250 Komponistinnen. Folge 26: im goldenen Rahmen.

Text · Datum 15.4.2020

Dora Pejačević wurde am 10. September 1885 in Budapest – damals Österreich-Ungarn – geboren und wuchs in der heute zu Kroatien gehörenden Stadt Našice (Naschitz) in Slawonien auf. Ihr adliger Vater Teodor war der Vizekönig (»Ban«) von Kroatien und Slawonien und später Minister der ungarischen Regierung; Teodor Pejačević trat für die Rechte, Belange und die Kultur der Einwohner*innen seiner Ländereien innerhalb der Habsburgermonarchie ein. Im Januar 1881 heiratete er die Freiin Elisabeta; aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Mutter Elisabeta war selbst studierte Pianistin und Sängerin und gab Talent und Kompetenz an die Kinder weiter.

In Zagreb studierte die junge Dora Violine, Musiktheorie und Instrumentation, nahm 1909 Unterricht bei verschiedenen Professoren in Dresden – blieb aber ihr Leben lang ein künstlerischer Freigeist, der sich das Meiste seiner musikalischen Fähigkeiten im autodidaktischen Studium beigebracht hatte. Darüber hinaus interessierte sich Pejačević für Literatur, unterhielt persönliche Kontakte zu Annette Kolb, Karl Kraus und Rainer Maria Rilke.

1911 zog es Dora nach München, doch schnell ging sie mit Beginn des Ersten Weltkriegs in ihre slawonische Heimat zurück, um dort als Kriegspflegerin zu arbeiten. Gerade in dieser Zeit, so heißt es, habe sie besonders produktiv komponiert. Trotzdem erschienen nur wenige Werke im Druck, auch wenn die wohlweißlich auf einem Schloss aufgewachsene Künstlerin genug wirtschaftliche Mittel gehabt hätte, um diese publizistisch zu verbreiten. Bedeutende Interpret*innen wurden dennoch auf ihr Oeuvre aufmerksam – und so kam es zu Aufführungen ihrer Werke unter anderem mit dem Wiener Tonkünstler-Orchester und der Dresdner Philharmonie.

1921 heiratete Pejačević – wohl zur Überraschung ihres Freundinnenkreises, der die Komponistin als beziehungstechnisch völlig autark wahrgenommen hatte – den österreichischen Offizier Ottomar Lumbe und ging nach Aufenthalten in Budapest, Prag und Wien zurück nach München. Ende Januar 1923 gebar sie einen Sohn – und starb wenige Wochen später im Alter von nur 37 Jahren am 5. März 1923 in einer Münchner Frauenklinik an einer Sepsis.

Dora Pejačević (1885–1923)Symphonie fis-Moll op. 41 (1918)

Dora Pejačević war – so wird von kompetenter Seite aus beglaubigt – die erste Frau in Kroatien, deren Orchesterwerke durch öffentliche Aufführungen gewürdigt wurden. Vom Jugendstil, den es so in der Musik allerdings nie 1:1 gab, sei ihre musikalische Ästhetik geprägt gewesen. Der Streit zwischen der »Neudeutschen Schule« – die sich für programmatische, literarische, bildhafte, volksnahe, ja: völkische Inhalte stark machte – und den vermeintlich konservativen Vertreter*innen in der Nachfolge von Beethoven und Brahms, habe Pejačević nicht im Sinne klarer Entscheidungen für oder wider interessiert. Sie schrieb dafür Werke ästhetisch ungebundener Provenienz: autonome, »absolute« Musik – und Stücke mit programmatisch-poetischen Hintergründen.

Pejačević komponierte vor allem Werke für Violine und Klavier sowie Lieder nach Texten ihrer Freunde Rilke und Kraus. Die einzige Symphonie in ihrem Werkkatalog entstand im geschichtsträchtigen Jahr 1918. Äußerst schwerlastend kommt der Leichenzug des ersten Satzes (Andante maestoso – Allegro con moto) auf uns zu; als gälte es, noch einmal durch das tränenreiche Beethoven-Rezeptionstal von Johannes Brahms zu wandern; bevor die erste – hier: die einzige – Symphonie überhaupt atmen darf!

Die erste Komponistin, deren Orchesterwerke in Kroatien öffentlich aufgeführt wurden: Dora Pejačevićs in @vanmusik.

Unterbrochen wird das Kurzdrama nach einigen Sekunden von einem Wagnerschen »Tarnhelm-Motiv«-Horn-Moment voller Skepsis; Celli bereiten etwas ungleich Wärmeres vor, doch da gleißt es plötzlich wie von Bergeshöhen, welche sich in nur einem Augenblicke durch das Wolkengrau gekämpfet haben, mit Geigenlicht auf uns hernieder, die wir da wallen im Tal der Betrübnis. Nun ist der ganze Orchesterapparat am Start. Das Englisch Horn elegiert, übergibt prompt den Staffelstab an andere Instrumente, die sich im Legendenton aufbäumend stets interessant abwechseln. Jede Geste wird sogleich weitergereicht; da glüht das Horn wieder schön heraus – und ein spätromantisches Orchesterwimmelbild voller deutscher Richard-Strauss-Tragik baut sich vor uns auf; mit goldenem Rahmen, allerlei Geschehen und erstaunlicher orchestraler Variativität! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.