Bernd Redmann, der Präsident der Hochschule für Musik und Theater München, im Interview.

Text · Titelbild Fred Romero (CC BY 2.0) · Datum 16.10.2019

Wie viele Studienanfänger zum Semesterstart an diesem sonnigen Montag im Oktober wohl die Münchner Musikhochschule betreten, und dabei auch an die jüngere Vergangenheit der Institution denken, in deren Hände sie ihre Zukunft legen? »Die Bewerberzahlen sind glücklicherweise konstant geblieben«, sagt Bernd Redmann, der Präsident der Hochschule, den ich in seinem Büro im zweiten Stock des Hauptgebäudes in der Arcisstraße 12 treffe. »Aber ich merke schon, dass das öffentliche Ansehen beeinträchtigt ist. Es gibt ja viele Menschen, die haben uns gar nicht gekannt, und nur über dieses Thema kennengelernt.« Seit 2014 ist Redmann Präsident und damit Nachfolger von Siegfried Mauser, der 2018 wegen sexueller Nötigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Das Urteil wurde letzte Woche vom Bundesgerichtshof bestätigt. Seit dem Prozess gegen Mauser sowie den Ermittlungen gegen den Kompositionsprofessor Hans-Jürgen von Bose, dem unter anderem mehrfache Vergewaltigung vorgeworfen wird, ist Redmanns Job vor allem der eines Krisen- und Konfliktmanagers. Zur medialen Aufmerksamkeit, die nicht ohne so manche voyeuristische Sensationsgier auskam, kamen der Riss durch das eigene Kollegium, Kritik von allen Seiten – wegen mangelnder Loyalität mit Mauser oder unzureichender Distanzierung und intransparenter Aufarbeitung der Vorfälle –, und der Versuch, aus den Missbrauchsfällen zu lernen und eine ganze Reihe von Reformen umzusetzen, die alte Traditionen in Frage stellten und manche Lehrende vor den Kopf stießen.

Bernd Redmann • Foto © HMTM / Orla Connolly
Bernd Redmann • Foto © HMTM / Orla Connolly

VAN: Hat sich durch das BGH-Urteil letzte Woche etwas für Sie persönlich und die Hochschule geändert?

Durch das Urteil ist dem juristischen Prozess ein Endpunkt gesetzt worden. Das, was jetzt rechtsstaatlich festgestellt wurde, gilt für uns als Fakt, an dem wir uns orientieren können. So haben wir zum Beispiel beschlossen, uns als Musikhochschule bei den betroffenen Frauen zu entschuldigen, und tun dies nun auch schriftlich. Durch die Klarheit, die durch das Urteil entstanden ist, herrscht jetzt auch eine gewisse Erleichterung, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist. Das Thema Missbrauch und dessen Prävention legen wir aber nicht ad acta. Im Gegenteil: Wir haben uns vorgenommen, eine Vorreiterrolle zu übernehmen, wenn es um den Kampf gegen sexuelle Diskriminierung und Machtmissbrauch geht, und die Reformen, die wir in den letzten drei Jahre angestoßen haben, fortzusetzen, auch wenn das Thema nicht mehr in den Schlagzeilen ist. Im Bericht der Holzheid-Kommission finden sich dazu viele Hinweise und Überlegungen, an die wir anknüpfen wollen. Das ist in den nächsten Jahren eine richtige Entwicklungsaufgabe für die Hochschule.

Stimmt der Eindruck, dass Sie eine Wandlung vollzogen haben, von einer eher defensiven Verteidigungshaltung hin zu klareren Positionen? Ich denke bei letzterem zum Beispiel an Ihren offenen Brief an Nike Wagner.

Es ist richtig, dass es bei uns eine Entwicklung gegeben hat. Das von Ihnen erwähnte klare Statement gegenüber Frau Wagner war auch deshalb möglich, weil es im Herbst 2018 ein rechtskräftiges Urteil gegen Siegfried Mauser gegeben hat, auf dessen Grundlage ich diesen Brief verfassen konnte. Vorher war es ein schwebendes Verfahren, und auch wenn Siegfried Mauser beurlaubt war, war ich weiterhin sein Vorgesetzter. Da galt die dienstliche Fürsorgepflicht für alle Betroffenen, für die betroffenen Frauen, aber auch für ihn. Ich konnte ihn da nicht vorverurteilen. Andererseits ist es schon so, dass wir, und auch ich persönlich, einen langen Nachdenkprozess durchlaufen, uns sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, und dabei auch zu neuen Erkenntnissen gelangt sind.

Zum Beispiel?

Dass das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden ausgenutzt werden kann und auch wurde, und wie heikel der sehr persönliche Kontakt sein kann. Da reihen wir uns ein in viele Institutionen, die das Thema lange Zeit verschwiegen oder aus der Kommunikation herausgehalten haben. Mittlerweile beschäftigen wir uns sehr offen mit der Frage, wie wir – auch präventiv – darauf einwirken können, dass Missbrauch von Macht verhindert wird. Gerade heute Nachmittag bei der Einführungsveranstaltung für die Studienanfänger hat unsere Frauenbeauftragte intensiv darüber gesprochen. Diese Enttabuisierung ist meiner Ansicht nach sehr wichtig. Wir sind eine Institution, die die nächste Generation des Kulturbetriebs ausbildet. Es ist unsere Aufgabe, dazu beizutragen, dass es in Zukunft anders läuft, dass die Studierenden in der Lage sind, klare Grenzen aufzuzeigen, und nicht in Fallen der Bewunderung von Vorbildern zu tappen, die später weh tun.

Foto Siora Photography via Unsplash 
Foto Siora Photography via Unsplash 

Die Verantwortung, Grenzen einzuhalten, sollte aber in erster Linie auf Seiten der Lehrenden liegen. Wie wollen Sie dort für das Thema sensibilisieren und Kompetenzen aufbauen?

Ich bin überzeugt, dass sich auch dort durch die hohe öffentliche Aufmerksamkeit und die Diskussionen in den Hochschulen viel bewegt hat. Viele Lehrende sagen, dass sie ihren Unterricht jetzt kritisch hinterfragen, auch solche, die schon lange an der Hochschule tätig sind …

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Thema, das immer wieder vorkommt, ist der Körperkontakt im Gesangsunterricht. Ist es nötig, die Atmung so zu erklären, dass man sich gegenseitig an den Bauch fasst? Unsere Gesangslehrenden haben fast alle mit alternativen Methoden experimentiert und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass es auch ohne Berührung geht; bisweilen sogar noch besser, weil man noch deutlicher darüber sprechen muss und noch genauer fassen muss, worum es geht. So eine Weiterentwicklung der Unterrichtsmethode wäre ohne den Prozess der letzten drei Jahre nicht möglich gewesen.

In einem VAN-Beitrag fordern Studierende und die Wissenschaftlerin Freia Hoffmann, dass Lehrende sich in Präventionsprogrammen verpflichtend mit dem Thema Nähe und Distanz im Unterricht beschäftigen sollten, gerade weil viele Professor*innen in erster Künstler*innen und nicht Pädagog*innen sind. Sie veranstalten am 19.11. mit den anderen Münchner Kunsthochschulen den Aktionstag ›Respekt‹. Können Sie da nicht Ihren Lehrenden sagen: Teilnahme verpflichtend?

Ich erwarte, dass viele Lehrende teilnehmen. Aber bisher ist die Teilnahme in der Tat freiwillig, das ist auch ein Diskussionspunkt innerhalb der Hochschule. Ich persönlich denke, wenn man mit Zwang vorgeht, kann die Reaktion schnell ins Gegenteil ausschlagen. Aber wir überlegen schon, insbesondere für neue Lehrende Fortbildungsprogramme aufzulegen, die verpflichtend sind. Wir haben zum Beispiel in den neuen Zielvereinbarungen mit dem Freistaat Bayern ein relativ großzügiges Budget zum Thema Lehrkräftefortbildung und Coaching für Lehrende vereinbart. Dies wollen wir auch für Fortbildungen im wichtigen und sensiblen Bereich der Kommunikation nutzen.

Sie sind Musikwissenschaftler und Komponist, als Hochschulpräsident mussten Sie nun in einer Situation Konflikt- und Krisenmanagement betreiben, die an den Grundfesten der Institution rüttelte. Haben Sie sich da Unterstützung geholt?

Wir haben uns tatsächlich Rat von außen gesucht, den wir auch gebraucht haben, denn gerade auf der juristischen Ebene hatte das Ganze eine Komplexität, die eine Institution wie die unsere völlig überfordert. Es brach eine Welle über uns herein, bei der alle Daten und Fakten zu einem Knödel verbacken wurden, und teilweise auch relativ undifferenziert berichtet wurde. In so einer Situation ist es schwierig, mit der Botschaft durchzudringen, dass die Hochschule das Thema ernst nimmt, wir daraus gelernt haben, und alles unternehmen, für bessere Prävention zu sorgen. Ich bin froh, dass uns das schließlich gelungen ist.

Welche Fehler haben Sie gemacht? Ein Kritikpunkt war zum Beispiel, dass Sie eine Umfrage zu Erfahrungen von Belästigungen und sexuellen Übergriffen an der Hochschule durchgeführt haben, deren Ergebnisse Sie dann nicht kommuniziert haben.

Ja, das war einer der Kritikpunkte. Wie ist es dazu gekommen? Wir sind, glaube ich, die erste Hochschule überhaupt, die solch eine Umfrage durchgeführt hat. Es ist nachvollziehbar, dass verlangt wird, solche Ergebnisse zu veröffentlichen, aber wir brauchten Zeit für die Auswertung und Gewichtung. Wir hatten nie angekündigt, die Ergebnisse nach außen zu veröffentlichen. Nach innen hätten wir aber früher und transparenter kommunizieren müssen. Grundsätzlich denke ich, man muss das Recht haben, Erkenntnisse intern zu gewinnen und verarbeiten zu können. Wenn das nicht gegeben ist, dann wird keine Institution jemals mehr eine solche Umfrage machen. Aber ich würde nie behaupten, dass wir in der ganzen Sache keine Fehler gemacht haben. Oft gab es einen unglaublichen Zeitdruck, dem standzuhalten sehr schwierig war, weil die Aufgaben an einer Hochschule komplex sind. Es wäre auch ein Riesenschaden gewesen, wenn wir drei Jahre nur Krisenmanagement betrieben hätten, und alle anderen Entwicklungsfelder der Hochschule hinten runtergefallen wären.

Foto Annie Spratt via Unsplash
Foto Annie Spratt via Unsplash

Der Riss ging durch die Hochschule, vor allem durch das Kollegium. Mauser war Ihr Vorgänger als Hochschulpräsident, viele Kolleg*innen und Freund*innen von ihm unterrichten oder unterrichteten hier, waren ihm gegenüber loyal, andere nicht. Wann und wie lässt sich so ein Riss überhaupt kitten?

Tatsächlich war es für uns und auch für mich anfangs schwierig, die Spannung zwischen Innen- und Außenwelt auszubalancieren: Was kann man der Institution und den Lehrenden zumuten, was ist vermittelbar? Zum Beispiel bei Themen wie Orientierungsgesprächen im Einzelunterricht zum Thema Körperkontakt, oder der Verbot von Unterricht in Privaträumen. Meines Wissens sind wir die einzige Musikhochschule in Deutschland, die das bisher explizit verboten hat. Manchmal waren wir an dem Punkt, dass einige Lehrende gesagt haben: ›Wir werden unter Generalverdacht gestellt.‹ Es gab schon eine Zeit, in der in der Institution eine große Spannung herrschte. Am Anfang war das Meinungsbild gespalten. Nach meiner Wahrnehmung ist das mit den Gerichtsverfahren weniger geworden und die Hochschulmitglieder wieder enger zusammengerückt. Wir haben als Hochschule eine ganz klare Haltung zu dem Thema. Wenn Einzelne anders denken, ist das ihr gutes Recht.

Welche Zeichen der institutionellen Beschädigung der Hochschule stellen Sie fest?

Glücklicherweise sind die Bewerberzahlen konstant geblieben. Aber ich merke schon, dass das öffentliche Ansehen beeinträchtigt ist. Es gibt ja viele Menschen, die haben uns gar nicht gekannt, und nur über dieses Thema kennengelernt. Das ist natürlich sehr schmerzhaft, weil ich als Präsident diesen Menschen auch vermitteln möchte, welche großartige Arbeit hier geleistet wird, welche wunderbaren Dingen hier entstehen. Jetzt gilt es, die Reputation unserer großartigen Hochschule wieder aufzubauen.

Noch gegen einen weiteren Professor Ihrer Musikhochschule, den mittlerweile beurlaubten Kompositionsprofessor Hans-Jürgen von Bose, ermittelt die Staatsanwaltschaft, unter anderem wegen mehrfacher Vergewaltigung. Das Verfahren ist bisher nicht eröffnet worden. Glauben Sie, dass darüber hinaus noch weitere Fälle auf Sie zukommen?

Das von Ihnen erwähnte Verfahren steht noch im Raum, ansonsten sehe ich nichts Neues. Ich hoffe, dass wir uns jetzt mit der aktiven Bewältigung der Vergangenheit auch auf die Zukunft konzentrieren können.

»Viele Lehrende hinterfragen ihren Unterricht jetzt kritisch, auch die, die hier schon lange tätig sind.« Bernd Redmann, Rektor der Münchner Musikhochschule, über die Lehren aus der Verurteilung Siegfried Mausers in @vanmusik.

Im Falle Mauser, wie auch bei Domingo, Levine und anderen, wollen es im Nachhinein alle gewusst haben. Sie waren lange Siegfried Mausers Kollege, was wussten Sie denn?

Von den konkreten Vorwürfen habe ich erst erfahren, als ich längst Präsident und alles juristisch im Rollen war. Aber ich habe auch zur Kenntnis genommen, dass viele gesagt haben, ›das wussten wir doch.‹ Dass auch innerhalb der Hochschulleitung schon einiges bekannt war, habe ich ebenfalls erst mit Beginn der Ermittlungen erfahren. Natürlich gab es Gerüchte, die mir auch nicht ganz unbekannt waren. Jeder Mensch hat seine Schattenseiten, aber in dem Gerichtsverfahren, das ich auch verfolgt habe, haben sich die Schattenseiten als Abgrund gezeigt. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.