Für die Volksoper war es ein Coup: Die Uraufführung einer abendfüllenden Oper über das Leben einer Frau, die als Verkörperung des Wiener Fin de Siècle gilt und mit der die Nachwelt irgendwie noch nicht fertig ist. Bewundernswert, wie rückhaltlos sich Annette Dasch da in die Rolle der Alma Mahler-Werfel, geborene Schindler, warf, inklusive heftiger Sexszenen, inklusive menschlicher Abgründe: dem Fernbleiben bei der Beerdigung ihrer Tochter Manon (die Veranstaltungsform liege ihr nicht, sie besuche lieber Premieren); inklusive des schonungslosen Blicks auf den welkenden Körper einer einst als »schönsten Frau von Wien« Gefeierten. Weil ihre Geschichte (im Libretto von Ido Ricklin) rückwärts erzählt wird, streift sie gleich mehrere Schichten Bodysuits ab. Auch sängerisch ist die Rolle fordernd. Omer Meir Wellber dirigierte die immer griffige Musik der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff mit Verve, sie will zünden und sie zündet auch. Wir sehen Mahler-Werfel/Schindlers Genie-Männer und -männchen, deren Muse, Sexpartnerin, Gattin, Geliebte, Domina sie war, als mehr oder wenig ähnliche Opern-Doubles. Am überzeugendsten Bauhaus-Star Walter Gropius, den Florian Hurler mit suggestiv geometrischem Bewegungsvokabular tanzt. Natürlich geht es um Almas Männer, aber, und das ist neu, auch um Almas Kinder, von denen nur eines überlebte, die spätere Bildhauerin Anna Mahler. Die anderen: früh gestorben, zum Teil ungeboren. Es ist sehr traurig.
Das Stück hat eine These, und es wird allzuschnell klar, worauf es hinausläuft: Denn der Countdown von Almas Geniemännern wird zurückgezählt nicht bis zu Zemlinsky und Klimt, sondern bis zum zweiten Gustav: Mahler. Den großen Dirigenten, Ferienkomponisten und Wiener Hofoperndirektor, den die 21-jährige (nach Auskunft ihrer Tagebuch-Suiten) am 7. November 1901 kennenlernt und dem sie sich auf schon erschütternde Weise ausliefert. Seiner Egozentrik und Eifersucht, seinem unentspannten Sex, vor allem aber seinem gnadenlosen Komponierverbot als Ehe-Bedingung: »dass Du so werden musst, wie ich es brauche, wenn wir glücklich werden sollen, mein Eheweib und nicht mein College – das ist sicher!« Für die junge Frau, die mit seiner Musik wenig anfangen konnte, für sich selbst aber einen glänzenden Weg als Opernkomponistin sah, eine Katastrophe.
Kann man alles nachlesen, in Almas Jugendtagebuch und ihrer späten (1960) Autobiographie Mein Leben. Das mit Gustav: Himmel und Hölle, und wohl im Ganzen mehr Hölle, bisweilen peinlich en détail.
Der Erfolg von Ella Milch-Sheriffs Opern-Biopic war ziemlich einhellig, beim Publikum wie bei der Kritik (die ja in Wien noch erstaunlich vielstimmig ist). Mich ließ er, einsam im Jubelsturm, eher nachdenklich zurück. Mir kamen Almas Notenverbrennung in Verbindung mit ihren toten Kindern und ihrer Unfähigkeit zu trauern doch gewagt trivialpsychologisch vor, und als am Ende die von Anna Mahler modellierte Gustav-Mahler-Büste die Züge von Annette Daschs Bühnen-Alma annimmt, war mir dieses Plakat denn doch zu plakativ. Soll eine Büste durch eine andere ersetzt werden? Wo Gustav war, soll Alma werden? Wurde hier bejubelt, was man als nachträgliche Korrektur einer schreienden historischen Ungerechtigkeit gern so sehen würde? Der Mann Mahler war’s, das Verbot der weiblichen Kreativität, das ein »normales« Muttersein verhinderte? Zugleich womöglich ein paar Meisterwerke, mit denen Mahler sich lieber nicht messen wollte? – Natürlich darf ein Biopic die Geschichte erzählen, wie es aktuell passt, das macht das Genre ja so attraktiv. Für eine Oper hätte ich mir mehr Zwischentöne gewünscht, der Fall Alma hat es ja in sich. ALMA jedenfalls interessiert, und wer, angeregt, zu ihren Selberlebensbeschreibungen und -mitschriften greift, merkt bald, wie viel Inszenierung, Zensur, Modellierung von Vergangenheit auch in den Quellen mitspielen. Theater auch das, natürlich. Es bleibt kompliziert. ¶

