SANCTA, die erste Opernperformance der Choreografin Florentina Holzinger, war bei der Uraufführung am 30. Mai 2024 am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin ein voller Erfolg und wurde kurze Zeit später auch bei den Wiener Festwochen gefeiert. Erst an seiner dritten Station, der Staatsoper Stuttgart, wurde das Stück über die katholische Kirche und ihren Umgang mit weiblichen Körpern im Oktober 2024 plötzlich zum Skandal. Fundamentalistische Katholik:innen und Rechte überfluteten nicht nur das Haus mit Protestmails und Anrufen, sondern beschimpften und bedrohten auch einzelne Performer:innen. Die Stuttgarter Oper stockte für die weiteren SANCTA-Aufführungen den Sicherheitsdienst auf. 

Diese Reaktionen stehen im direkten Zusammenhang mit der Berichterstattung, die im Oktober 2024 plötzlich deutlich weitere Kreise zog. Zunächst hatte die lokale Presse, sowohl ›Stuttgarter Zeitung‹ als auch ›Stuttgarter Nachrichten‹, fälschlicherweise von 18 Erste-Hilfe-Einsätzen während der ersten beiden Stuttgarter SANCTA-Aufführungen berichtet (tatsächlich betreute der Besucherservice 18 Menschen im Publikum, nur drei Mal musste ein Arzt hinzugezogen werden. Auch bei anderen Opernaufführungen sind gelegentliche Notarzteinsätze laut Staatsoper nichts Außergewöhnliches). Die Deutsche Presse Agentur (dpa) nahm die Nachricht auf und Feuilleton wie Boulevardmedien witterten in der Verbindung von Nacktheit, Sexualität, Frauen, katholischer Kirche und Oper den großen Clickbait. Die ›Bild‹-Zeitung brachte, genau wie ihr Schweizer Pendant ›Blick‹, gleich mehre Texte und beschränkte sich dabei nicht aufs Zuspitzen, sondern schrieb von Figuren, die im Stück so überhaupt nicht vorkommen. Aber auch Medien wie ›Zeit im Bild‹, die ›FAZ‹, der ›Guardian‹ oder das ›BBC Music Magazine‹ brachten Falschmeldungen über Erbrechen (das es laut Stuttgarter Besucherservice nicht gab) oder ›severe nausea‹ im Publikum.

»Nachdem die dpa-Meldung kam und die Boulevardmedien sie aufgegriffen haben – daraufhin ist Social Media explodiert«, erklärte Sebastian Ebling, Pressesprecher der Staatsoper, die Konsequenzen gegenüber VAN. »Die Vorwürfe reichen von Blasphemie über Verschwendung von Steuergeldern bis zur Verantwortung für den Untergang des Abendlandes sowie Forderungen, die Produktion vom Spielplan zu nehmen. Und dann hat es nicht lange gedauert, bis das Internet aufmerksam geworden ist auf die Performerinnen selber, die natürlich auch online präsent sind, zum Beispiel auf Instagram.«

Eine Performerin, auf die sich vor allem die ›Bild‹-Zeitung einschoss, ist Annina Machaz. In SANCTA sorgt sie als überlasteter Jesus für humorvolle Momente und eine direkte Verbindung zum Publikum, außerdem tritt sie nackt als Adam in Erscheinung. ›Bild‹ empörte sich unter anderem über Machaz als »Nackt-Jesus« (Jesus ist in SANCTA allerdings die ganze Zeit bekleidet) und riss Bilder und Statements gegenüber anderen Medien aus dem Kontext. Die konservative Boulevardzeitung New York Post titelte »I’m the nude lesbian Jesus in the shocking opera that’s making audience members sick – my role is the ›thrill‹ of a lifetime« – was Machaz nie gesagt hat. Die Stuttgarter Zeitung nahm das Zitat trotzdem auf und publizierte es erneut …

Annina Machaz arbeitet seit 2016 mit Florentina Holzinger zusammen, SANCTA ist bereits ihr sechstes Projekt mit der Choreografin. Machaz studierte Schauspiel und Scenic Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern und wurde für ihre Arbeiten vielfach ausgezeichnet. Auch Musik spielt dabei immer wieder eine Rolle: Mit der Schweizer Theatergruppe HORA erarbeitete sie eine Version des Sacre du printemps (zu sehen unter anderem bei den Swiss Dance Days 2024 in Zürich), beim Festival Steirischer Herbst gab sie 2024 eine Soloperformance mit Alphorn. 

Ich treffe Machaz in Berlin, wo SANCTA als eine von zehn Inszenierungen des diesjährigen Theatertreffens zu erleben ist. Ein Tag ist in Berlin zur Wiederaufnahmeprobe für SANCTA eingeplant, parallel stecken die Performer:innen um Holzinger schon in der Schlussphase der nächsten Produktion: A Year without Summer, das am 21. Mai in Berlin Premiere feiert. 


VAN: Wie ist die Stimmung bei euch jetzt zum Theatertreffen?

Annina Machaz: Es ist alles ein bisschen gequetscht, weil wir gerade A Year without Summer proben, aber eigentlich freuen sich alle, dass wir SANCTA jetzt nochmal machen können, auch wieder mit dem Chor aus Schwerin, dass wir uns wiedertreffen. Wir lieben das Projekt alle, es ist überall gut angekommen, und viele Leute und Freunde in Berlin wollten es sehen und haben keine Karten gekriegt … Deswegen sind alle super hyped.

Die Berichterstattung aus dem Oktober hat euch also nicht den Spaß verdorben?

Nein, ganz im Gegenteil.

Hast du im Oktober auch Drohnachrichten bekommen?

Ich habe schon Nachrichten bekommen, die unter der Gürtellinie waren: ›Du gehörst ans Kreuz genagelt, Jesus hat das nicht verdient‹ und so weiter. Aber die waren so dermaßen out of context, dass ich sie gar nicht ernst nehmen konnte. Es war nichts, bei dem ich dachte: Ich kriege Angst. Florentina hat sicher noch krassere Sachen bekommen.

Florentina Holzingers Reaktion auf Berichterstattung und Drohnachrichten vom 11. Oktober 2024

Kannst du dir erklären, warum SANCTA plötzlich so zum Skandal wurde? Das Leben des Brian ist mittlerweile über 40 Jahre alt und nackte Menschen sieht man im Theater und bei Performances dauernd … Liegt es an der Kombination von Nackt-Sein und Oper? Oder Nackt-Sein und Kirche?

Es war von Anfang an ein heißes Eisen, sowas an der Oper zu machen. Aber es war ja auch nie die Idee, Religion total zu veräppeln oder anzugreifen, im Gegenteil. Ich habe mich für meinen Jesus-Character oft mit einem Priester getroffen und mit ihm zusammengearbeitet. Der ist mehrmals vorbeigekommen und fand das super cool, das hat mich bestätigt. Die Drohungen kommen ja nicht von der ganzen Kirche, sondern extremistischen, sektenhaften Gruppierungen. 

Es gab einen Punkt, an dem es total ausgeartet ist, an dem es nicht so toll war. Das hätten wir nicht erwartet. Die Boulevardmedien haben sich vorher nie für uns interessiert. ›Arte‹ hat mal eine Doku über ein Stück gemacht, es gab auch kritische Stimmen, ganz normal. Dass das dann so explodiert ist, hat uns ein bisschen geschockt. Leute wurden einzeln hervorgezerrt, und dann noch so aus dem Kontext gerissen und einfach falsch dargestellt, von Leuten, die die Vorstellungen nicht mal gesehen haben, einer hat vom anderen abgeschrieben.

Hat die ›Bild‹-Zeitung dich eigentlich irgendwann mal direkt kontaktiert?

Nein, eben nicht. Sie haben einfach ein Foto von mir aus dem Schauspielstudium genommen und meinen Namen dazugeschrieben. Für mein Umfeld war das zeitweise etwas schwierig. Ich hätte mir vielleicht vor langer Zeit einen Künstlernamen zulegen sollen. Auf der anderen Seite stehe ich total zu dem, was ich mache, und ich glaube, die Leute, auf deren Meinung ich zähle, wissen auch alle, dass die Berichterstattung nicht fundiert war und dass sie auf hetzerischer Klatschpresse beruhte.

Mich hat es natürlich gestört, dass das, was die geschrieben haben, meiner Arbeit überhaupt nicht gerecht wird. Da wird dann ein Foto rausgepickt, wo ich irgendwie nackt in der Schlinge hänge, aber vom ganzen Drumherum erfährt man gar nichts. Und die Leute verstehen auch nicht, dass auch der lustige Part, den ich mache, superviel Arbeit ist.

Es war gut, dass wir uns als Gruppe austauschen konnten. Es gab keinen Moment, in dem ich dachte: ›Wow, ich bin jetzt wirklich in Gefahr.‹ Aber wir haben schon gedacht, dass vielleicht Leute im Publikum irgendwas werfen oder so – darauf waren wir eigentlich ein bisschen vorbereitet.

Das ist dann aber nicht passiert, oder?

Nein, am Ende des Tages ist überhaupt nichts passiert.

Es gab in keiner Show irgendeine Störung?

Überhaupt nicht.

Nur die kleine Demo mit Dudelsack von der katholischen, je nach Blickwinkel erzkonservativen bis rechtsextremen ›Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum‹ vor der Stuttgarter Oper.

Ja, genau. Aber für unsere Show war das eigentlich gerade gut. Es war wie ein skurriles Vorspiel.

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Welche Rückmeldungen hat der Priester dir im Probenprozess und beim Schreiben deiner Texte gegeben?

Der meinte, das ist halt eine moderne Adaption. Ich verteile als Jesus zum Beispiel Visitenkarten ans Publikum, mit einer E-Mail-Adresse darauf, die auch wirklich funktioniert. Da haben mir sogar ein paar Leute Mails hingeschrieben: ›Ich hab Liebeskummer, was soll ich tun?‹ Oder einfach lustige Sachen.

Ich hab mir gedacht: Jesus muss eigentlich ziemlich gestresst sein, wenn er so viele Leute, Anhänger, Jünger hat, und er will immer für alle da sein, aber kriegt’s irgendwie nicht ganz hin … Ich habe versucht meinem Jesus eine eigene humorvolle Art zu verleihen, die die Leute offensichtlich auch angesprochen hat. Und der Priester fand das cool.

Ich glaube, wirklich ein Problem haben damit einfach nur die mit sehr veralteten Ansichten. Wenn man die Bibel wörtlich nimmt, dann ist unsere Arbeit eh nicht das Richtige.

Ich finde es schon krass, dass ich viele E-Mails von sogenannten Christen bekommen habe, bei denen ich gedacht habe: ›Okay, wow, dieses Vokabular …‹ Da war allein schon die Wortwahl alles andere als christlich.

Hat die Staatsoper euch Support angeboten?

Ja. Es gab ein Meeting, bei dem uns gesagt wurde: Es gibt jetzt mehr Security und auch eine Stelle, bei der man sich melden kann … Ich hab das nicht gemacht, und ich weiß nicht, ob viele Leute das in Anspruch genommen haben. Einige krasse Mails habe ich weitergeleitet.

Die Security konnte aber auch nicht alle Taschen durchsuchen. Da dachte ich schon: Wenn mir jetzt wirklich jemand einen Stein an den Kopf werfen will, dann wird es eh passieren.

Wie findest du Hindemiths Kurzoper Sancta Susanna, mit der SANCTA beginnt?

Ich unterbreche die Oper im Stück, dadurch habe ich sie sehr oft gesehen. Vieles fällt einem erst nach und nach auf, zum Beispiel: Wo ist der Moment, an dem Susanna wirklich ausbricht?

Die Oper ist richtig unheimlich und bietet viele starke Bilder an – dass Susanna lebendig eingemauert werden will und so weiter … Ich habe vorher noch nie wirklich mit Oper gearbeitet – ein großer Gegenpol, der aber sehr gut mit uns zusammen funktioniert. Es war für mich auch sehr bereichernd mit so einem ganzen Orchester gemeinsam auf der Bühne zu sein. Es ist wie ein Flugzeug, das abhebt, das ist eine Erfahrung, die ich nie mehr missen möchte.

Es hätte auch sein können, dass damals beim ganzen Skandal jemand von der Oper aussteigt, der Chor zum Beispiel. Das ist aber nicht passiert. Der Zusammenhalt was sehr gut, das hat geholfen. ¶

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Nach einem Schulmusik- und Geschichtsstudium in Berlin und Bukarest gibt sie Seminare in Musikwissenschaft und Musikjournalismus und ist Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com