Die besondere, an Selbstbetrug bis Selbstbesoffenheit grenzende Liebe der Kölner zu Köln, dieses Jeföhl ist konstitutiv für du uns Stadt am Rhing (Bläck Fööss). Sie ist auch nötig, um über all die grelle Dysfunktionalität hinwegzusehen, den objektiv schlechtesten Nahverkehr der Welt, einstürzende Archive, ewige U-Bahn-Baustellen, das Opernsanierungsdesaster, das ja nicht wirklich vorbei ist. Gerade nach der irgendwie unglänzenden Eröffnung mit, warum immer, ausgerechnet dem Rosenkavalier, muss jetzt Stefan Herheims Inszenierung von Hoffmanns Erzählungen gegen eine Ersatzproduktion ausgetauscht werden, weil die von Intendant Hein Mulders so beschönigten Maßnahmen zum Zurechtruckeln der Technik, die »Kinderkrankheiten«, nun doch länger dauern. War klar. Sowieso ist Köln die Hauptstadt der unendlichen Absperrungen, der mutmaßlich weltgrößten Akkumulation dieser hässlichen Plastikelemente, deren Farbe nicht anders als rut-wiess sein kann, wo sie die Aussetzung von Durchfahrten, Regeln aller Art, offenbar als Verlängerung des Karnevals (als dem summum bonum) feiern oder mindestens ertragen. Klüngel ist kölsch für den mildertemperierten Vor-Korridor zur Korruption. Man muss es schon lieben, sonst wird’s schwer.

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Wenn sich die Kinderkrankheiten ausgewachsen haben, wird die Stadt ein topmodernes Opernhaus mit architektonischem Denkmalschutz haben und gleich zwei Spitzenorchester, die in der gerade 40 Jahre alten und immer noch schön ufo-mäßigen Philharmonie um das symphonische Publikum konkurrieren. Zur kölschen Eigenart dieses Konzertraums gehört, dass der Platz über dem Saal bei Konzerten und auch Proben von Ordnungskräften gesperrt werden muss, sonst rappeln die Skater in die Kunst. Den vielen Touristen, auf dem Weg vom Dom zur Zweitattraktion der an der Hohenzollernbrücke angebrachten »Liebes«-Schlösser, muss die Sperrung eines freien Platzes erklärt werden, so kommt man immerhin niederschwellig ins Gespräch über den Raum der »klassischen« Musik in der Stadt, und wie gesagt, Absperrung ist in Köln immer eine Lösung.

Nun haben beide Orchester neue Chefs; auf den nach der Dickpic-Affäre nicht mehr haltbaren François-Xavier Roth folgte der zuletzt bei den Wiener Symphonikern verkrachte Andrés Orozco-Estrada beim Gürzenich-Orchester, auf den glanzlosen Cristian Măcelaru beim WDR Sinfonieorchester die junge, strahlende Marie Jacquot, endlich eine Frau. Nun sind solche prominenten Chefposten, abgesehen von den Voraussetzungen Professionalität und Exzellenz, immer auch Statements. Frische »Kraft, Lebendigkeit und Esprit« verspricht das WDR Sinfonieorchester und das Gürzenich provoziert mit kesser Direktheit und plakatiert: »Bock auf Klassik?« Na?

Auf Jugendsprache von dunnemal fährt die Jugend von heute eher nicht so ab, aber vielleicht soll dem Silbersee der Bestandsabonnenten so nochmal eingeheizt werden. Die Annoncen von Lust, Freude und »Klangzauber« (WDR-Intendantin Katrin Vernau) zielen kommunikationsstrategisch forte auf das kölsche Jeföhl, etwas leiser mag dahinter der Zweifel tönen, ob solche Hochstimmung noch in die Zeit passt, selbst im ewig amüsierbereiten Köln. Im weiten Rund der Philharmonie höre ich, wie soll es anders sein, keinesfalls nur Sternstunden, der Brahms, die Tannhäuser-Ouvertüre klingen durchaus so wie anderswo auch, die Programmierung ist insgesamt eher mittelmutig. Und vielleicht wäre es ein Vorschlag für kommende Marketingrunden, im Publikum auch andere Bedürfnislagen zu adressieren als die nach einer Auszeit vom bedrückenden Jetzt mit Klangzauber und Bock auf Brahms. Die Zeiten sind ernst genug, aber anders als einst, als die GEMA die Musik in »U« und »E« sortierte. Und gerade Köln, wo die Grenzen zwischen beiden so heiter fließend sind, könnte sich mehr E leisten. Mit Offenbach und Bernd Alois Zimmermann als Stadtpatronen. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹