Heute hat die – im Deutschen lustig klingende – Kleinstadt Wausau im US-Bundesstaat Wisconsin ungefähr 40.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In diesem unscheinbaren Ort kam am 10. Oktober 1938 Gloria Coates zur Welt.

Nach frühen Kompositionsversuchen und einem offenbar motivierenden Kompositionswettbewerbserfolgs 1952 – also mit vierzehn Jahren – studierte Coates später an der Louisiana State University, an der Columbia University und am Salzburger Mozarteum. In New York war der deutschstämmige Otto Luening (1900–1996) Coates Lehrer; ein Vorreiter der Elektroakustischen Musik (also durchaus kein von Ferne die deutsche Spätromantik ewig anbetender Epigone). Coates muss bald zusätzlich an der DePaul University Chicago studiert haben, wird doch immer wieder ihr Kompositionslehrer Alexander Tscherepnin (1899–1977) erwähnt, dessen Stücke teils neoklassizistisch tönen.

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Die seit 1969 in Deutschland lebende Coates engagierte sich von 1971 bis 1983 als Organisatorin von Konzertreihen zwecks deutsch-amerikanischen Austauschs. 1975 bis 1983 war sie Lehrbeauftragte an der University of Wisconsin. Und die einstige Wahl so musikästhetisch unterschiedlich denkender Lehrer entpuppte sich als genau richtig. Coates’ bereits 1973 komponierte erste Symphonie (Music on Open Strings) führte zu Diskussionen beim Festival Warschauer Herbst 1978 – und zu attraktiven Kompositionsaufträgen. 1980 wurde die Symphonie bei der Avantgarde-Reihe »musica viva« in München als erstes Werk einer Frau gespielt. Trotz der Erfolge warf Coates immer auch einen kritischen Blick »auf die Szene«, betonte wohl einmal, dass sie eigentlich nie die Absicht gehabt hatte, wirklich Komponistin zu werden, einfach, weil es in ihrem Umfeld nirgendwo andere Komponistinnen gab. Auch beschreibt sie das Komponieren als Einsamkeit evozierenden Akt der totalen Aufopferung. Als eine von ganz wenigen komponierenden Menschen des 20. Jahrhunderts überhaupt verschrieb sich Coates der Komposition von Symphonien, von denen sie (bis zum Jahr 1993) 16 Stück vorlegte. Klangkörper wie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und Stuttgarter Philharmoniker zählen zu den Auftraggebern der Komponistin.

Gloria Coates ist seit 1985 freischaffend – und lebt heute 83-jährig in München (Maxvorstadt).


Gloria Coates (* 1938)
Symphony No. 4 (»Chiaroscuro«) (1984/1990)

Die 1984 und 1990 komponierte vierte Symphonie von Gloria Coates gibt sich zu Beginn kauernd und bedrohlich. Ein lauernder Bass wartet in der Tiefe. Die dissonant leidenden Streicher verheißen nichts Gutes. Glissandi gleiten hinab, wie die Rufe von Gespenstern, die den Eindringling vor dem Eintritt in eine Unglück verheißende Burg warnen. Langsam kommen die Klänge näher, irgendwo wandert die Idee einer bestimmten – interessanten, nicht platt gefälligen – Tonalität mit. Im Untergrund. Eine attraktiv wandernde Masse Schlamm. Hörenswert! ¶

Gloria Coates und ihre Einsamkeit der Symphonie-Komponistin. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.