Vorspiele und Konzerte der Musikhochschulen sind nicht nur Fixtermine für Klassikfreunde mit schmalem Geldbeutel, sondern auch Experimentierfelder für junge Musizierende, seltenes Repertoire, ungewöhnliche Formate. Eine bewährte Institution in diesem Sinn ist das frühsommerliche Festival Crescendo der Berliner Universität der Künste, das in diesem Jahr unter dem Motto GegenTöne steht. Ein wohlgewählter Titel, nicht nur ästhetisch, sondern auch materiell in einer Zeit existenzbedrohender Kürzungen durch den schwarz-roten Senat, der bereit scheint, eine ganze Stadt bildungs- und kulturpolitisch zu verheeren, solange nur keine (wie schwarze Parteifunktionäre es gern ausdrücken) »Parkplätze vernichtet« werden.

Zu den Dingen, die man sonst kaum zu hören und zu sehen bekommt, gehört Mathias Spahlingers 2005 entstandenes Werk Farben der Frühe für sieben Klaviere. Diese sieben sind keine Klimperkästen, sondern ernsthafte Konzertflügel, die die Crescendo-Verantwortlichen auf die Bühne des Konzertsaals in der Hardenbergstraße gebracht haben, unter anderem dank der Leihgabe dreier Flügel durch die Firma Bechstein; sie bilden zusammen mit zwei Steinways und je einem Yamaha und Kawai einen eindrucksvollen Fächer. Es sind zwar weniger als die 11.000 Saiten von Georg Friedrich Haas, aber hier vergehen einem Hören und Sehen ohnehin ganz anders als im haasschen Mikrotonrausch. Denn bei Spahlinger sind die sieben Flügel klassisch gestimmt und werden praeter propter traditionell gespielt, getastet und geschlagen. Das vierzigminütige Klangergebnis ist gleichwohl extrem. Man muss auch den konsequent kleingeschriebenen Exposé-Elaborationen von »punktefeldern ohne figuration« oder »einheit von disjunktion und konjunktion« keineswegs folgen können, um von einer rauschhaften Erfahrung erfasst zu werden, bald erschlagener Weise, bald selig davongetragen. Hier Klangballungen, dort »gleiche Töne«, die ganz verschieden seitwärts durch den Fächerflügel schwirren; ein immergleiches, immer verschiedenes Des ist es, das im zentralen dritten Satz nicht etwa monoton einlullt, sondern im Gegenteil in radikaler Konzentration Ohrwelten öffnet. 


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com