Folge 111 widmet sich einer Künstlerin, die 111 Jahre alt und damit wohl zur ältesten Komponistin aller Zeiten wurde. Am 5. September 1908 erblickte sie in Gorizia (Görz) ganz im Nordosten Italiens, nahe der Grenze zu Slowenien, das Licht der Welt: Cecilia Seghizzi. Am selben Tag wurde Edoardo Amaldi geboren; auch im Norden Italiens, in Carpaneto Piacentino, doch um Einiges weiter westlich, in der Emilia-Romagna. Amaldi wurde zu einem bedeutenden Physiker, der unter anderem das Europäische Kernforschungszentrum (CERN) mitgründete; er starb 1989 in Rom; Cecilia Seghizzi überlebt ihn um exakt 30 Jahre. Nach Amaldi wurde 2012 ein Asteroid benannt. Doch Seghizzi und ihre Musik sind bereits vergessen – beziehungsweise wurden hierzulande nie auf nur irgendeine Art und Weise rezipiert. Eine weitere vergessene Traditionalistin im darmstädtischen Garten der Avantgarde?

Cecilia Seghizzis Vater war der Chorleiter und Komponist Cesare Augusto Seghizzi (1873–1933) – ein sehr traditioneller, sehr lyrisch wie volkstümlicher Komponist, dessen Werke wohl aus nostalgischen Gründen in Italien ab und zu gegeben werden. Seine Leidenschaft fürs Komponieren jedenfalls scheint er an Tochter Cecilia weitergegeben zu haben. In der Zeit des Ersten Weltkrieges verbrachte sie mit ihrer Familie einige Zeit in einem Flüchtlingslager im österreichischen Wagna (Steiermark). Hier lebten bis zu 20.000 Menschen, trotz medizinischer Bemühungen starben viele Geflüchtete an diversen Infektionskrankheiten. Seghizzi überlebte. Im Zweiten Weltkrieg hausten in Wagna zunächst erneut Geflüchtete, ab 1942 schließlich Kriegsgefangene. Später warteten hier Shoa-Überlebende auf die Möglichkeit der Ausreise nach Palästina. Lager-Geschichten voller Angst, Trauer – und Hoffnung.

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Cecilia Seghizzi hatte offenbar früh Geigenunterricht erhalten und studierte Violine am Mailänder Verdi-Konservatorium bei dem heute nicht mehr bekannten Alfredo Lucarini. Nach Abschluss des Studiums in Mailand unterrichtete sie Geige an Musikschulen und gab offenbar auch regulären Musikunterricht für 6. bis 8. Klassen. Hier blieb wohl Zeit und Raum, um sich zusätzlich dem Komponieren zu widmen. In Don A. Hennessees Women in Music Vol. 1 An Encyclopedic Biobibliography (London 1993) findet sich zusätzlich der sporadische Hinweis, Seghizzi habe – ihrem Vater nachfolgend – auch als Chorleiterin gearbeitet.

Die Beschäftigung des Komponierens jedenfalls führte zu einem veritablen Kompositionsstudium am Tartini-Konservatorium in Triest. Ihr Hauptfachlehrer war dort Vito Levi (1899–2002), der – 1899 geboren – 2002, im ebenfalls biblischen Alter von 103 Jahren, starb und eine schwermütige, breitwandige, harmonisch leicht impressionistisch eingefärbte Musik schrieb. Von der gemütlichen Wohlgesonnenheit des späten Richard Strauss‘, über den Levi 1984 ein Buch herausgegeben hatte, scheint der Lehrer Seghizzis ebenfalls beeinflusst.

Bei einem Kompositionswettbewerb in Brescia gewann Seghizzi einen ersten Preis, worauf Kompositionsaufträge und Rundfunkproduktionen folgten. Bis zu ihrem Tod am 22. November 2019 lebte Seghizzi, die sich auch als Malerin betätigte, in ihrem Geburtsort Gorizia. 111 Jahre erfülltes Leben im Zeichen der Künste.


Cecilia Seghizzi (1908–2019)
Nina nana (1951)

Den spärlich gestreuten Informationen über Cecilia Seghizzi ist zu entnehmen, dass die Komponistin wohl vornehmlich Kammermusikwerke schrieb. Außerdem seien zahlreiche Kirchenkompositionen entstanden. Ihr Lied Nina nana für Gesang und Klavier stammt aus dem Jahr 1951. Den vertonten Text verfasste der italienisch-österreichische Dichter Biago Marin (1891–1985), mit dem die Komponistin in persönlichem Kontakt gestanden haben könnte, besuchte er doch als Jugendlicher das Gymnasium von Gorizia.

Sie überlebte zwei Weltkriege, komponierte, unterrichtete, dirigierte und malte und wurde stolze 111 Jahre alt: Cecilia Seghizzi in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Nina nana ist ein Wiegen- und Trostlied. Es klingt weniger nach Seghizzis hier und dort »unterstelltem« Neoklassizismus, sondern vielmehr nach Hindemithscher »Neuer Sachlichkeit«. Vielleicht wie eine ganz eigene Mischung beider besagter (angenehm spröder) »Klangwelten«. Von beeindruckender (und gekonnter) Unterspieltheit spult sich das Lied herrlich antriebslos ab, völlig zwischen Wachen und Schlafen angesiedelt. Da schwingen möglicherweise französische Vorbilder mit: Satie und Debussy, zwei Komponisten, die auch Seghizzis Lehrer Vito Levi geprägt haben müssen. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.