Beim Lucerne Festival wird am 10. September die dritte Produktion der Experimentierbühne »Young Performance« aufgeführt. Wir durften bei der Suche nach neuen Konzertformen an der Probebühne stehen. Divamania handelt von einer äußerlichkeitsfixierten Gesellschaft, steckt junge, aber gestandene Musiker/innen in die Workout-Kluft und macht dabei einiges sichtbar.

Text · Fotos © Priska Ketterer / Lucerne Festival · Datum 31.8.2016

Google bringt bei der Eingabe »Musicians don’t« den Ergänzungsvorschlag »dance« an zweiter Stelle, hinter »retire« und noch vor »make money«. »Musiker tanzen ja nicht«. »Ich sage nur: Bringen Sie mal Musikern tanzen bei!«

Hier in einem Studio des Theaterpavillons Luzern, einer Off-Location in einem lichten Gewerbe- und Wohngebiet unweit des Badestrandes, braucht man eine Weile, um zu erkennen, welches die Tänzer – davon gibt es zwei – und welches die Musiker/innen – fünf – sind. Sie alle tanzen oder stehen still, spielen ein Instrument oder legen es weg, knien oder heben die Arme in die Luft, wackeln mit dem Arsch oder marschieren, sie laufen in komplexen Bahnen, sie laufen übereinander weg, sie singen, sie sprechen und sie schreien. Schwierig sind die Positionen, die Knotenpunkte. Wo lege ich meinen Bogen hin? Wer bringt mir die Trompete? Und doch ist es ein Fluss, ein Fluss aus Musik, ein Fluss aus Bewegung, in dem allerdings viel Platz für große Egos ist, denn von denen – und von Narzissmus, Hochmut, Ruhm – handelt Divamania auch.

An zwei Fronten scheint das Lucerne Festival im Sommer 2016 in die Zukunft des Konzertes zu tasten. Mit dem Format »40min« wird das Publikum eingeladen, in Sachen Dresscode, Haltung oder Konzentration noch ein Stückchen mehr zu relaxen, beim  kurzen Feierabendkonzert. Bei »Young Performance« betrifft es die andere »Seite« – und es geht auch eher in Richtung erhöhte Anforderungen: Hier arbeiten fünf Alumni der Lucerne Festival Academy – dem Nachwuchsprogramm für Neue Musik – gemeinsam mit zwei Tänzerinnen an einer Mischung, die – so scheint es an diesem Probennachmittag – keinen Schwerpunkt setzen will auf einen der drei Bestandteile Musik, Schauspiel und Tanz.

Im dritten Jahr des Bestehens der Reihe ›Young Performance‹ hat damit der Tanz weiter aufgeholt auf dem Weg ins Konzert der Zukunft. Auch wenn bereits bei den Produktionen in den beiden Jahren davor Choreografen am Steuer waren –  dies hier ist kein »szenisches Konzert« mehr: Divamania kann nur in Workout- oder Tanzbekleidung geprobt werden, die Leitung liegt beim Choreografen: Massimo Gerardi hat seine Karriere als Tänzer in Italien begonnen, in Deutschland weitergeführt, inzwischen mit knapp 50 lehrt er neben seiner Tätigkeit als freier Choreograph an Hochschulen. Er wirkt gelassen bei der Probe, vereint eine realistische Haltung angesichts des Levels an Grundlagenarbeit, dass hier nötig ist, mit der Freude am anarchischen Humor, der dadurch unter den Beteiligten immer wieder aufblitzt. Die Arbeit mit Themen des Alltags ist eine seiner Leitlinien – eine andere: die Emotionen der Beteiligten miteinzubeziehen; so steht es auf seiner Webseite. Er leitet die Bewegung im Raum und gibt meistens auch die Einsätze. Wenn der Fluss auf ein Hindernis stößt, sorgt er dafür, dass es weiterfließen kann.

Obwohl alle Beteiligten Profis sind, dürfen sie hier vereinfachen, leichtfüßig arbeiten, gerade heraus entwickeln, so beschreibt die aus Hawaii stammende Kontrabassistin Kathryn Schulmeister den Effekt der Tatsache, dass sich das Konzert an Kinder und Jugendliche ab neun Jahren richtet. Man merkt beim Besuch, dass hier niemand Lust hat, sich im Konzeptuellen zu verlieren, es soll etwas ankommen beim Publikum.

Was genau, kann nach einem Probenbesuch nur vermutet, nicht vorweggenommen werden. Die Gesichter handeln von der Unsicherheit und den Masken des Egos, die Choreografie entwickelt daraus Bilder über den Umgang der Gesellschaft mit Stars und Pseudo-Stars. Und der Soundtrack? Es gibt unter Anderem perkussive Musik von Xenakis, ein bewusst klischeehaft eingesetztes Air von Bach, Minimal von Louis Andriessen, den stilistisch vielfältigen Rest hat Keno Hankel komponiert, der gerade erst seinen Bachelorabschluss in Komposition an der Dresdner Hochschule für Musik gemacht, aber auch schon einige Projekte mit auf die Beine gestellt hat. Er ist der musikalische Leiter, steht auch in Sportkleidung am Rand der Probe, erklärt – meist auf Nachfrage –, gibt zu bedenken, korrigiert ruhig. Es ist Anfang Juli, und noch werden relativ viele schnelle Entscheidungen getroffen und Änderungen vorgenommen, die Choreographie und die Musik entwickeln sich im Zusammenspiel, da muss auch mal was über Nacht komponiert werden.

Für die Musiker/innen ist es kompliziert, soviel Tanz war noch in keinem ihrer Projekte: Sie müssen alles auswendig können, nicht nur die Choreografie, sondern auch die Töne, weil es, wenn sie Noten ablesen müssten, keine Choreografie mehr gäbe. »Wenn sie zu lange die noch nicht endgültige Musik spielen, gewöhnen sie sich die an, und wenn sie zu lange Musik üben, ohne die Choreografie zu machen, dann ist es schwierig, später die Bewegung hinzu zu nehmen«, sagt Keno Hankel. Dann noch die kommunikativen Herausforderungen: Tänzer und Musiker verstehen Rhythmus unterschiedlich, sagt Kontrabassistin Schulmeister. Die einen bewegen sich durch den Rhythmus, um ihn herum, die anderen sind darauf, zählen.

Ist so eine Produktion und der Wunsch, das Konzert der Zukunft zu entwickeln, eher ein weiterer Schritt in Richtung künstlerische Vielfalt, in die Freiheit der Tätigkeitsfelder, des Berufsbildes? Oder macht sie den jungen Musiker/innen klar, dass sie heute viel mehr können müssen als tanzen? Wenn Gerardi die Themen skizziert, die in den anderen drei »Bildern« von Divamania auftauchen – Jugendwahn, Ehrgeiz, Wettbewerbsfixierung – wird klar, dass diese gesellschaftlichen Phänomene seit langem auch zum Modus Operandi eines großen Teils der Klassikkultur gehören. Die Tänzer und Musikerinnen, die hier agieren, sind, so sagt er, noch nicht ganz in die normale Klassikwelt eingetreten, deswegen funktioniere die Kollaboration, deswegen funktioniere das offene Entwickeln des Stückes. Die Haltung des »Sich durchs Leben boxen« haben sie sich noch nicht vollständig zu eigen gemacht, meint Gerardi.

Noch?

Da ist die leichte Schüchternheit von Josh Henderson – er wirkt wie einer, der wahnsinnig viel Lust hat, zu spielen, aber nicht soviel Lust, zu fragen, ob er mitspielen darf. Er macht in New York das New-York-Ding: hat eine Jazz-Gruppe, tritt auf mit Sinfonieorchestern und Hip-Hop-Acts. Außerdem komponiert er, auch für diese Produktion ein kleines Stück. Da ist die Trompeterin Jean Laurenz, die von allen der hier Performenden am meisten Reife ausstrahlt, dazu eine Haltung besitzt, die für Nonsens keinen Platz lässt. Sie singt immer mal wieder in Sportstadien in ihrer amerikanischen Heimat die Nationalhymne oder tritt in Fernsehshows auf. Da ist die in Polen geborene Malwina Stepien, die angriffslustige Tänzerin, und ihr geduldiger, weicher Partner, der Italiener Martin Angiuli. Der spanische Geiger Javier Aznárez agiert mit der ruhigen Coolness eines Leistungssportlers, die extrovertierte Kontrabassistin Kathryn Schulmeister aus Hawaii genießt das Schauspiel, sie fühlt sich vorne viel wohler als hinten. Manche verweigern sich einer ersten Einschätzung: Dennoch scheinen die Masken, um dies es ja im Stück geht, bei den Musikern und Tänzern noch erstaunlich transparent, trotz der Haltung, die sie verkörpern.

Noch?

Liegt das an der Probensituation?

Wenn man sich die befreit agierenden schwitzenden Körper ansieht, kommt der Gedanke: Vielleicht können viele von ihnen Karriere machen, ohne eine Haltung einzunehmen, die ihnen nicht liegt, ohne sich zwischen gnadenloser Selbstvermarktung (Divamania) und Unterordnung zu entscheiden. Sie scheinen sich gerade erst locker zu machen. ¶

Aufführungen am 10.9. um 11 Uhr und um 15 Uhr. In der beginnenden Saison geht die Produktion auf Tour, nähere Informationen werden noch bekannt gegeben. Alle Informationen zu Divamania auf der Webseite des Lucerne Festivals.