Anna Bon di Venezia wurde am 10. August 1738 in Bologna geboren. Ihre Eltern betrieben eine Opern-Kompagnie. Zwar waren Mutter und Vater entsprechend organisatorisch eingespannt, doch dies war nicht der Grund dafür, dass sie – gegen nicht unerhebliche Zahlungen – ihre Tochter an der Schule des Waisenhauses von Venedig (Ospedale della Pietà) anmeldeten. Dort hatten Heranwachsende schlichtweg die beste musikalische Ausbildung zu erwarten – und schon Antonio Vivaldi (1678–1741) und der Mitte der 1650er Jahre wegen sexuellen Missbrauchs seiner als stellvertretender Thomaskantor Untergebenen straffällig gewordene und nach Italien geflohene Johann Rosenmüller (ca. 1619–1684) hatten hier unterrichtet. Persönlich lernte Anna Bon Vivaldi nicht mehr kennen; der war schließlich Ende Juli 1741 gestorben, doch stand die Institution der Ospedale della Pietà noch ganz im Zeichen seines Schaffens und Wirkens als Anna Bon im März 1743 als Fünfjährige (!) einer Schülerin Vivaldis zur ausbilderischen Betreuung zugeteilt wurde. In welchen Fächern Anna Unterricht erhielt, ist nicht mehr genau zu ermitteln. Aufgrund der sehr ausdifferenzierten Struktur der musikpädagogischen Vermittlung von Lehrinhalten in dem besagten prominenten Waisenhaus ist davon auszugehen, dass auch Anna Bon in allen wesentlichen Fächern unterrichtet wurde. Zwar wurden hier nicht explizit Komponistinnen ausgebildet, dennoch gingen aus den pädagogisch sehr ruhmreichen Jahrzehnten des Ospedale della Pietà einige Komponistinnen hervor.

Nach dem Besuch des Musik-Waisenhauses wurde Bon Teil der Opern-Kompagnie ihrer Eltern.  Mitte der 1750er Jahre organisierte diese Operngruppe Gastspiele am Bayreuther Hof unter der Leitung der selbst komponierenden Wilhelmine von Bayreuth. Die kunstbeflissene Wilhelmine – Schwester von Friedrich dem Großen – setzte sich für einen Verbleib Bons und ihrer Familie dergestalt ein, dass sie die Gründung einer Akademie der freien Künste und Wissenschaften in Bayreuth in Angriff nahm. Bons Vater wurde nun Professor für Architektur – und der Rest der Familie kümmerte sich um die Rekrutierung von guten italienischen Sänger:innen für Opernaufführungen bei Hofe. In Bayreuth komponierte Anna Bon möglicherweise eine – leider verschollene – Oper nach einem Libretto Wilhelmine von Bayreuths.

Über die Bestrebungen und Schwierigkeiten, sich als Komponistin durchzusetzen, ist in dem ausnahmsweise hervorragenden Wikipedia-Artikel Anna Bons nachzulesen. Am Bayreuther Hof jedenfalls war Bon längst nicht »nur« als Komponistin tätig. Sie spielte außerdem Cembalo, war Meisterin des improvisatorischen Aussetzens des Generalbasses, komponierte für den Markgrafen Flöten- und für den Kurfürsten Karl Theodor (Pfalz und Bayern) Cembalosonaten. Die sechs Cembalosonaten op. 2 wurden gedruckt, als Bon gerade einmal 17 Jahre alt war. Das Notendruck-Erzeugnis einer sehr jungen komponierenden Frau: ein quasi einzigartiger Umstand zu dieser Zeit Mitte des 18. Jahrhunderts.

Bons musikalisch äußerst vielfältiges Talent brachte es mit sich, dass sie für die Opern-Kompagnie ihrer Eltern auch als Sängerin eingeplant wurde. Schnell reüssierte sie bei Opernaufführungen außerhalb Bayreuths, so in Dresden, Wien, Pressburg (heute: Bratislava) und Eisenstadt. In Eisenstadt wiederum wurde der zwischen 1761 und 1790 als Musikchef der Esterházys tätige Joseph Haydn auf Bon als Sängerin aufmerksam. Haydn komponierte bald – die speziellen Fähigkeiten Bons involvierende – Werke, so die Kantate Al tuo arrivo felice (1764). Ob Bon, die aufgrund ihrer damaligen Ausbildung in Venedig auf den zu ihren Lebzeiten in Nürnberg erschienenen Notenausgaben als »Anna Bon di Venezia« firmiert, in ihren »späteren« Jahren noch komponierte, ist nicht zweifelsfrei belegbar.

1767 soll Anna Bon di Venezia an einem herzoglichen Hofe in Thüringen gastiert haben; eine andere (vermeintliche) Spur führt nach Böhmen. Tatsächlich verschwindet Anna Bon wie vom Erdboden verschluckt. Hier und da tauchten Spekulationen auf, inwiefern in überlieferten Schriftstücken der Zeit »La Bona« genannte Primadonnen oder sonstige virtuose Musikerinnen mit Anna Bon identisch sein könnten – oder nicht. Namensverwirrungen und zu allgemeine Schreibweisen trugen zu dem Quasi-Verschwinden Anna Bon di Venezias bei. Hinzu kam sicher, dass der damals noch ungewöhnliche Umstand, mit einer emphatischen Komponistin, also einer Meisterinnenwerke schaffenden Frau konfrontiert zu sein, einige Chronisten der Zeit veranlasste, den Namen der Schöpferin abzukürzen, wegzulassen oder sie gar nur als Ausführende, als Interpretin auszuweisen. So ist ebenfalls nicht festzustellen, ob das »Verschwinden« Anna Bons möglicherweise mit einer (durchaus möglichen) Heirat mit einhergehendem Namenswechsel zu tun haben könnte.

Anna Bon di Venezia starb vermutlich irgendwann nach dem Jahr 1767. Es wäre für die Musikwissenschaft an der Zeit, die vielen Fragen um diese besondere musikgeschichtliche Erscheinung des 18. Jahrhunderts zu klären.

Anna Bon di Venezia (1738–ca. 1767)

Sonate D-Dur für Flöte und Basso continuo op. 1 No. 4 (1756)

Die vierte Flötensonate Anna Bons erschien 1756 in Nürnberg im Druck. Die 18-jährige Komponistin erweist sich als eine galante Meisterin ihres Faches. Das erste Motto der Flöte wird sogleich abwechslungsreich eine Oktave weiter unten wiederholt. Ein erster triolischer Ausbruch verrät überschwängliche Emotionen. Ganz tief setzt die Flöte erneut in sonorer Tieflage an. Die Triolen-Dichte nimmt schwelgerisch zu. Kurz vor Expositionsende bringen lustige Tonwiederholungen einen klugen Gegensatz zu den Dreiklangsbrechungen in Kombination mit gediegenen Tonleiterausschnitten.

Der zweite Satz (Andante) erinnert in seiner erzählenden Anmutung an entsprechende langsame Klaviersonatensätze Haydns. Improvisatorisch führt die Flöte einige Gedanken von zuvor aus, lässt uns tiefer in ihr Innenleben schauen.

Erst gefeierte Komponistin (mit eigenen Werken im Druck schon im 18. Jahrhundert!), Sängerin und Cembalistin, dann spurlos verschwunden: Anna Bon di Venezia in @vanmusik.

Das Finale (Allegro assai) bringt das vielleicht erwartete »fröhliche Kehraus« nach tänzerischer Machart. Die anfängliche Prägung der Achtel-Bewegungen im 3/4-Takt wird alsbald angereichert durch Triolen und Punktierungen. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.