer Versicherung sein. Das ist schade.

Die Infoseiten sind ordentlich strukturiert und man findet direkt das Abo, das man sich leisten soll. Die Artikel erscheinen mir vom Impetus eher berichterstattend zu sein und nach ein paar Seiten ist das Heft auch schon vorbei.

Nach dem Titel hatte ich eine andere Erwartungshaltung. Vielleicht wäre hier ein Online-Newsletter das bessere Format gewesen.

Spielzeit-Magazin »IDENTITÄT«Schauspiel Köln

Gestaltung Am Besten Gestern
Gestaltung Am Besten Gestern

Das spricht mich direkt an: Ein Cover, das vielleicht gar keins sein will. Grafisch super stark. Zu sehen ist ein Auge, das sich keiner Person zuordnen lässt und durch ein Punkte-Raster abstrahiert ist. Für den Titel »Identität« wurde vielleicht nicht das naheliegendste Bild gewählt, aber es doppelt sich zumindest nicht im Text oder im Bild. »Identität« ist dreizeilig gesetzt – ohne Trennstriche und jenseits aller orthografischen Trennregeln. Ich bin da prinzipiell sehr offen, aber in diesem Fall ist es eher schwierig zu lesen. Dazu kommt die unglückliche Überschneidung der Umlaut-Pünktchen und das Logo, das auf der groben Rasterung fast untergeht. Ich vermute stark, dass sich das Raster-Konzept durchs ganze Heft zieht …

Drucktechnisch ist das bei diesem Magazin schlau gelöst. Als Farben kommen nur Schwarz und Cyan zum Einsatz – man ist also intelligent mit den Ressourcen umgegangen. Die monochrom gerasterten Bilder sind gekonnt auf die Doppelseiten gesetzt. Dadurch kommunizieren sie gut miteinander.

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Die Typografie steht dagegen fast schon ein wenig sachlich und steif auf dem Blatt. Es sind alle Elemente vorhanden, die ein Magazin so haben muss: Anleser, Headline, Zitate, Bildunterschriften, Kolumnentitel und so weiter. Aber es hat auch ein gewisses Gleichmaß in der typografischen Gestaltung. Wenn die Bilder schon alle im gleichen Duktus dargestellt werden, hätte ich mir in der Schrift etwas mehr Experimente gewünscht.

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Im Grunde ist das ein gutes Corporate-Magazin, was mir gefällt. Es macht keine Fehler, macht aber auch nicht alles richtig. ¶

Johanna Siebein

… ist Partnerin von Binger Laucke Siebein. Die Agentur steht für progressive und nonkonformistische Konzepte, für Kommunikation und Gestaltung: aufrichtig, mutig und intelligent. Binger Laucke Siebein, ehemals Studio Laucke Siebein, arbeitet international an den Standorten in Berlin und Amsterdam und ist auf kreative Strategien, unkonventionelle Konzepte, Markenentwicklung und dynamische Identitäten für Kultur- und Wirtschaftskunden spezialisiert. Dabei kombinieren sie einen strategisch konzeptionellen Ansatz mit qualitativ hochwertigem Design und betrachten Projekte sowohl aus werblicher als auch aus gestalterischer Sicht.

In der nächsten Woche: Die »Rhein-Neckar-Strecke« Freiburg – Zürich – Stuttgart.

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.