Ein erster verhuschter Herbsttag in Berlin-Niederschönhausen, die Kastanien spielen auf dem nassen Kopfsteinpflaster Ping-Pong, Hundebesitzer machen die kleinstmögliche Runde. Am Iderfenngraben 47 bin ich mit der Kontrabassistin Barbara Sanderling verabredet. Ich bin ein bisschen früh dran, und sie hält mich dort am Gartentor zunächst für einen Paketboten. Später während unseres Gesprächs werden alle paar Minuten Nachbarn klingeln, um bei ihr abgegebene Pakete abzuholen. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Hinter ihr an der Wand lehnen zwei Kontrabässe, rechts füllen kleine Miniaturskulpturen von Kontrabassisten die Glasregale. Barbara Sanderling war die erste professionelle Kontrabassistin Deutschlands, 25 Jahre spielte sie im Berliner-Sinfonie Orchester, die längste Zeit als Solo-Bassistin, ab 1986 unterrichtete sie Kontrabass an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.

Barbara Sanderling • Foto Hartmut Welscher
Barbara Sanderling • Foto Hartmut Welscher

Sie wurden 1938 in Leipzig geboren. Kamen Sie aus einem musikalischen Elternhaus?

Kann man so nicht sagen. Meine Mutter hat ein bisschen Klavier gespielt. Mein Vater war seit 1945 nicht mehr in unserem Haushalt bis zu seinem Tod. Er war in Buchenwald inhaftiert (das Konzentrationslager Buchenwald wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1950 von der Sowjetischen Besatzungsmacht als »Speziallager Nr. 2« für politische Gefangene weiter genutzt, d. Red.). Er hinterließ aber eine Gitarre, auf der ich anfing, Lieder zu spielen.

Wie sind Sie dann zum Kontrabass gekommen?

Nach dem Krieg spielte ich in einem der vielen Volkskunstensembles mit. Eines Tages stand dort ein Kontrabass in der Ecke. Ich guckte mir den an und unser Dirigent kam auf mich zu und meinte: ›Nur gucken ist nicht, wir brauchen jemanden, der das spielt.‹ Da die untersten vier Saiten der Gitarre dieselben sind wie auf dem Kontrabass, also in Quarten gestimmt, habe ich das einfach gemacht.

Wie alt waren Sie da?

Das war Anfang der 1950er Jahre, ich war ungefähr 13 oder 14. Ich habe dann angefangen, mir einen Lehrer zu suchen. Das ging erst richtig schief, die Leute machten die Tür auf und meinten: ›Zeig mal Deine Hand … na, komm mal in zwei Jahren wieder.‹ Das gab’s ja damals überhaupt nicht, eine Frau, die Kontrabass spielt. Am Ende hat mich dann der Solo-Bassist des Gewandhausorchesters in Leipzig aufgenommen.

Wer war das?

Damals hieß der noch Konrad Spitzbarth. ›Spitzbart‹ war ja auch der Spitzname von Walter Ulbricht. Mein Lehrer hatte aber drei kleine Kinder und wollte nicht, dass die mit diesem Namen in der Schule gehänselt werden oder in Schwierigkeiten geraten (Für die DDR-Justiz erfüllte die Bezeichnung ›Spitzbart‹ für Ulbricht den Tatbestand der Staatsverleumdung, die mit einer Gefängnisstrafe geahndet wurde, d. Red.) Also hat er sich umbenannt. Ich kam eines Tages bei ihm an die Tür, und es wohnte dort kein Spitzbarth mehr! Ich habe dann überall geklingelt und unter dem Namen ›Siebach‹ machte die Frau von Herrn Spitzbarth auf. Bis zum Hochschulexamen 1961 bin ich bei ihm geblieben. 1953 wurde ich für ein Jahr von der Schule geschmissen. Da lief gerade die Kampagne gegen die Junge Gemeinde (die zentrale Jugendorganisation der Evangelischen Kirche, d. Red.), kurz vor dem Aufstand am 17. Juni. Jede Schule brauchte ihr Bauernopfer, und ich hatte, obwohl ich kein Mitglied war, bei einem Konzert der Jungen Gemeinde das Forellenquintett mitgespielt.

Ihr Bruder ist bereits 1951, nach dem Tod Ihres Vaters in den Westen gegangen. Haben Sie zu der Zeit auch mal überlegt, zu gehen?

Ich sollte nach dem Schulrauswurf eigentlich nach West-Berlin, das hatte mir die Kirche angeboten. Ich bin aber nicht gegangen, weil ich wusste, dass es das Ende meines Berufswunsches bedeutet hätte. In West-Berlin gab es damals, glaube ich, noch kein Orchester, das Frauen aufnahm, eine Kontrabassistin schon gar nicht. Siebach hat dann erreicht, dass ich neben meinem Studium als Aushilfe drei Jahre im Gewandhausorchester mitspielen durfte. Ich sollte pro Monat zehn Dienste machen, gemacht habe ich manchmal 24.

Gab es dort damals schon mehrere Frauen?

Nein, eine Harfenistin und ich waren die Einzigen. Konwitschny (Franz Konwitschny, damaliger Chefdirigent des Gewandhausorchesters, d. Red.) wollte eigentlich keine Frauen im Orchester. Er hat auch gesagt warum: Weil er seine Zoten vor Männern machen konnte, aber nicht vor Frauen. Also durfte ich nicht spielen, wenn er dirigierte. Selbst wenn Platzmangel war, wurde lieber eine Aushilfe geholt. Ich hab’s überlebt.

Konzert zum 95. Geburtstag von Kurt Sanderling 2007 im Berliner Konzerthaus. Mitsuko Uchida spielt Klavier, Barbara und Kurt Sanderlings jüngster Sohn Michael Cello • Foto Jirka Jansch
Konzert zum 95. Geburtstag von Kurt Sanderling 2007 im Berliner Konzerthaus. Mitsuko Uchida spielt Klavier, Barbara und Kurt Sanderlings jüngster Sohn Michael Cello • Foto Jirka Jansch

1960 kreuzen sich zum ersten Mal die Wege von Barbara Wagner und ihrem späteren Mann Kurt Sanderling. Der wurde 1931, als 18jähriger und ohne Dirigentenausbildung, Korrepetitor an der Städtischen Oper Berlin, bevor er dort 1933 als »Nichtarier« entlassen wurde. Als Jude mit einem Berufsverbot belegt, arbeitete er anschließend für den Jüdischen Kulturbund und dirigierte das Jüdische Orchester. 1935 wurde Sanderling ausgebürgert, er emigrierte in die Schweiz und von dort 1936 in die Sowjetunion. Über Stationen beim Moskauer Rundfunk und bei der Philharmonie Charkow kam er nach Leningrad, wo er 1941 neben Jewgeni Mrawinski Zweiter Chefdirigent des Symphonieorchesters der Leningrader Philharmonie wurde.

1960 kam Kurt Sanderling als neuer Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters nach Berlin …

… er wäre gerne schon früher gekommen, aber in Leningrad haben sie gesagt, ›wir haben nicht den Krieg gewonnen, um die abzugeben, die wir noch brauchen‹…

Stimmt die Geschichte, dass Ulbricht sich persönlich bei einem Besuch bei Chruschtschow für sein Kommen eingesetzt hat?

Ja. Hans Pischner, der damals stellvertretender Minister für Kultur war (Pischner war im Anschluss von 1963 bis 1984 Intendant der Staatsoper Unter den Linden, damals Deutsche Staatsoper Berlin. d. Red.) hatte die Idee, die Vormachtstellung Konwitschnys zu brechen. Der war ja damals neben dem Gewandhaus auch noch Chefdirigent der Staatskapellen in Berlin und Dresden. Alfred Kurella, der Kurt aus der Zeit in Moskau kannte, hat Ulbricht auf ihn aufmerksam gemacht. Ulbricht hat dann in Moskau mit Chruschtschow gesprochen, und der sagte: ›Wenn ihr ihn haben wollte, dann nehmt ihn.‹

Barbara Sanderling erzählt über ihre erste Begegnung mit der Sinfonie Anfang der 1950er Jahre:

»Ich war im zweiten Studienjahr auf der Hochschule. Wir hatten einen wunderbaren Musikwissenschaftler, der immer ein bisschen konspirative Sachen – Alban Berg und so – mit uns gemacht hat. Eines Tages hat irgendjemand die Schallplatte von der 5. Sinfonie mitgebracht. Der Plattenspieler stand auf der Erde, und wir saßen drumherum. Wir haben überhaupt nicht gewusst, was wir da hören, uns blieb der Atem weg. Wie sollten wir einordnen und verstehen, was wir da hören?«

Wie kamen Sie dann zum Orchester?

Das Orchester nannte man damals ›Das Frisörgehilfenorchester‹, das war im gesamten Berlin so das letzte Rad am Wagen. Der Westberliner Dirigent Hermann Hildebrandt war gerade zurückgetreten (weil er nicht bereit war, seinen Wohnsitz nach Ostberlin zu verlegen, d. Red.). Kurt Sanderling hatte sofort im Vertrag stehen, dass das Orchester vergrößert wird, und so wurden Stellen ausgeschrieben; auf eine von denen bewarb ich mich 1960, ein Jahr vor meinem Abschluss. Mein Lehrer hatte gesagt, dass das gar keinen Sinn mache, die nähmen ohnehin keine Frauen. Trotzdem bekam ich eine Einladung zum Probespiel.

Wollten Sie nach Berlin?

Gar nicht. Ich lebte mit meiner Mutter allein, mein Bruder war im Westen, mein Vater gestorben. Ich wollte meine Mutter nicht allein lassen, und Berlin hat auch nicht gezogen. Als ich Zuhause erzählte, dass ich mich in Berlin beworben hatte, war die Antwort: ›Was, in dem Sündenpfuhl?‹

Manche Dinge ändern sich nie.

Ich fuhr also im September 1960 nach Berlin, und als ich in das Aufwärmzimmer kam, sagten meine acht Mitbewerber, natürlich alles Männer, so höhnisch: ›Na, willst wohl auch Bass spielen?‹ Und ich sagte: ›Genau‹.

Können Sie sich noch an das Probespiel erinnern?

Es war nicht wie heute mit Vorhang, es gab auch nur eine Runde, ich glaube, ich war als Letzte an der Reihe. Es waren viele Orchestermitglieder anwesend. Ich habe also mein Solostück gespielt …

Was war das?

Dittersdorf-Konzert, ich glaube den ersten und zweiten Satz. Dann kamen die Orchesterstellen. Da war ich im Vorteil, weil ich die Stücke alle schon mal selbst im Orchester gespielt hatte. Bei Beethovens Neunter stellte sich Kurt Sanderling vor mich hin und sagte, ›Jetzt dirigiere ich mal das Recitativ (den Beginn des 4. Satzes, d. Red.), und Sie spielen es, wie ich dirigiere.‹ Er hat ganz absichtlich Verzögerungen gemacht oder ein accelerando. Weil ich es auswendig spielen konnte, hing ich nicht in den Noten, sondern habe das natürlich mitgemacht. Das ging also gut. Nach dem Probespiel kam er aus seinem Büro und sagte: ›Die Stelle gehört ihnen, sie können in zwei Wochen anfangen‹. Nie im Leben hatte ich damit gerechnet, ich hatte mich eigentlich nur ausprobieren wollen. Da habe ich gesagt, ›Das geht nicht, ich habe noch ein Jahr zu studieren.‹–›Na, dann kommen Sie halt in einem Jahr.‹ Auch wieder Glück gehabt, wenn ich mein Studium hätte sausen lassen, hätte ich 20 Jahre später die Stelle an der Hochschule nicht antreten können. Da war die erste Frage: ›Wo ist ihr Diplom?‹

François Couperin: Duo für Gambe und Kontrabass in G-Dur; II. Air; Barbara Sanderling (Kontrabass), Rolf Döhler (Gambe) • Link zum Album

Während Sie Ihr Studium zu Ende führten, begann im August 1961 der Mauerbau. Was hat der für das Orchester bedeutet?

Es hieß: Wer in diesem Orchester weiterspielen will – und das waren zu 75 Prozent Westberliner – muss nach Ostberlin ziehen. Raten Sie mal, wie viele gekommen sind? Kein Einziger. Mein Mann hatte also ein leeres Orchester, das jeden Tag auf der Abwicklungsliste stand. Aber da man ihn nun extra hergeholt hatte und die anderen Dirigentenposten alle besetzt waren, überlegte man es sich anders und entschied, von den sieben Hochschulen, die es in der DDR gab, die besten Absolventen zu rekrutieren. Wir hatten plötzlich ein wunderbares und ganz junges Orchester. Ich glaube, das Durchschnittsalter am Anfang betrug 23 Jahre. So sind wir eine ganz lange Zeit ziemlich gleichmäßig alt geworden. Für meinen Mann war das ein großes Glück, er konnte das erste Mal einen Klangkörper formen.

Kurt Sanderling und Sie haben 1963 geheiratet, danach waren sie 16 Jahre lang zusammen im Orchester, Sie als Solo-Kontrabassistin, er als Chefdirigent, bis Ihr Mann 1977 das Chefdirigat abgab. Wurde durch die Hochzeit etwas schwieriger?

Einfacher bestimmt nicht. Es war natürlich eine neue Situation für mich. Ein Dirigent ist ein Dirigent, er stellt manchmal Forderungen, die nicht allen gefallen. Wenn ein Grüppchen zusammenstand, ich kam hin und es wurde still, dann ging ich weiter. Ich habe einmal den Fehler gemacht, einen Kollegen mit seiner Familie nach Hause einzuladen. Das muss irgendjemand erfahren haben und man wollte ihm unterstellen, er wolle sich beim Chef einschleimen. Da habe ich gemerkt, dass das nicht geht.

Als Gründungsmitglied des Berliner Oktetts, das sich aus Mitgliedern des Berliner Sinfonie-Orchester bildete, waren Sie seit 1964 neben dem Orchesterdienst viel im Ausland unterwegs.

Als wir anfingen, war die DDR von den meisten Ländern noch gar nicht anerkannt. Wir wurden quasi als verlängerter Arm der Diplomatie in Länder geschickt, wo dann zu unseren Konzerten Diplomaten geladen wurden. Im Anschluss gab es dann die so genannten Salzstangenparties mit viel Alkohol.

Kurt Sanderling und der Geiger Isaac Stern bei einem Konzert mit den Leningrader Philharmonikern. Sanderling war dort von 1941 bis 1960 Zweiter Chefdirigent neben Jewgeni Mrawinski. Barbara Sanderling erzählt: »Mein Mann hat nie Alkohol getrunken, ich glaube, weil er gesehen hat, wie die sich dort alle betäubt haben mit Alkohol. Der Mrawinski saß einmal unten in der Kneipe, in Leningrad nach dem Krieg, als ein paar grölende Matrosen reinkamen. Da hat er im Suff gerufen: »Nun hört mal auf, ihr habt 1917 in die falsche Richtung geschossen.« Das hätte den Tod bedeuten können, aber der war als Chef der Philharmonie nicht so einfach abzusetzen.« • Foto © privat
Kurt Sanderling und der Geiger Isaac Stern bei einem Konzert mit den Leningrader Philharmonikern. Sanderling war dort von 1941 bis 1960 Zweiter Chefdirigent neben Jewgeni Mrawinski. Barbara Sanderling erzählt: »Mein Mann hat nie Alkohol getrunken, ich glaube, weil er gesehen hat, wie die sich dort alle betäubt haben mit Alkohol. Der Mrawinski saß einmal unten in der Kneipe, in Leningrad nach dem Krieg, als ein paar grölende Matrosen reinkamen. Da hat er im Suff gerufen: »Nun hört mal auf, ihr habt 1917 in die falsche Richtung geschossen.« Das hätte den Tod bedeuten können, aber der war als Chef der Philharmonie nicht so einfach abzusetzen.« • Foto © privat

›Klassische Musiker‹ waren ja auch so etwas wie ein Exportschlager der DDR. Gab es da eigentlich Auflagen oder Begleitung?

Bei den Reisen mit dem Oktett haben sie uns ohne einen Pfennig ins Ausland geschickt, wir haben teilweise erst am Flughafen unsere Pässe bekommen. Da mussten wir uns so durchschlagen. Einmal sind wir 1974 in Argentinien hängengeblieben: Nach dem Tod von Perón war dort der Ausnahmezustand verhängt worden, alles war zu, wir saßen im Hotel und haben ich-weiß-nicht-wie-oft das Hindemith-Oktett gespielt. Unser einziger Flug mit Aeroflot von Rio de Janeiro nach Berlin war weg. Die Ersten, die angeboten haben, uns nach Hause zu fliegen, waren Swiss Air. ›Nein, das ist eine kapitalistische Fluggesellschaft,  das geht nicht‹, hieß es da aus Berlin. Also mussten wir acht Tage rumsitzen, bis uns schließlich eine tschechische Maschine mitnahm. Bei Orchesterreisen war oft jemand von der Künstler-Agentur dabei. Einmal hatte uns eine Goethe-Vereinigung vor Ort nach dem Konzert zu einem Empfang eingeladen. Da hat der Mann von der Künstler-Agentur gesagt, dass wir nicht bleiben dürften. Mein Mann meinte dann: ›Was ist das für eine Kapitulation, wenn wir jetzt sagen, wir müssen aufstehen und weggehen, weil unsere Regierung das nicht erlaubt?‹ Wir durften bleiben. Solche Dinge sind laufend passiert. Als ich 1986 an die Hochschule kam, fragte mich der Rektor bei der Einstellung als erstes ›Haben Sie Westkontakte?‹–›Ja, mein Bruder, der wohnt seit 1951 in Westdeutschland.‹–›Und sonst?‹–›Ja natürlich, was denken Sie denn? Glauben Sie, wenn jemand aus Israel anruft und meinen Mann sprechen will, soll ich dann wirklich sagen, ich darf mit Ihnen nicht sprechen?‹ Wir haben auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir abgehört wurden, wir haben trotzdem alles gesagt und sind heil geblieben.

Gab es Privilegien, zu denen man vielleicht auch mal Nein sagen musste, um nicht ins falsche Licht zu geraten?

Eine Sache gab es, die mir gezeigt hat, wie wichtig es dem Staat dann doch war. Der Sohn aus erster Ehe war bei einer Tour 1983 in Westdeutschland geblieben. Kurt war zur selben Zeit in Amsterdam und ich hatte eine Ausreisegenehmigung, um nachzukommen. Das war für meinen Mann eine sehr schwere Situation, seinen Sohn auf diese Art zu verlieren, es stand ja die Mauer. Ich bekomme also einen Anruf vom Ministerium für Kultur: ›Sind Sie zu Hause, wir würden gerne zu Ihnen kommen‹. Da dachte ich, dass sie meine Ausreise nicht genehmigen würden. Sie kamen dann, und da war ich überrascht – das kann ich noch heute nicht richtig fassen – sie haben gesagt: ›Können Sie nicht heute schon fliegen, damit der Sanderling jemanden bei sich hat?‹ Es hat mir gezeigt, wie sehr ihnen an Kurt Sanderling lag. Da habe ich eine Art Menschlichkeit erlebt, was selten genug war in diesem Land.

»Nach seinem letzten Konzert 2002 hatten wir Angst, dass er in ein Loch fällt, wenn er nicht mehr dirigiert. Mein Sohn hat dann einen Hund gebracht, damit er wenigstens spazieren geht. Das Gegenteil war der Fall. Er hat bis wenige Tage vor seinem Tod über Partituren gesessen.« • Foto Christian Hahn
»Nach seinem letzten Konzert 2002 hatten wir Angst, dass er in ein Loch fällt, wenn er nicht mehr dirigiert. Mein Sohn hat dann einen Hund gebracht, damit er wenigstens spazieren geht. Das Gegenteil war der Fall. Er hat bis wenige Tage vor seinem Tod über Partituren gesessen.« • Foto Christian Hahn

Was waren die musikalischen Höhepunkte in Ihrer Karriere?

Für meinen Mann war es bestimmt der Ruf nach Klemperers Absage zum Philharmonia Orchester nach London. Da hat er zunächst am Telefon gesagt: ›Nein, da kann ich nicht, da habe ich eine Probe mit dem Orchester.‹ Das war eine der wenigen Momente, in denen ich mich eingemischt habe, denn Klemperer und Furtwängler – das waren seine Idole in der Jugend. ›Hast Du Dir das gut überlegt?‹ Die Konzerte in London waren schließlich der Anfang der richtiggehenden Karriere. Als wenn die Tür in die Welt aufgestoßen wurde.

Und bei den gemeinsamen Konzerten?

Natürlich die Sinfonien Schostakowitschs, auch die ganze Entwicklung beim Publikum zu sehen, dessen Reaktion auf diese Musik anfangs sehr verhalten war. Aber Kurt hat nicht locker gelassen. Und heute? Gerade war ich in Dresden, wo mein Sohn die Vierte von Schostakowitsch gemacht hat. (Michael Sanderling ist Chefdirigent der Dresdner Philharmonie und spielt dort derzeit sämtliche Sinfonien von Schostakowitsch ein, d. Red.) Ein wirklich schweres Stück, voller Schrecken, sehr ernsthaft, sehr lang. Die sprangen danach auf, ich dachte ich bin im falschen Film. Das kann unmöglich allen gefallen haben, aber man will es mögen wollen. So hat Schostakowitsch seinen Platz gefunden mittlerweile.

Kurt Sanderling mit Dmitri Schostakowitsch • Foto Konzerthaus Berlin Archiv
Kurt Sanderling mit Dmitri Schostakowitsch • Foto Konzerthaus Berlin Archiv

Ihr Mann und Schostakowitsch haben sich 1943 in Nowosibirsk das erste Mal getroffen, wohin das Orchester der Leningrader Philharmonie im Zuge der Belagerung Leningrads 1941 evakuiert worden war. Stimmt es, dass er sich später für Ihren Mann eingesetzt hat?

Belegt ist es nicht, aber es ist zu vermuten. 1952 wurde mein Mann plötzlich aus dem Verkehr gezogen, es hieß, dass fürs nächste halbe Jahr keine Konzerte mehr mit ihm geplant seien. Kurz darauf erschien ein Artikel: ›Müssen wir das akzeptieren, dass ein Nichtstudierter‹ – er hatte ja keine formale Ausbildung als Dirigent –  ›und ein deutscher Jude eines unserer besten Orchester dirigiert?‹ So etwas hätte die Verbannung bedeuten können, nach Sibirien oder Baku. Da saß er ein Jahr auf einem Pulverfass. Eines Tages schlägt er die Zeitung auf, und da steht: Dann und dann wird das Orchester unter Kurt Sanderling in der Philharmonie spielen. Ohne dass er etwas davon wusste. Einfach so, das war sozusagen die verschlüsselte Freigabe. Es ist anzunehmen, dass da eine Fürsprache stattgefunden hat.

Sind Sie Schostakowitsch einmal begegnet?

Er saß auch schon dort, wo Sie jetzt sitzen …

Wie haben Sie ihn erlebt?

Er war ein Psychopath. Ganz schnell sprechend, ganz verunsichert, er hatte furchtbare Angst vor dem Tod, er wusste offensichtlich um seinen Gesundheitszustand, das kommt ja auch im letzten Satz der 15. Sinfonie ganz deutlich zum Ausdruck.

Die Lesart der 15. Sinfonie hat Ihr Mann wesentlich mit beeinflusst. In einem Interview mit Jan Brachmann erzählt er, wie er das Stück 1972 zum ersten Mal mit dem Russischen Staatsorchester in Berlin gehört hat. Schostakowitsch selbst hatte den ersten Satz als ›Spielwarenladen‹ betitelt …

Nach dem Konzert hat mein Mann ihn dann ganz vorsichtig gefragt: ›Könnte es sein, dass Sie eher Marionetten meinen, die man von Menschenhand ziehen kann?‹ ›Ja, ja, ja‹, da kamen immer so geflüsterte Antworten. Er war geschädigt vom System und ganz krank geworden in diesem Staat. Im Westen hat man darauf auch nie Rücksicht genommen. In den USA wurde er einmal gefragt: ›Teilen Sie die Meinung Ihrer Regierung in Moskau über Bartók, Honegger, Strawinski …‹ – also alle, die verboten waren und wir nicht spielen durften. Und er musste sagen: ›Ja.‹ Was sollte er sagen, wenn sie so eine Frage stellen? Wenn er ›nein‹ sagt, kann er gleich dort bleiben, und er hatte doch Familie zu Hause.

Im Anschluss an die Ostberliner Erstaufführung der 15. Sinfonie verbrachte Schostakowitsch den Mai und Juni 1972 im sächsischen Gohrisch, wo Ihr Mann ihn besuchte. Hat er Ihnen erzählt, worüber Sie gesprochen haben?

Sie wohnten im Gästehaus der Regierung, aber immer wenn sie reden wollten haben Sie lange Spaziergänge weit weg vom Gelände durch den Wald gemacht. Kurt hat ihn gefragt: ›An was denken Sie zurück in dieser schweren Zeit?‹ Schostakowitsch hat geantwortet: ›An den Berg von Leichen.‹

Das Berliner Sinfonie-Orchester sollte als Konkurrenzorchester zu den Berliner Philharmonikern im Westen aufgebaut werden. Gab es eigentlich mal eine Begegnung zwischen Ihrem Mann und Karajan?

Ja, einmal in Salzburg. Mein Mann war mit der Dresdner Staatskapelle das erste Mal eingeladen zu den Festspielen. Es tat mir schon etwas leid, als wir durch die Straßen gingen, in jedem Schokoladenladen und jeder Parfümerie hingen Bilder von einem Musiker, Dirigenten, Sänger, von ihm nicht ein einziges. Er machte Schostakowitschs Achte, glaube ich. Das Orchester war entsetzt und hätte meinen Mann am liebsten ans Kreuz genagelt, denn das war nicht ihr Metier. Dann kam das Konzert in der Felsenreitschule. Karajan hatten wir bis dahin nicht gesehen. Die Sinfonie war zu Ende und ein Mann in der sechsten Reihe springt auf und schreit ›Bravo‹. Das war Karajan, damit war der Schostakowitsch gerettet, alle Leute wussten jetzt, das muss gut sein. Am nächsten Tag haben sie sich noch einmal kurz getroffen und über Schostakowitsch gesprochen, Karajan hatte die Zehnte einmal mit den Berliner Philharmonikern in Leningrad dirigiert. Dass es eine besonders herzliche Begegnung war kann ich nicht sagen, es war auch nicht sehr lang. ¶

Wir verabschieden uns, und Barbara Sanderling begleitet mich nach draußen. An ihrem Haus hängt seit kurzem eine Gedenktafel für ihren 2011 verstorbenen Mann. Ich erinnere mich an einen Satz des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner, der nach dem Tod David Bowies im Januar meinte, Berlin habe ›wahrscheinlich den bedeutendsten Musiker seit Herbert von Karajan verloren, der mit dieser Stadt verbunden war.‹ Sanderlings und Karajans Leben verliefen zeitlich parallel, aber an ihren biographischen Gegensätzen ließe sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen: Sanderling kommt aus dem ostpreußischen Arys nach Berlin, Karajan aus dem österreichischen Salzburg. Karajan machte als NSDAP-Mitglied im Dritten Reich Karriere und schaffte es dort bis auf die Gottbegnadeten-Liste, der Jude Sanderling wurde 1933 mit Berufsverbot belegt und emigrierte 1936 in die Sowjetunion, Karajan formte die Westberliner Philharmoniker, Sanderling das Ostberliner Berliner Sinfonie-Orchester, das heutige Konzerthausorchester, Karajan suchte Glamour und Glitter, war Teil des Jet-Sets, verkaufte Goldene Schallplatten in der Goldgräberzeit der Plattenindustrie, Sanderling blieb in Pankow wohnen und auch während seiner späteren Weltkarriere jenseits des ganz großen Rampenlichts. Spätestens seit dem 23. September kennt nun auch Tim Renner Kurt Sanderling: An dem Tag enthüllte er hier seine Gedenktafel. David Bowie hat auch schon eine, einmal quer durch die Stadt in Schönberg. Die wird allerdings immerzu von Fans geklaut. Eine Gedenktafel für Karajan gibt es nicht.

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Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.