Er sieht verschlafen aus, wie er zur Tür hereinkommt. Draußen ein Schild: »Frühstück bis 16 Uhr«. Er mag das Café in St. Georg, wo wir uns um elf Uhr in der Früh zum Interview treffen. Er wohnt selbst im Stadtteil am Nordufer der Außenalster. Seinem Deutsch hört man an, es wurde in Wien geprägt, er war Swarowsky-Schüler. Was das Innere seines kleinen, grauen Cäsarenkopfes angeht, ist der ungarische Dirigent Ádám Fischer ein höchst ausgeschlafener Mensch, einer der uneitelsten, die ich kenne, ein Albtraum für alle Reklame-Departments. Er hat noch nicht gefrühstückt. In Deutschland zerschneidet man Brötchen, beschmiert die Hälften mit Butter, belegt sie oder streicht noch etwas drauf. Ádám Fischer nippt am Espresso. Er zerpflückt die Semmel, reißt Schinken und luftgetrocknete Mettwurst in Stücke und lässt es sich schmecken. Er ist in Eile. Er muss hinterher an die Oper. Bauprobe für eine Don Giovanni-Aufführung in der kommenden Saison. Es ist das erste Mal, dass er in der Stadt, wo »wir zu Hause sind«, eine Oper dirigiert, es freut ihn. Vieles andere hat sich früher gefügt. Met, Scala, Covent Garden, Concertgebouw Orkest, die Philharmoniker von Berlin, New York, Wien. Es fehlt nichts. Für einen Ring in Bayreuth kürte man Ádám Fischer zum Dirigenten des Jahres und die Wiener Staatsoper ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Trotzdem kennen seinen Bruder, den dito formidablen Dirigenten Iván Fischer, wahrscheinlich ein Paar Leute mehr. Liegt es am in einer neoliberalen Welt oft für überflüssig erachteten Luxus gelebter Ethik, den er sich leistet? Er liebt Gesamtaufnahmen. Die integralen Ádám Fischer-Interpretationen der Sinfonien Haydns und Mozarts liegen vor, eine Referenzaufnahme der Orchestermusik Bartóks. Derzeit arbeitet er als Chef der Düsseldorfer Symphoniker an den Sinfonien Gustav Mahlers.


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?