»Ich war das Kind sehr liebenswerter, aber völlig überforderter Eltern. Beide lebten in einem fortwährenden Zustand der (meist emotionalen) Unpässlichkeit. Dafür gab es Gründe: Beide waren viel zu früh auf die Welt gekommen. Der Kopf meines Vaters war so klein, dass er in einen Becher gepasst hätte. Man wickelte ihn in Watte ein und gab ihm Schnaps zu trinken, was vielleicht zu seiner späteren Alkoholabhängigkeit führte.« So beschreibt die am 6. April 1911 in Gerrards Cross (zwischen Windsor im Süden und Watford im Norden gelegen) geborene Phyllis Margaret Duncan Tate ihre ersten Lebensjahre.

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Nach dem Ersten Weltkrieg zog die Familie Tate nach London. Vom Land in die Stadt. Bezaubernd beschreibt Phyllis Tate in ihren Lebenserinnerungen, wie sie fasziniert durch die Straßen ging – auf der Suche nach Drehorgeln und umherziehenden Musikern. Ihre eigene Schulbildung (auf einer Mädchenschule) bezeichnet sie als »dürftig«. Bei einer Schulaufführung sang sie ein »unzüchtiges« Lied, was zu einem Schulverweis führte. Tate konstatiert, dass sie mit zehn Jahren quasi noch Analphabetin war.

Irgendwann muss Phyllis Tate das Schreiben und Lesen doch noch gelernt haben, verdingte sie sich doch zwischenzeitlich als Berichterstatterin für ein Katzenmagazin. Als Kind hatte ihre Mutter sie ans Singen und Klavierspielen herangeführt, doch erst als 17-Jährige wurde Tate musikalisch nachhaltig gefördert. Der Komponist Harry Farjeon (1878–1948) setzt sich für sie ein und so konnte Tate schließlich vier Jahre an der Royal Academy of Music studieren. Schon während des Studiums entstand eine Operette mit dem Titel The Policeman’s Serenade. Doch leider vernichtete die selbstkritische Künstlerin all ihre frühen Kompositionen.

Aus der Schule geflogen, lange Analphabetin, erst ab einem Alter von 17 Jahren musikalisch konsequent gefördert und doch eine erfolgreiche Komponistin: Phyllis Tate in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

1935 hatte sie einen Musikjournalisten geheiratet, mit dem sie zwei Kinder bekam. Ab Mitte der 1940er Jahre erhielt Tate durchaus lukrative Kompositionsaufträge, so beispielsweise von der BBC. Dabei war sie schnell in allen Gattungen Zuhause. Nebenbei engagierte sie sich in verschiedenen Verbänden und Ausschüssen, doch blieb ihrer eigenen Kompositionszunft gegenüber bis zuletzt kritisch eingestellt; 1979 gab sie dabei einmal zu Protokoll, dass Komponieren Selbstauslieferung und Folter sein könne, aber auch zu schön, um davon die Finger zu lassen. Außerdem »bekannte« sie sich offen dazu, unterhaltsame Musik zu schreiben und unterhaltsame Musik schreiben zu wollen.

Phyllis Tate starb am 29. Mai 1987 im Alter von 76 Jahren.


Phyllis Tate (1911–1987)
London Fields. Suite für Orchester (1958)

Tates 1958 komponierte Orchestersuite London Fields erinnert angenehm an die revueartige Beschwingtheit von Frederick Loewes My Fair Lady (zwei Jahre zuvor – 1956 – entstanden). Vielleicht vertont Tate hier ihre schönen Kindheitserinnerungen auf den Straßen von London. Das Hauptthema zieht sich wie ein Ohrwurm durch – und wird durch furiose Blechblas-Attacken im Zusammenwirken mit der Schlagzeugkombo angereichert. Bald klöppelt es in eben jener Kombo schön los – und man fühlt sich die ganze Zeit über bestens unterhalten! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.