Auch in einer Stadt wie dem schönen, beschaulichen, schwierigen Görlitz schieben sich Räume und Zeiten ineinander, dass man ins Träumen und Schwindeln geraten kann. Prächtig wiederhergestellte Herrlichkeiten von Gotik bis Jugendstil liegen hier neben spürbaren Lücken und Tücken politischer Gegenwart, erneuertes Wundern neben alten Wunden; und entdeckt der Besucher dieser großartigen kleinen Stadt in der zwischenzeitlich niederschlesisch gewesenen Oberlausitz zufällig im Keller seines Hotels ein sorgsam freigelegtes jüdisches Ritualbad aus dem 14. Jahrhundert, dann mag er sich selbst vorkommen wie der Protagonist in Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček. So heißt ein wohlsituierter Spießbürger, der in der Großzauberstadt Prag nächtlich besoffen zuerst auf den Mond stolpert, dann als Erzfeigling ins kriegerische 15. Jahrhundert gerät. Für solch munteres Dimensionenhopsen scheint Görlitz genau der richtige Ort; und so fordert dann auch sein recht kleines, sehr feines Stadttheater sich selbst und sein Publikum mutig, ja tollkühn heraus. Denn diese Janáček-Rarität wird selbst von viel größeren Opernhäusern mit weitaus erheblicheren Möglichkeiten doch eher gemieden (auch wenn die Berliner Staatsoper Unter den Linden sie sich letztes Jahr mal prominent vornahm).
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