Auf der Webseite des »Homophilharmonischen Orchesters Berlin – concentus alius« finden wir folgende Sätze von Musikwissenschaftler Tobias Fasshauer (dem wir für die Unterstützung beim Schreiben dieses Artikels danken) zur Geschichte des Ragtime: »Eine von den Ragtime-Forschern Max Morath und John E. Hasse zusammengestellte Auflistung von Rags, die in den USA vor 1930 von Frauen komponiert wurden, nennt ohne Anspruch auf Vollständigkeit Stücke von rund 230 Komponistinnen. Diese beachtliche Zahl wirkt nur auf den ersten Blick überraschend. Die klavierspielenden Frauen der amerikanischen Mittelschicht waren die vorrangige Zielgruppe jedweder kommerziellen Sheet Music (d. h. Einzelausgaben von Songs und Klavierstücken beziehungsweise Arrangements), und dazu gehörte um 1900 mit seiner neuartigen, ja revolutionären Synthese afro-amerikanischer Rhythmik und europäischer Tonalität, Metrik und Form der Ragtime an vorderster Stelle. Bei der gewaltigen Masse von Konsumentinnen mussten nahezu gesetzmäßig auch auf der Produktionsseite dieser Musik viele Frauen zu finden sein, zumal die vorherrschende männliche Einstellung zur Musikausübung in den USA der Belle Époque noch stark von den Macho-Werten der Pionierzeit bestimmt war: Eine intensive oder gar professionelle musikalische Betätigung galt für einen Mann – einen weißen, wohlgemerkt – gemeinhin als unpassend. Die Begeisterung, die weiße Mittelklasse-Amerikanerinnen einem Musikstil entgegenbrachten, der von schwarzen Musikern entwickelt worden war, bleibt nichtsdestotrotz ein bemerkenswertes Faktum. Überspitzt könnte man behaupten, Ragtime sei in erster Linie eine Musik schwarzer Männer und weißer Frauen gewesen.«


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... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.