Überall wird gestreamt – schön, aber hört noch jemand Aufnahmen? Sie klingen besser, sie wurden unter Idealbedingungen konzipiert und realisiert als Kunstwerke fürs heimische Hören. Volker Hagedorn empfiehlt drei Pianist:innen und zwei Komponisten, für die der Mainstream noch nie eine Option war.

Hört eigentlich noch jemand CDs, oder wird nur noch gestreamt? So toll es ist, wie über dem Schweigen der Podien der virtuelle Raum für Musiker aufblüht –  mir kommt es vor, als würde mit dem Streaming auch der Ausnahmezustand zelebriert, abgekoppelt von allem Vorher und  Nachher. Dabei fehlt es ja nicht an der Zeit, sich mal ein paar richtig gute Aufnahmen anzuhören und sie vorher vielleicht sogar zu kaufen, nicht »Konserven«, sondern Werke mit Konzept, hoher Klangqualität, guten Texten dazu und vor allem Künstler:innen, die ihren Passionen folgen. Ich habe drei Favoriten, allesamt Pianisten, was insofern zur Lage passt, als sie zum Aufnehmen auch in normalen Zeiten in Klausur gehen.    

Wenn Andreas Staier, Jahrgang 1955, Beethoven einspielt, ist das auch 2020  kein Mainstream. Ein neuer Weg heißt im Untertitel sein Doppelalbum mit Sonaten und Variationen. Ludwig hat 1802, als seine drei Sonaten opus 31 erschienen, einem Freund geschrieben, er sei mit seinen Arbeiten davor nicht zufrieden und wolle »einen neuen Weg betreten«. Die Richtung erläutert Peter Gülke in einem klugen Essay, die Aufnahme selbst ist ein Koffeinstoß. Binnen Sekunden ist man in der frischen Luft eines Komponisten um die dreißig, der ausbricht, nicht aus einer Gefangenschaft, sondern als Neugieriger, gleichzeitig sehr ungeduldig und sehr intelligent.

Die G-Dur-Sonate hätte ein anderer Komponist als dieser auf der Eins starten lassen und im Forte, punktierte Viertel, Sechzehntelkette abwärts. Sie fängt aber leise an mit einem übergebundenen Sechzehntel als Auftakt, die Eins kommt von der Linken. Die superknappe Synkopierung wird dann als rhythmisches Ereignis selbstständig und uns im Forte um die Ohren gehauen wie in Wolfgang Rihms skulpturalen Klavierstücken der 1980er. Staier spielt so molekülscharf, dass das Plastische grafische Konturen hat und das Grafische wiederum ins Schriftliche übergehen kann, wie sehr knappe Notizen. Es gibt körperhaft wuchtige Akkorde, unter denen das Instrument bebt, und filigranes Ideenfunkeln.

Das lässt sich so nur mit einem Pianoforte aus dem frühen 19. Jahrhundert realisieren, mit diesen Farben. Jedes Register klingt anders. Das zweite Thema kann in der rechten Hand wie ein Flötentänzchen daherkommen, in der Linken aber wie ein Don Giovanni, der mit seinen Synkopen dem Stück ins Ruder greift. Und in der Wiederholung hat er sich geändert, der imaginäre Bariton, er klingt nachdenklicher! Eine rare Kunst, im Komponierten das Denkbare und das Unberechenbare freiwerden zu lassen, aus dem es kommt. Das gelingt Staier sogar in einer so berühmten Sonate wie der in d-Moll, Der Sturm genannt.

Ihre »Durchführung« beginnt so, dass diesem schrecklichen Begriff der Boden entzogen wird. Weder Beethoven noch der Pianist noch die Hörenden wissen, wohin die Töne dieser Largo-Insel im Allegro steigen. Zögernd, zart, ungewiss, ein Tasten in größter Freiheit, Gedanken nehmen die Gestalt von Blüten unter dem Himmel an. Ja, aber es geht doch nur in Arpeggien von D bis Fis-Dur, damit dann umso heftiger der Kontrast zum fis-Moll des Allegro wirkt! Eben nicht, es gibt kein »damit«. Natürlich ist das Ganze durchdacht, aber nicht für sterile Analysen, sondern um solche Freiheiten überhaupt erreichen zu können.

Es ist kein Widerspruch, dass so ein Interpret unser Gespür für die Form verfeinert: Man misst sie an der Substanz, den Gedanken, den Bildern. Im Scherzo der Es-Dur-Sonate, einer wie von hoffmannesken Gnomen betriebenen Zaubermaschine, war ich so weit, dass mir die letzten drei Achtel unnötig konventionell vorkamen – als hätte der Komponist gedacht, er müsse das sonderbare Gerät noch ordentlich abschalten.

Mit einem so wunderbaren Gerät wie dem 1810er Fortepiano im Sinn blickt man einem modernen Steinway mit Unbehagen auf den Lack, aber auf genau so einem improvisiert Markus Becker, Jahrgang 1963. Ein klassischer Pianist, der mit einer Gesamteinspielung der Klaviermusik von Max Reger und anderen Expeditionen gezeigt hat, wie schmal sich der Mainstream neben all den unabgespielten Biotopen ausnimmt, spielt … tja, ist das Jazz? Mit Jazz kenne ich mich nicht wirklich aus, egal. Mein Lieblingsragtime ist von Debussy und heißt Golliwogg´s Cake-walk. Becker operiert nicht weit davon entfernt.

Er kennt und kann zu viel, um nicht an Formen und Zitaten interessiert zu sein. Aber er spielt vollkommen entspannt. Blue notes, Boogie, ausrastende Läufe, all das klassische Jazzzeug ist da, so aus der Hand geschüttelt, aber beiläufig um den Tick griffiger, den Tausende von Stunden im klassischen Handwerk gewähren, und mit der Unfähigkeit zum Leerlauf. Manchmal ist Becker wie ein Barpianist, dem plötzlich Scarlatti oder Stockhausen in den Kopf kommen, und ehe die Gäste die Köpfe wenden, spielt er ein Wiegenlied, angereichert mit Hexachorden. Neunzehn Impros, verbunden durch einen persönlichen, tendenziell melancholischen Tonfall. Wenn der ihn zu bewährten Mustern führt, sagt er sich: »Na gut, Klischee. Aber gerne.« Auch Beckers lakonisch ironische Kurztexte machen die Sache rund. Wie sich Einspielung und Streaming ergänzen können, führt Becker jetzt am Aufnahmeort vor: Er improvisiert live, um 21.30 auf den Kanälen »Sendesaal Bremen« bei facebook und Youtube. Da sieht man dann auch den erwähnten Steinway. Er steht in der Aufnahme so plastisch vor den Boxen, dass man den Filz der Hämmer riecht, so, wie man bei Staiers Neumann mit den Farben auch die Form des Klaviers sieht.

Schaghajegh Nosrati, Jahrgang 1989, spielt auf einem Bösendorfer. Für Stücke von Charles-Valentin Alkan, Pariser Freund von Chopin, wäre ein Érard auch eine gute Wahl, aber eine bessere Interpretin kann ich mir nach dieser Session nicht denken. Alkan war technisch einer der besten Pianisten seiner Zeit, wohl besser als Liszt, aber in seinen Stücken ist das Virtuose nur ein Mittel, um etwa in einer wahnwitzigen Toccatina die Gravitation zu überwinden, auch die harmonische: »Die c-Moll-Tonalität bildet nur noch ein loses Gerüst, innerhalb dessen wildeste Modulationen erfolgen, häufig mit harten Übergängen, quasi wie mit dem Brecheisen«, schreibt die Pianistin. Sie mag das Groteske, den Humor, die Extreme – all das, was seinen Zeitgenossen zu heftig war.

Überall wird gestreamt – schön, aber hört noch jemand Aufnahmen? Volker Hagedorn schaut lieber ins CD-Regal als auf Twitter. In @vanmusik.

Bis hin zum Concerto pour piano seul, in dem die Solistin auch gleich den Orchesterpart übernimmt und in einem ersten Satz von 32 Minuten Länge ein ganzes Klaviergebirge durchmisst, werden hier so viele Perspektiven geöffnet, dass man dieser Aufnahme, besser noch Alkan und seinen praktizierenden Fans seit Marc-André Hamelin einen Extratext widmen müsste. Eines der wenigen Fotos von ihm zeigt ihn uns abgewandt, von hinten, im Gehrock, mit Zylinder und Regenschirm. Dass Alkan zu Depression und Sarkasmus neigte, könnte auch damit zu tun haben, dass er in Paris zwei Choleraepidemien mit 37.000 Toten erlebte. Auf Nosratis Platte dreht er sich um und beschenkt uns mit Zukunft. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT...