Es ist auf den Tag genau 122 Jahre her, dass Radie Britain das Licht der Welt erblickte. Die Familie der am 17. März 1899 in der Nähe der texanischen – zwischen Albuquerque und Oklahoma City gelegenen – Stadt Silverton geborenen Radie zog 1905 ins nahegelegene Clarendon auf eine Ranch. Hier in Clarendon erhielt Radie am hiesigen College erste Klavierstunden. Nach dem Besuch der High School ging es für sie für ein Jahr ans Crescent College in der Nähe von Eureka Springs in Arkansas. Radie galt als äußerst begabt und wurde von in Europa ausgebildeten Lehrer:innen kompetent unterrichtet.

1919 wechselte Britain ans American Conservatory in Chicago, um vom polnischstämmigen Pianisten, Lehrer und Komponisten Heniot Levy (1879–1945), der einst in Berlin studiert und 1898 sein Debüt als Klaviersolist mit den Berliner Philharmonikern abgeliefert hatte, zu lernen. Nach ihrem Abschluss im Jahr 1921 arbeitete Britain zurück in Clarendon als Musiklehrerin am dortigen College. 1922 und 1923 bot sie in Amarillo (Texas) außerdem neben Klavier- und Musiktheorie-Stunden auch in der von zahlreichen baptistischen Gemeinden geprägten Region Orgelunterricht an, um Geld für ihre geplante Reise nach Europa zu sparen.

1923 machte Britain sich auf den langen Weg über den großen Teich. Sie zog nach Paris, um dort bei der komponierenden und unterrichtenden Orgel-Legende Marcel Dupré (1886–1971) zu studieren. Nach einer kurzen Rückkehr nach Amarillo ging Britain 1924 nach Berlin, um sich im Fach Klavier bei der Liszt-Schülerin, Pianistin und Komponistin Adele aus der Ohe (1861–1937) einzuschreiben. Anschließend studierte sie bei dem Pianisten und Komponisten Albert Noelte (1885–1946) in München. Der Tod ihrer jüngeren Schwester zwang Britain erneut zu einem kürzeren Aufenthalt in den USA; Glück im Unglück: Ihr Münchner Lehrer Noelte wechselte ohnehin nach Chicago, wo Britain ihr Studium bis 1927 fortsetzen konnte. Noelte motivierte Britain erfolgreich, sich noch stärker als Komponistin zu definieren.

Am 21. Mai 1927 landete Charles Lindbergh nach dem ersten unterbrechungsfreien Flug von New York in Paris. Dies Ereignis inspirierte Britain zur Komposition ihres Orchesterwerkes Heroic Poem (1929), das 1930 mit dem Juilliard National Publication Prize ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr (1930) heiratete Britain in Chicago den Geschäftsmann Leslie Edward Moeller, der sich allerdings wenig für die kompositorische Laufbahn seiner Frau interessierte. Aus der Ehe ging ein 1932 geborenes Kind hervor. Die bekannte Komponistin Amy Beach (1867–1944) schließlich ermöglichte Britain, die Sommerpausen der Jahre 1935 und 1936 als Stipendiatin in der MacDowell-Künstlerkolonie in Peterborough (New Hampshire) zu verbringen. Britain ließ sich 1939 scheiden und heiratete den Bildhauer Edgardo Simone (1940), mit dem sie im Jahr der Scheidung von Moeller nach Kalifornien zog. Nach dem Tod Simones heiratete Britain 1959 den Piloten Theodore Morton.

Für zwei Jahrzehnte gab Britain bis zum Beginn der 1960er Jahre Klavierunterricht in Hollywood, erhielt als »erfolgreichste texanische Komponistin« zahlreiche Kompositionsaufträge, die Ehrendoktorwürde ihres einstigen Heimatkonservatoriums in Amarillo (1958) und beschäftigte sich ausführlich mit der Kultur der amerikanischen Ureinwohner:innen. Zudem betätigte sich Britain aktiv als Musikschriftstellerin und wurde für viele Jahre Mitglied der National League of American Pen Women.

Am 23. Mai 1994 starb Radie Britain im Alter von 95 Jahren in Los Angeles.

Radie Britain (1899–1994)Cowboy Rhapsody für Orchester (1956)

Radie Britain komponierte Erwachsenen- und Kinderopern, Ballettmusiken, zwei Symphonien sowie wenige Kammermusik- und Chorwerke. 1956 entstand ihre Cowboy Rhapsody für Orchester. Filmmusikalisch kreischt uns ein gleißendes Motto entgegen. Eine Flöte sucht nach Halt, ein Fagott stimmt ins Sprachgewirr mit ein. Ein Fugato vor Hollywood-Kulisse. Zusammengeknäuelt versinken die Linien nach etwas mehr als einer Minute im Sand einer möglichen Wüste.

Das Motto des Beginns kehrt wieder; nur viel kürzer – und jetzt mit Lebensfreude im Herzen. Ein leicht pentatonisch angehauchtes Thema wie aus Dvořáks Symphonie aus der Neuen Welt folgt; doch viel erregter, fast panisch virtuos – und gleichsam innerlich kindlich bewegt. Darüber legt sich ein breiter Hollywood-Streicherteppich; immer mit der Gefahr des Ausbruchs im Stimmungshintergrund.

Die Komponistin, Pianistin und Schriftstellerin Radie Britain in @vanmusik.

Einzelne Vogelstimmen beschreiben potentielle Naturerkundungen aus der Erinnerung einer aufregenden Reise voller Unwägbarkeiten heraus. Kaum jemals kommt die Musik zur Ruhe. Filmmusik ohne Film. Innere Action. Beachtlich. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.