Ein Interview mit dem Cellisten Alban Gerhardt.

Text · Fotos © Alban Gerhardt · Datum 6.5.2020

Seit drei Jahren wohnt der Cellist Alban Gerhardt mit seiner Familie in Madrid, wo seine Frau, die Geigerin Gergana Gergova, als Konzertmeisterin am Teatro Real arbeitet. Ein pfingstmontägliches Zoom-Gespräch über den Ruhepuls im Shutdown, die fehlende Lust auf Streaming und neunmal Haydn D-Dur hintereinander.

Alban Gerhardt • Foto © Kaupo Kikkas
Alban Gerhardt • Foto © Kaupo Kikkas

VAN: Als Mitte März der Shutdown begann, bist du da in ein Loch gefallen, oder wie würdest du deine emotionale Kurve beschreiben?

Alban Gerhardt: Die ging erstmal unglaublich rauf. Ich habe es genossen, frei zu haben. Als alles ausfiel, die Schule unseres Sohnes, die Saison meiner Frau im Opernorchester und meine Konzerte in Hongkong, haben wir uns einen Spontanurlaub gegönnt und sind zwei Wochen nach Andalusien gefahren. Ich glaube, es war der letzte Tag, an dem wir rausfahren konnten aus Madrid. Danach hat die Stadt zugemacht. Ich habe so eine Uhr, die den Puls trackt, der war die erste Zeit unglaublich niedrig, ich habe fantastisch geschlafen. Es war wie das Sabbatical, das ich immer mal machen wollte und nie die Nerven hatte zu nehmen.

Hat dir das Cellospielen und Auftreten gefehlt?

Nicht wirklich. Ich habe dreißig Jahre mehr oder weniger durchgespielt. Zwei, drei Mal Sommerferien von vier Wochen, das waren die einzigen Pausen. Drei Monate Pause habe ich seit ich 20 war nicht mehr gehabt. Mir hat das unglaublich gut getan. Ich freue mich jetzt richtig drauf, wieder zu spielen. Ich habe zwar nie keine Lust gehabt, aber so einen Hunger wie jetzt habe ich lange nicht mehr verspürt.

Bei dir sind ein Dutzend Konzerte ausgefallen, unter anderem in Hongkong, Birmingham, London, Teneriffa, Oslo, Luzern … hattest du keine existenziellen Sorgen materieller Natur, weil jetzt über Monate alle Honorare wegbrechen?

Oh doch, ich hätte die letzten Monate relativ viel gespielt, da ist jetzt ein riesiges Loch. Aber ich hatte auch großes Glück. Ich hätte mir kurz vorher fast einen unfassbar teuren Bogen gekauft. Das Geld lag schon bereit, ich hatte alle Rücklagen aufgelöst, mir Geld von Freunden geliehen, wir wären komplett blank gewesen …

… was war das denn für ein Bogen?

Ein Tourte-Bogen, die kosten mehr als die meisten Celli. Aber ich dachte, meine Frau kriegt ein monatliches Gehalt, ich habe Konzerte im Kalender… selbst wenn ich mir die Hand brechen würde, hätte uns das Geld meiner Frau füttern können. Seit wir hierher gezogen sind, haben wir unsere Lebenshaltungskosten komplett runtergefahren. Aber als dann klar war, dass die Gage über Monate hin ausfallen wird, habe ich ein bisschen Muffensausen bekommen und dem Besitzer des Bogens gesagt, dass es mir jetzt zu heikel ist, was der glücklicherweise verstanden hat. Hätte ich den Bogen gekauft, wären jetzt alle Sicherheiten weg und wir in ziemlicher finanzieller Sorge, zumal jetzt auch der Job meiner Frau gefährdet ist.

Deine Frau ist Konzertmeisterin beim Orchester des Teatro Real in Madrid. Wie sieht es da denn aus gerade?

Bis jetzt sind sie weiterbezahlt worden und machen diverse Outreach-Projekte. Meine Frau hat gerade eines angeleiert, bei dem sie in Krankenhäusern spielen. Im Juli öffnen sie wieder und machen La Traviata, mit um die Hälfte reduzierten Publikum.

Bei dir geht es jetzt diese Woche auch wieder los. Du spielst Haydns D-Dur Cellokonzert in Darmstadt – neunmal hintereinander, weil pro Konzert nur 145 Zuschauer:innen zugelassen sind. Du hast wahrscheinlich noch nie so oft hintereinander dasselbe Konzert gespielt, oder?

In so kurzem Zeitraum nicht, nee.

Seit wann weißt du, dass die Konzerte stattfinden?

Seit drei oder vier Wochen. Erst ging es noch darum, ob ich aus Spanien kommend in Quarantäne und deshalb zwei Wochen vorher anreisen muss. Aber das fiel dann kurze Zeit später weg.

Weißt du, wie es danach weitergeht?

Ich habe keine Ahnung. Mir ist gerade eine Konzertserie im April 2021 abgesagt worden in den USA. Ein Freund, der im Board der Carnegie Hall ist, hat mir neulich erzählt, dass die sich nicht sicher sind, ob sie eine Saison 20/21 haben werden. Einerseits wird hier in Madrid Traviata gemacht und ich spiele in Darmstadt Haydn, andererseits ist davon die Rede, eine ganze Saison 20/21 ausfallen zu lassen. Es hängt wahrscheinlich alles davon ab, wie der Herbst wird und ob da eine zweite Welle kommt.

Du bist seit Jahrzehnten als Solist unterwegs und spielst 70 Konzerte im Jahr. Wie war es für dich, auf einmal auf dich selbst zurückgeworfen zu sein? Hat sich dabei irgendwas geändert, zum Beispiel hinsichtlich deines Selbstbildes als freischaffender Musiker?

Eigentlich nicht. Ich war schon immer sehr dankbar für das, was ich tue. Ich habe es nie als selbstverständlich angesehen. Deshalb ist der Ausfall der Konzerte jetzt auch nicht so überraschend für mich, weil ich immer mal damit gerechnet habe, dass ich mir was breche und ein halbes Jahr ausfalle. Schon als Kind hatte ich immer große Verlustängste und habe mir ausgemalt, was alles passieren kann. Ich habe schon die schlimmsten Sachen durchgespielt, dass ich nicht mehr Cello spielen kann schon tausendmal. Als meine Frau diesen Job hier bekam, hatte ich das Gefühl, dass mir ein Gewicht, das lange auf meinen Schultern gelastet hat, genommen wird. Das erste Mal in meinem Leben war ich ›versorgt‹. Ich hätte einen Schlaganfall bekommen können und jemand hätte für mich sorgen können. Das Gefühl hatte ich vorher nie. Ich habe Konzerte gespielt und gut verdient, aber wenn irgendwas passiert, ist alles auf null.

Du verfolgst wahrscheinlich die Diskussionen in Deutschland, wo viele freischaffende Musiker:innen als Solo-Selbständige jetzt große Schwierigkeiten haben, weil sie nicht genügend abgesichert sind, keine Rücklagen und auch das Gefühl haben, von der Politik vergessen zu werden. Wie nimmst du das wahr aus der spanischen Perspektive?

Es gibt natürlich eine große Zahl an Menschen, die nichts zurücklegen können, da muss der Staat einspringen. Aber teilweise ist es auch Klagen auf hohem Niveau. Kein anderes Land kümmert sich um seine freiberuflichen Musiker:innen so sehr wie Deutschland. Ich habe neulich einen Artikel gelesen, in dem sich jemand beklagte, dass an Hilfen oder Zuwendungen Bedingungen geknüpft sind. Natürlich gibt es die, einfach nur so 5.000 Euro aufs Konto? Wir Freiberufler müssen uns schon klar machen, dass wir mal ein Jahr ausfallen können. Wenn der Staat da hilft, ist das toll, aber es ist wahrscheinlich nie genug, es gibt ja auch sehr viele Leute, denen geholfen werden muss. Aber ich bin komplett privilegiert. Wenn Leute wie ich anfangen, sich zu beklagen, dann ist das peinlich. Bei Leuten wie mir sollte man schon erwarten, dass wir uns irgendwie für ein halbes Jahr über Wasser halten. Wenn nicht, dann sind wir wirklich selbst schuld.

Hast du verfolgt, was viele deiner Kolleg:innen während der Pandemie in den Sozialen Netzwerken so machen?

Nein, ich poste zwar ab und zu was, treibe mich dort aber ansonsten kaum rum. Meine Frau hat mir erzählt, dass die Leute wie verrückt streamen. Da habe ich mich schlecht gefühlt und nach zwei Wochen meine Managerin gefragt, ob ich da jetzt auch was machen sollte, zum Beispiel jeden Tag eine Bach-Suite. Da meinte sie, ›ach das macht der Gautier Capuçon schon.‹

… nicht nur der …

Da meinte ich dann, ›vergiss es, dann mache ich gar nichts.‹ Ich hatte auch irgendwie keinen Bock. Es gibt so viel Geströme, vielleicht sage ich es nur aus Faulheit, aber je mehr wir strömen, desto mehr machen wir uns doch irgendwie irrelevant. Das Internet zu überfluten mit kreativen Umsonst-Inhalten … Ich bin alles andere als geizig, ich mache Outreach noch und nöcher, aber einfach so als Zeichen, dass ich auch noch lebe … da habe ich dann lieber Ferien gemacht. Ich spiele Musik nicht, weil ich geliebt oder bewundert werden will. Deswegen habe ich auch kein Bedürfnis verspürt, mich in den Sozialen Netzwerken zu zeigen, nach dem Motto, ›ich lebe noch, ich bin ganz toll.‹

Aber du hast während Corona angefangen, eine Präsenz auf der Social-Payment-Plattform Patreon aufzubauen und dort unter anderem Übevideos einzustellen. Wie kamst du darauf?

Meine Agentur hat das irgendwann vorgeschlagen. Da war es dann auch vorbei mit dem ruhigen Puls, weil ich mir den Druck gemacht habe, alle drei, vier Tage etwas zu posten – und gleichzeitig merkte, wie unfähig ich bin. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Video erstellt. Jetzt musste ich damit anfangen und es klappte nicht. Ich konnte zum Beispiel die externe Kamera nicht mit dem Computer verbinden, obwohl ich es über Wochen versucht habe. Dann sollte ich mich per Video beim Lynn Harrell Tribute zuschalten, was bei mir auch überhaupt nicht geklappt hat. Jemand hat mir dann gesagt, ›guck doch mal, wie das Kollegen wie Johannes Moser machen‹ … ich habe  ein Video von ihm gesehen, perfektes Bild, perfekter Ton, perfekte Präsentation, wirklich sensationell. Das habe ich ihm auch geschrieben und gefragt: ›Wie machst du das bloß?‹ Er hat mir dann neulich eine ganze Liste mit Tipps geschickt, und ich dachte, oh Gott, der ist ja Profi.

Was war denn die Motivation von dir und der Agentur, da mitzumachen?

Meine Agentur sieht das als eine Art Ersatzeinkommen. Die glauben, dass es bis weit nach 2021 nicht richtig losgehen wird mit dem Konzertbetrieb. Aber bisher habe ich, glaube ich, nur Miese gemacht, weil ich auch erstmal Equipment kaufen musste. Gestern habe ich bis drei Uhr nachts ein fünfminütiges Video gemacht, an dem ich zehn Stunden gesessen habe.

Das heißt, der Impuls da mitzumachen, entstand aus dem Wunsch, sich neben dem Konzertgeschäft ein zusätzliches finanzielles Standbein aufzubauen?

Ja, und aus der Einsicht, dass ich, wenn jetzt wirklich gar nichts mehr läuft, irgendwie kreativ bleiben muss. Ich bin von Natur aus eine faule Socke, also brauchte ich einen Anreiz. Jetzt sind da gut 50 Leute, vielleicht bald mehr, die mir monatlich Geld geben dafür, dass ich irgendwas zustande bringe. Da gibt es dann echt Druck, etwas zu tun und es gut zu machen. Nur irgendwas auf Facebook zu posten für Likes, das geht mir am Arsch vorbei.

Fällt es dir eigentlich schwer, dir mit diesen Videos in die Karten und die eigene Musiker-Trickkiste gucken zu lassen?

Ich kenne Leute, die niemals ein Rezept verraten würden. Und ich bin genau das Gegenteil. Wenn ich was Gutes weiß, dann bin ich fast schon obsessiv dabei, es Leuten zu empfehlen. Auch wenn die Leute es nicht annehmen. Ich glaube zum Beispiel, dass es mir unfassbar geholfen hat, seit zehn Jahren mit Ohrstöpseln zu spielen. Kein Mensch macht das sonst, obwohl ich ständig überall sage, wie sehr es mir geholfen hat. Oder wir haben in Berlin diesen Rückenmenschen, der mich und meine Frau gerettet hat. Ich würde heute nicht mehr Cello spielen, wenn es ihn nicht gäbe. Und ich treffe ständig Musiker:innen, die Rückenprobleme haben, denen ich sage: ›Geht da hin, der Typ ist ein Genie.‹ Keiner geht. [lacht] Es frustriert mich.

Du hast kein Problem damit, da deine Übungen für alle sichtbar online zu stellen, auch wenn nicht alles perfekt ist?

Nö, das ist mir wirklich scheißegal. Die Leute sollen ja sehen, wie schwer das ist und was für eine Arbeit dahintersteckt, das zu spielen. Ich habe in meinem Leben viel zu viele Cellist:innen gesehen, die solche Übungen überhaupt nicht machen. Die krepeln sich an ihren Stücken ab, dabei ist das Cellorepertoire wirklich leicht, im Vergleich zur Geige, zum Beispiel. Die Übungen, die sind schwer. Aber die Stücke? Die Übung, die ich jetzt gefilmt habe, die ist so furchtbar schwer, wenn du die wirklich gut kannst, kannst du jedes Cellokonzert rauf und runter spielen.

Ein Zoom-Gespräch mit @albancello über den Ruhepuls im Shutdown, Nullbock auf Streaming und neunmal Haydn-D-Dur hintereinander in @vanmusik.

Man muss ja auf Patreon auch ein bisschen unternehmerisch denken, sich zum Beispiel ein Pricing überlegen, welche Leistungen man für welches Membership Level anbietet. Hast du da bei Kollegen geguckt, wie die das machen?

Stimmt, das hätte ich mal machen sollen. Ich habe mir noch nichts angeschaut. Ich komme mir vor wie ein Fußballer, dessen Mannschaft noch vier Punkte fehlen bis zu einem Europapokalplatz, und der kluge Trainer sagt: ›Manni, wir gucken nur auf uns.‹ Genauso mache ich es. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.