Der am 8. Dezember 1890 in Polička an der Landesgrenze zwischen Böhmen und Mähren geborene Bohuslav Martinů war ein fleißiger und ungewöhnlicher Komponist. Über 400 Werke legte er vor. Neben den Orchesterkompositionen Half-Time (1924) und La Bagarre (1926) verhalf vor allem der Erfolg seines zweiten Streichquartetts aus dem Jahr 1925 Martinů zu Aufführungen und Kompositionsaufträgen.
Martinů begann als Kind mit dem Geigenspiel und versuchte sich früh an ersten Kompositionen. Mit Anfang 30 zog es ihn nach Paris, wo er Kompositionsschüler von Albert Roussel wurde. Während des Zweiten Weltkrieg verboten die Nationalsozialisten Martinůs Werke in der tschechischen Heimat. Der Komponist meldete sich zunächst freiwillig zum Militärdienst, entschied sich jedoch im Winter 1941 für die Flucht über Spanien und Portugal in die USA. Dort wurde er mit offenen Armen empfangen: Sehr bald nach der Übersiedlung hob das Boston Symphony Orchestra Martinůs erste Symphonie aus der Taufe, später auch seine Dritte. Ein weiterer bedeutender Klangkörper der amerikanischen »Big Five« – also aus der Clique der angeblich fünf besten US-Orchester – brachte seine zweite Symphonie zur Uraufführung: das Cleveland Orchestra.
Während der berühmten Sommerkurse von Tanglewood im Westen Massachusetts’ 1946 erlitt Martinů einen folgenschweren Unfall. Der Komponist begab sich wohl nach einem Tag voller Seminare, zu denen er als beliebter Kompositionslehrer eingeladen worden war, abends ahnungslos auf einen vermutlich noch im Bau oder in der Restauration befindlichen Balkon. Von diesem stürzte er aus beträchtlicher Höhe und erlitt schwere Verletzungen, an deren Folgen – Schwerhörigkeit, Schwindel, chronische Kopfschmerzen – Martinů bis zum Ende seines Lebens zu leiden hatte.
Trotzdem war Martinů weiterhin erstaunlich produktiv. 1952 wurden er und seine Frau schließlich amerikanische Staatsbürger:innen, obwohl Martinů der antikommunistische Erfüllungsgehorsam der McCarthy-Ära zuwider war. Ein Stipendium ermöglichte Martinů, noch einmal zwei Jahre in Paris (und Nizza) zu verbringen. Dann folgte die Rückkehr in die USA, um Lehraufträgen an der Mannes School of Music in New York und dem Curtis Institute in Philadelphia nachzukommen. Der große Mäzen und Musikförderer Paul Sacher holte Martinů schließlich am Ende seines Lebens nach Europa zurück, lud ihn sogar ein, auf seinem Anwesen zu wohnen. Bohuslav Martinů starb am 28. August 1959 in Liestal bei Basel an einer Krebserkrankung. Er wurde 68 Jahre alt.
Martinů gilt wohl immer noch als »unterschätzt«. Die Qualität, aber auch die erstaunliche Quantität seines Schaffens, lassen die Bedeutung dieses Komponisten immer noch nicht recht erfassen. Grund genug, anlässlich des 65. Todestags von Martinů Aleš Březina zu befragen, den Leiter der kritischen Gesamtausgabe von Martinůs Werken. Seine kompositorische Expertise nutzte Březina beispielsweise bei der Rekonstruktion der Originalfassung von Martinůs Oper The Greek Passion, die erst 1999 bei den Bregenzer Festspielen ihre Uraufführung feiern konnte. Außerdem ist Březina Direktor des Bohuslav-Martinů-Instituts in Prag.
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