250 Komponistinnen. Folge 18: »Erstaunlich modern, herrlich bipolar und pseudoreligiös.«

Text · Datum 4.3.2020

Alma Margaretha Maria Schindler wurde als Tochter des Malers Emil Jakob Schindler und der Sängerin Anna Sofie Schindler am 31. August 1879 in Wien geboren, am selben Tag wie die bedeutende Avantgarde-Malerin Ida Kerkovius, die die klassische Moderne im deutschsprachigen Bereich mitprägen sollte. Am 31. August 1879 kam in Tokio außerdem der spätere 123. Kaiser von Japan – Taishō – zur Welt.

Almas Eltern lebten als Künstler*innen eher in prekären Verhältnissen; Vater Schindler musste die kleine Wiener Wohnung mit einem Kollegen teilen, der nach Almas Geburt eine Affäre mit deren Mutter begann und ein Kind zeugte: Almas Schwester Margarethe. Der Gewinn eines gut dotierten Künstlerpreises ermöglichte Almas Vater, mit seiner Familie auf ein Landgut vor den Toren Wiens zu ziehen. Kurz vor Almas 13. Lebensjahr verstarb ihr Vater an einer Blinddarmentzündung. Drei Jahre später heiratete Almas Mutter ihren einstigen Liebhaber Carl Moll. Der Jugendstil-Maler empfing regelmäßig bedeutende Künstler*innen im familiären Kreise, darunter Gustav Klimt, der die damals siebzehnjährige Alma bezirzte.

Seit ihrem 16. Lebensjahr bekam Alma Kompositionsunterricht bei dem orgelspielenden Komponisten Josef Labor und Klavierunterweisungen von Adele Radnitzky-Mandlick, der Gattin von Julius Epstein, bei dem auch Gustav Mahler studierte. Ab 1900 übernahm der junge Alexander von Zemlinsky Alma Schindlers Kompositionsunterricht; eine Art »toxische Affäre« entspannte sich zwischen den beiden, die den Komponisten – unattraktiv, von kleinem Wuchs und dafür von Alma verspottet – später dazu veranlasste, die Oper Der Zwerg (nach Oskar Wilde, 1922) zu schreiben, die noch heute in Neuinszenierungen auf das ihr biographisch eingeschriebene Verhältnis Alma vs. Alexander heruntergebrochen wird. So beispielsweise 2019 in der Interpretation von Tobias Kratzer an der Deutschen Oper Berlin, in der man noch vor dem eigentlichen Beginn Alma und Alexander beim amourös-hektischen Klavierunterricht zuschauen kann.

Alma Mahler-Werfel gilt als die bekannteste deutschsprachige »Femme Fatale« des frühen 20. Jahrhunderts. 1902 heiratete sie Gustav Mahler, der ihr angeblich das Komponieren untersagte. Nach Mahlers Tod und weiteren Affären – unter anderem mit dem expressionistischen Maler Oskar Kokoschka – heiratete sie 1915 den Bauhaus-Architekten Walter Gropius. Nach der Scheidung von Gropius, der die Trennung durch einen inszenierten Fehltritt mit einer Prostituierten förmlich unvermeidlich herbeizitierte, ging Alma eine Beziehung mit dem Schriftsteller Franz Werfel ein. 1922 kam es zu einer Liaison zwischen ihr und dem Komponisten Ernst Krenek. Durch die langjährigen, haarsträubenden Auseinandersetzungen entfremdete sich Alma von Werfel – und driftete in ihrem Denken,  zunehmend in politisch konträre, menschenverachtende, sprich: antisemitische Gefilde ab.

1937 brachen Mahler-Werfel und Werfel trotz emotional widrigster Umstände nach Mailand und schließlich über Neapel nach Capri auf. Der »Anschluss Österreichs« 1938 verunmöglichte Alma eine Rückkehr nach Wien, da ihre Tochter als »Halbjüdin« dort nicht sicher gewesen wäre. So ging es für Mahler-Werfel über Prag und Budapest zurück zu ihrem Mann Franz nach Mailand. Beide wohnten bald in einem kleinen Dorf in der Nähe von Marseille und emigrierten 1940 in die USA. Werfel starb am 26. August 1945 in Beverly Hills. Mehrere zuvor in der NSDAP aktive Familienangehörige Mahler-Werfels hatten in Österreich inzwischen Suizid begangen. 1951 siedelte sie schließlich nach New York über, wo sie als lebende Legende am 11. Dezember 1964 mit 85 Jahren starb.

Alma Mahler-Werfel (1879–1964)Licht in der Nacht

Unglücklicherweise blieben nur siebzehn der wohl über hundert einzelnen Lieder Mahler-Werfels erhalten. Eines davon trägt den Titel Licht in der Nacht und entstand zusammen mit drei anderen Liedern im Zeitraum 1901 bis 1911. Der Text des erst 1915 – also nach Mahlers Tod – veröffentlichten Liedes stammt von dem umtriebigen, vielgestaltig künstlerisch tätigen Otto Julius Bierbaum, der – 1865 in Schlesien geboren – sein Abitur an der berühmten Leipziger Thomasschule ablegte.

Tiefschwarz liegt die Nacht. Nur ein Stern spendet etwas »Gelb« – und tröstet das dichtende/singende Subjekt. Der astronomische Trost wird zur Stimme, »die dein Herz aufruft, das verzagen will.« Es ergeht ein Dank an das kosmische Licht, das in den Rang des Sterns von Bethlehem gehoben wird (»…wie ein Stern überm Hause einst Jesu Christ, des Herrn…«). Doch da verschwindet die Stimme der Hoffnung – und es bleibt die schwere Nacht.

»Ernst« lautet die naheliegende Interpretationsanweisung der Komponistin. Und mit einer dunklen Mischung von d-Moll (Grundtonart) und B-Dur hebt das Gewölk dieses Liedes an. Ein Akzent auf der »eins« und ein mitgeschicktes Sforzato bringen Unwillen, vielleicht sogar unterdrückte Wut mit ins Spiel. Von da aus vollzieht sich ein Diminuendo-Rückzug ins Pianissimo und ein Quasi-B-Dur-Quintsextakkord (nur der Ton »gis« statt »as« verweist als persistierender Hoffnungsleitton auf die Quinte der Tonika) bleibt uns für eine kleine Ewigkeit – sprich: für drei ganze Zählzeiten – stehen, nein: liegen! Denn die Musik will schlafen.

Nach fünfmaliger Wiederholung – inzwischen hat sich die Gesangsstimme klagend dazugesellt – vollzieht Mahler-Werfel langsame Harmonie-Variationen auf rhythmisch und satzspezifischer Basis des Beginns. Der oder die Schlaflose wälzt sich im Bett – und tatsächlich geht nach dem Wort »Stern« kurz im Klavier das Licht auf.

Nach dem darauffolgenden Textabschnitt (»Ist mir wie ein Trost, eine Stimme still, die dein Herz aufruft, das verzagen will.) erklingt – wurde das in der Literatur bereits erkannt? – ein fast wortwörtlich-tontönliches Zitat des Beginns von Beethovens Klaviersonate Es-Dur op. 31 Nr. 3. Vielleicht hat Alma damals beim Klavierunterricht mit Zemlinsky diese Sonate einstudiert – und erinnert sich hier, umringt von dräuenden Décadence-Wolken des Textes an diese wankelmütig-schöne Zeit?

Alma Mahler-Werfel, die Komponistin. In @vanmusik.

Mahler-Werfels Lied jedenfalls ist erstaunlich modern, herrlich bipolar und pseudoreligiös – und auf dem damals »aktuellen Stand« der Harmonik, keineswegs nur epigonal. Niemand muss Alma in Schutz nehmen oder übermäßig lobend verteidigen. Das ist gute Musik. Wie schade, dass nur ein Bruchteil ihres Oeuvres erhalten ist! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.