VAN: Wir möchten heute hauptsächlich über Ihr Zweites Streichquartett sprechen. Zuerst zu den Klängen: Wie erzeugen Sie die?

Jürg Frey: Es gibt eine spezielle Art, wie die Streicher die Töne spielen sollen. Sie greifen die Note, die erklingen soll und mit dem anderen Finger auf der gleichen Saite dämpfen sie die Note. Das ist eine Technik, die Streicher normalerweise benutzen, um Flageoletttöne zu spielen, also ganz hohe Töne. Aber weil das Flageolett nur auf der Halbtonstufe ist, dient es in diesem Fall dazu, den Klang entsprechend zu beeinflussen. Die für mich spannendste Erfahrung beim Ausprobieren von diesen Klängen war,– nicht für das Streichquartett, sondern für ein früheres Stück von mir – dass man ganz leise auf einer Saite einen Klang hervorbringen kann, der zwei Töne hat. Das ist eigentlich eine Art von Unmöglichkeit, denkt man. Es ist ein subtiler Vorgang, und es gibt Momente, wo man ein Geräusch hört, in dem die beiden Töne hörbar sind. Und das ist die klangliche Grundlage vom gesamten Streichquartett. Die Streicher spielen fast immer diese Art von Klang. Dadurch entsteht eine Raumwirkung und diese Schattenwirkung in den Klängen.

Dieses »frühere« Stück, war das zufällig A memory of Perfection für Sologeige oder kann das danach?

Nein, das erste Stück war Unbetitelt für zwei Geigen. Aber A Memory of Perfection hat auch damit zu tun. Da kam eine Anfrage von Eric Carlson, ein amerikanischer Geiger, der einmal beim Bozzini Quartet eingesprungen ist und das Zweite Streichquartett mitgespielt hat. Danach fragte er mich, ob ich so etwas nochmal machen könnte, aber für Geige Solo. Ich dachte: »Wie soll das gehen?«. Aber dann habe ich weiter überlegt und ja, A Memory of Perfection ist die Folge davon. Das ist zwar später gekommen, aber es sind ähnliche Klänge. Der Titel ist ein Zitat aus einem Interview mit der amerikanischen Künstlerin Agnes Martin. Die Beschäftigung mit ihrer Malerei war wiederum in ganz starkem Maße prägend für das Streichquartett.


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.