Plätschert der gebührenfinanzierte Kulturfunk bald nur noch flach vor sich hin? Umbrüche wie bei WDR 3 lassen es befürchten. Ein Gegenbeispiel sind die »Interpretationen« bei Deutschlandfunk Kultur. Zwei Stunden Klassik – mit Hintergrund, Expertise, Gespräch, Gästen von Donna Leon bis Markus Hinterhäuser, und das seit vierzehn Jahren. Volker Hagedorn erkundet einen Schatz, der dank Internet längst nicht mehr nur Sonntagshörer erreicht.

Mit der U4 fährt man auf einer der kürzesten U-Bahn-Strecken der Welt bis zu einer ihrer schönsten Haltestellen, nämlich der am Rathaus Schöneberg, die unter einer Straßenbrücke durch Glas den Blick auf den Volkspark gewährt. Am letzteren wandert man an Bäumen entlang zu dem Bau, der einst dem RIAS gehörte, dem »Rundfunk im amerikanischen Sektor«. Seit 1994 und unter wechselnden Namen residiert hier, was seit 2017 Deutschlandfunk Kultur heißt, ein kulturorientiertes Hörfunkprogramm, öffentlich-rechtlich. Hier wird nahezu allwöchentlich produziert, was sich in konzertloser Zeit und zwischen Tausenden von Streamings als wahrer Schatz erweist: »Interpretationen«.

Zwei Stunden, in denen nicht einfach und irgendwie »Klassik« verströmt und vermainstreamt wird, sondern erkundet, besprochen, näher belauscht und besehen, meist fokussiert auf ein Werk und seine Interpreten vom Anfang der Aufnahmegeschichte bis heute. Gründlichst! Es geht nicht etwa nur um Repertoirehämmer oder großen Kanon wie Beethovens Neunte oder Schuberts Winterreise (die in diesem Bau schon Dietrich Fischer-Dieskau aufnahm, 1948), sondern auch um Chormusik von Dietrich Buxtehude oder die Klavieretüden, die György Ligeti bis 2001 komponierte. Um alles ab Monteverdi, ungefähr.

Der Autor dieses Textes hat da selbst schon ein paar Mal mitgemacht. Er nähert sich dem Gegenstand also nicht aus unbefangener Distanz, aber doch als Externer – und mit wachsender Neugierde. Was gibt es da zu entdecken? Diese Woche noch, zum Beispiel, den erwähnten Ligeti. Erstmals gesendet vor knapp einem Jahr und, wie alle Ausgaben, ein Jahr lang abrufbar. György Ligetis achtzehn Klavieretüden gehören zum Schwierigsten, was Pianisten unter die Finger kommen kann. Sie zu hören bereitet prickelnde Freude, die sich vertieft, wenn zwei ausgewiesene Experten wie Eckhard Roelcke und Louise Duchesneau sich über den Komponisten und seine Interpreten unterhalten.

Beide kannten Ligeti bestens, Roelcke interviewte ihn vielfach, Duchesneau war Assistentin des genialen Ungarn. Und beide unterhalten sich kundig, klar, passioniert und lebendig – weder im spröden Vokabular einer scientific community noch so »niedrigschwellig«, wie es viele öffentlich-rechtliche Wellenchefs ihren Moderator:innen abverlangen, mit dem anachronistischen Phantom jener »Tchibo-Hausfrau« im Blick, die wie ein Zombie durch die aktuellen Umbrüche bei WDR 3 geistert. Von Angst vor Hörerverlust eher getrieben als vom gebührenfinanzierten Kulturauftrag, »unterhält der öffentlich-rechtliche Rundfunk mittlerweile eine Reihe fast unterschiedsloser Klassikwellen«, wie es in der jüngsten VAN-Recherche zum Thema heißt.

In dieser nivellierten Landschaft scheint ein Format wie »Interpretationen« an Attraktivität zu gewinnen, umso mehr, als keine Hörerin sich mehr an die klassischen Sendeplätze zu halten braucht – in diesem Fall jeden Sonntag um 15.05 Uhr. »Mir wird von der Online-Redaktion berichtet, dass die Zugriffszahlen erfreulich sind«, meint Olaf Wilhelmer, federführender Redakteur der Sendung. »Es ist nicht unser Ziel, die Klickzahlen in die Höhe zu schrauben, aber jeder Hörer, der zu uns findet, ist natürlich ein Geschenk. Wir greifen auch welche als Laufkundschaft auf, die es skurril finden, dass wir uns so ausführlich mit den Dingen beschäftigen, aber auch faszinierend. Viele entdecken uns beim Herumsuchen in den klassischen Gefilden des Internet.«

Davon konnte noch keine Rede sein, als im Oktober 2007 die »Interpretationen« erstmals auf Sendung gingen. Großkritiker Joachim Kaiser, 78 Jahre alt, verglich Aufnahmen von Beethovens Neunter. »Er war schon eine Legende, da hat man auch hingenommen, was man nicht verstand«, sagt Wilhelmer. »Es hatte einen elitären Anspruch. Man redet heute anders, und die Diskussion über Musik spitzt sich nicht mehr auf einzelne Großkritiker zu.« Zwar kam die Sendung mit Kaiser, der jeden vierten Sonntag dran war, gut in Gang, »aber von einem Jahrzehnt hat niemand zu träumen gewagt, noch gar darüber hinaus.«

Vielleicht war es auch die Unberechenbarkeit mancher Studiogäste, die die Hörenden neugierig machte, Nikolaus Harnoncourt zum Beispiel. »Eigentlich wollten wir über Mozarts Idomeneo sprechen. Mir wurde aber zugetragen, dass er lieber allgemein über Mozart sprechen wollte, also habe ich es ausgeweitet auf die sieben großen Opern. Das war in der Vorbereitung ziemlicher Stress. Es stellte sich aber heraus, dass man Harnoncourt nur eine Frage stellen muss, dann geht´s gleich los, der war so anregend, so energetisch, dass es ein Selbstläufer war. Wir hätten gleich sieben Sendungen am Stück aufnehmen können!«

Auch sonst bevorzugt man als Studiogäste solche, die eher durch Eigensinn und Horizont als mit Starallüren auffallen und auffielen: Dirigenten wie Kurt Sanderling, Michael Gielen, Peter Gülke, Philippe Herreweghe, Pianist:innen wie András Schiff, Christine Schornsheim, Markus Becker, Markus Hinterhäuser (der vor einem Jahr die Klavierwelt der geheimnisvollen Galina Ustwolskaja erschloss), konzertierende Komponisten wie Steffen Schleiermacher und Jörg Widmann, Regisseure wie Stefan Herheim und Peter Konwitschny, Solist:innen von Bratschistin Tabea Zimmermann bis Bariton Michael Volle, und verblüffend viele Schriftsteller:innen: Donna Leon (Alcina), Peter Härtling (Winterreise), Herbert Rosendorfer (Rheingold), Eckhard Henscheid (Götterdämmerung).

»Die Sendung soll möglichst vielseitig sein. Keine, bei der Leute auftreten, weil sie in Talkshows sind oder ein neues Buch zu verkaufen haben. Ich bin auf jeden neugierig, der etwas Substantielles zur Musik und seiner Wahrnehmung von Interpretationen sagen kann, egal mit welchem Hintergrund.« Ohnehin, findet Olaf Wilhelmer, komme das Interdisziplinäre in der Radiolandschaft zu kurz, wie auch die kritische Auseinandersetzung. »Kritik in der Musik klingt für viele nach schlechten Aufnahmen, die sie nicht hören wollen. Es überwiegen Tipps: ›Ich hab hier was ganz Tolles für Sie!‹ Warum das toll ist? Wir geben den Hörern zu wenig Kriterien an die Hand, nach denen sie selbst urteilen können.«

»Sinnlos«, sagt Klassikmoderator Michael Stegemann, »sind heute Analysen, die auf theoretischen Modellen basieren, die keiner mehr nachvollziehen kann.« Der akademische Interpretencheck sei in den 1980ern noch gefragt gewesen, als es fast überall Zweistundenformate gab. »Man muss heute die Richtung des Hörens mehr steuern und auch mal den Namen eines Interpreten erläutern. Vor zwanzig Jahren war George Szell noch ein gängiger Name, heute müssen Sie erklären, was dieser Dirigent in Cleveland gemacht hat. Musiker wie Karajan, Gould und Callas haben einen Kultstatus bewahrt. Aber jetzt, da alles parallel verfügbar ist, haben die Leute den roten Faden verloren.«

In jeder Produktion der »Interpretationen« wird der rote Faden neu und anders gewoben. Zum Ende des stillen Beethoven-Jahres konzipierten Wilhelmer und Stegemann einen Weg durch die Neunte, der mit den Sätzen chronologisch aufsteigt, von den Antipoden Toscanini und Furtwängler im Zweiten Weltkrieg über Klemperer, Bernstein, Gardiner bis zum Finale in den jüngsten Aufnahmen mit »alten« Instrumenten, denen, die für Beethoven moderner Standard waren.

Beträchtlicher Aufwand geht so einer Produktion voraus, denn dem Recherchieren folgt das auf die Sechzehntelnote genaue Auswählen der Ausschnitte – und damit alles auf die Millisekunde passt, sitzen die Techniker:innen oft bis Mitternacht am Schirm.

Werden Zitate eingesetzt, gibt es dafür eine Reihe exzellenter Sprecher:innen – und wer einen Brief von Rossini unbedingt in der Originalsprache verlesen lassen will, akzentfrei, bringt das Team so wenig in Verlegenheit wie mit einer Aufnahme, die er nur auf Youtube fand. Das meiste findet sich auch in den unermesslichen Vorräten des Senders. Und wer am Mikrofon zu sehr am Text klebt, wird charmant ermuntert. »Mögen Sie sich mal einen Kaffee holen? Sie klingen ein bisschen unterspannt«, tönt dann freundlich die Stimme der Aufnahmeleiterin hinter der Glaswand durch den Lautsprecher.

Mehr coaching gibt es nicht, kein Fremdwortverbot, keine Bauanleitung. Die Autor:innen und Moderator:innen, ob sie mit oder ohne Gast ins Studio gehen, haben enorme Freiheiten, solange sie sich ans Musik-Wort-Verhältnis von etwa 55 zu 45 Prozent halten – geradezu »wortlastig« im öffentlich-rechtlichen Radio, wo Musik und Wort (Stand 2017) 62 und 38 Prozent ausmachen.

Den französischen Kolleg:innen, die sich bei France musique allsonntäglich zur »Tribune des critiques de disques« versammeln, ebenfalls zwei Stunden lang, wäre das wohl zu wenig Redezeit. Jeweils drei von ihnen plus Moderator:in entfesseln eine Eloquenz, die selbst französischen Aficionados mitunter snobistisch vorkommt. Stegemann, oft in Frankreich aktiv, führt das auf die Bedeutung der Intellektuellen in der Grande Nation zurück, wo man »über die Sprache seine Position erreicht«. Um Hitparaden schert sich die »Tribune« jedenfalls so wenig wie die »Interpretationen«. Die jüngsten Ausgaben galten Palestrinas Missa Papae Marcelli, Bibers Rosenkranzsonaten und Children´s Corner von Claude Debussy.

Von Quoten hat Stegemann noch keinen seiner französischen Kolleg:innen sprechen hören. »Man geht davon aus, dass es darauf nicht ankommt. Patrimoine, das kulturelle Erbe, wird in Frankreich ehern geschützt und wahnsinnig hochgehalten. Letztlich betreibt der französische Rundfunk heute noch Aufklärung.« Dagegen vernahm er bei WDR 3, wo er mit dem Klassik-Forum bis zu 300.000 Hörer:innen erreicht, wem er zu einer noch größeren Zielgruppe folgen möge – der »Tchibo-Hausfrau« nämlich. Wer als Klassikhörer von einem öffentlich finanzierten Sender mehr als sedative Häppchen erwartet, wird übrigens auch in London fündig. Das Kulturprogramm BBC Radio 3 widmet jeden Tag eine Stunde dem »composer of the week«. Letzte Woche war es Ralph Vaughan Williams, jetzt ist Mozart dran – jeweils vier Wochen nachzuhören.

Wie klingt eine Klassiksendung, die auf Entdeckungen statt auf Quote setzt? In @vanmusik.

Wer sich allerdings auch nur einen einzigen Sendetag von Radio 3 in den 1980ern anschaut, von der einstündigen LP-Rezension am Morgen über die ebenso lange Klassik-Auswahl des Publizisten John Amis am Mittag und das interdisziplinäre Kritikerforum am Abend, dem noch 85 Minuten über Max Regers Obsession mit Mozart folgen, ahnt, was nicht nur in London üblich war. Und warum gerade Leute, die in dieser Zeit kulturell sozialisiert wurden, nicht glauben können, dass eine »Tchibo-Hausfrau« als Leitfigur durchsetzbar ist. Den Weg zum Volkspark Schöneberg hat sie offenbar noch nicht gefunden. Dort gerieten jüngst ausgerechnet die »Interpretationen« zu Schuberts exotischer Arpeggione-Sonate unter die Top Five des Senders. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT...