Vor wenigen Monaten bekannte unser Autor Arno Lücker: »I miss you, ARD-Aussprachedatenbank«. Es gibt in der Klassikwelt noch mehr als in der populären Musik – mit ihren meist eingängigen Künstler- und Gruppennamen – ein Ausspracheproblem. Schritt für Schritt wollen wir dem in VAN konstruktiv begegnen. Heute: Jakub Hrůša wuchs in Brünn auf und studierte Dirigieren an der Akademie der musischen Künste in Prag, unter anderem beim kürzlich verstorbenen Jiří Bělohlávek. Nach Stationen bei den Prager Philharmonikern und als musikalischer Leiter beim Glyndebourne Festival wurde er im Herbst 2016 der fünfte Chefdirigent der Bamberger Symphoniker. Er schreibt das tschechische Erbe des Orchesters fort: Bei dessen Gründung 1946 bildeten ehemalige Mitglieder des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag den Kern. Ich treffe Hrůša am letzten Aprilwochenende im Dirigentenzimmer der Bamberger Konzerthalle. Wir sind verabredet, um über seine Lieblingsstücke tschechischer Musik zu sprechen (hier gehts zum Beitrag). Zunächst muss die linguistische Seite des Ganzen geklärt werden.

Say my Name
Es gibt strenge Regeln, nach denen man die Aussprache lernen kann. Nummer Eins: Die erste Silbe ist immer betont. Das heißt aber nicht, dass sie deswegen lang ausgesprochen wird. Das ist in vielen anderen Sprachen der Fall. Nicht im Tschechischen. Egal, ob kurz oder lang – betont ist die erste Silbe immer. Bei meinem Vornamen Jakub sind beide Silben kurz, was du daran erkennst, dass nichts über den Buchstaben steht. Die Länge wird über das Element angegeben, das in anderen Sprachen als Akzent funktioniert, der Akut zum Beispiel, čárka.
Bei meinem Nachnamen wird also ›Hrů‹ betont, aber auch lang gesprochen, das macht es leichter. Hier liegt eine Ausnahme vor, weil es der kleine Kreis über dem ›u‹ ist, der die Dehnung auslöst. Der kleine Hatschek über dem ›s‹ bedeutet, dass es weder ein stimmloses (wie in ›soft‹) noch ein stimmhaftes (wie in ›sanft‹) ist, sondern ein ›sch‹ wie in ›Schock‹. (Mehr zum Hatschek in unserer Aussprachedatenbank-Folge mit dem Komponisten Vito Žuraj). Das ›r‹ sollte gerollt werden, was für manche Leute ein Problem darstellt.
Mein Nachname hat im Tschechischen keine genaue Bedeutung, aber was vielleicht am nächsten dran ist, ist das Wort für einen großen Birnbaum, das kann mit dem robusten Körperbau meiner Vorfahren zusammenhängen. Und: Ich dirigiere viel in Japan und habe dabei erfahren: Wenn man die Aussprache meines Namens mit verschiedenen Schriftzeichen der japanischen Schrift darstellt, dann können die so etwas bedeuten wie: Einer, der tanzt und dabei einen Stock oder ein Schwert in seinen Händen bewegt. Ein tanzender Samurai also – und gar nicht soweit entfernt, von dem, was ich tue!
Bedřich Smetana
Der Vorname von Smetana enthält diesen speziellen Klang: Das ›ř‹, das keine andere Sprache in der Welt besitzt. Wer weiß, aus welchem Grund er geschaffen wurde – für Kinder ist er jedenfalls sehr schwer zu lernen.
Smetana hat in Schweden den Leuten, die sich bei seinem Namen versprochen haben, gesagt, sie sollen ihn betonen wie in der Ouvertüre zu Fidelio …
… was nicht einmal richtig ist, denn es ist ja gerade nicht »Smähtana«:
Es kann aber sein, dass er die erste Silbe ein wenig länger aussprach, als wir es tun, weil seine Generation derart vom Deutschen beeinflusst war. Andererseits wird in vielen Originalquellen sein Name mit zwei ›t‹ geschrieben, Smettana, manchmal sogar durch ihn selbst oder Familienangehörige. Das ist wahrscheinlich auch ein Hinweis darauf, dass die erste Silbe kurz ausgesprochen werden sollte.
Antonín Dvořák
Zunächst ist da wieder das ›ř‹, das ist natürlich schwierig, aber selbst, wenn du es ›rsch‹ oder ›sch‹ oder so aussprichst, dann ist folgendes wichtig:
Die erste Silbe kurz und betont, die zweite lang und leicht. Das gleich gilt für …
… Leoš Janáček, Bohuslav Martinů, Miloslav Kabeláč
Noch ein Tipp zum Schluss
Ich möchte alle, die tschechische Namen korrekt aussprechen möchten, ermuntern, den Unterschied zwischen kurz und lang wirklich zu übertreiben. Auch wenn es für fast alle anderen unnatürlich klingt – so ist es richtig. ¶