Vor dem Schauspielhaus Kopenhagens liegt am Hafen eine Plattform aus Holz, die »Ophelia´s Beach« heißt. Man könnte das etwas morbide finden; schließlich ertrinkt Hamlets Geliebte. In jedem Fall aber spielt der Name darauf an, dass Shakespeares Tragödie in Dänemark spielt. Schräg gegenüber, einmal übers Wasser geschaut, steht die berühmte Royal Danish Opera mit ihrem fast über das Ufer auskragenden Dach. Die Diagonale von Ophelias Beach zum Opernhaus passt gut ins Werk des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen. In den vergangenen Jahren hat er sinnbildlich den Weg vom einen zum anderen Ort zurückgelegt: 2013 sang Barbara Hanniganan der Seite der Berliner Philharmoniker die Uraufführung von Abrahams Ophelia-Komposition Let me tell you, die in einer verschneiten Szenerie endet. Und im Dezember 2019 wurde an der Dänischen Nationaloper The Snow Queenaus der Taufe gehoben, die auf dem berühmten Märchen von Hans Christian Andersen beruht. Hannigan begleitete den Entstehungsprozess beider Werke intensiv und übernahm die Rolle der Gerda, als in München die englische Fassung der Oper erstaufgeführt wurde.
In Let me tell youvertonte Abrahamsen Passagen aus dem gleichnamigen Roman von Paul Griffiths, der als Musikkritiker unter anderem für den New Yorker gearbeitet hat und das Libretto zu Elliott Carters einziger Oper What´s next verfasste. Den Text seines Romans hat Griffiths im wörtlichen Sinne »komponiert«, nämlich ausschließlich aus den nur etwa 500 Wörtern »zusammengesetzt«, die Ophelia in Shakespeares Schauspiel spricht: ein Prozess der künstlichen Selbstbegrenzung – »My words make me poor but they will have to do« –, die neue Freiheiten eröffnen soll und eng mit den kompositorischen Verfahren Abrahamsens verwandt ist.
Wie Let me tell yougehört auch die erste Oper des Komponisten zu den großen Erfolgen der zeitgenössischen Musik. Nach Aufführungsserien in Kopenhagen, München und Straßburg ist Immo Karamans Inszenierungan der Dresdner Semperoper bereits die vierte szenische Produktion. Die von mir besuchte Vorstellung im Stück-gemäß klirrend kalten Januar ist ausverkauft. Die Oper erzählt von einem Spiegel, der alles Schöne in Hässliches verhext – er symbolisiert die Entzauberung der romantischen Welt. Der Spiegel zerspringt und Splitter dringen in Auge und Herz des Jungen Kay, der sich daraufhin von seiner Freundin Gerda entfremdet und mit der Schneekönigin davonzieht. Gerda begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, um ihren Freund wiederzufinden und vom Fluch der Kälte zu erlösen.
Das Libretto überschreibt eine zirkuläre Struktur – am Ende sitzen Kay und Gerda wie am Anfang mit der Großmutter im Kinderzimmer – mit einer Geschichte der Initiation: Im Verlauf der Handlung werden die Protagonisten zu jungen Erwachsenen und einem Liebespaar.
Die Schichtung verschiedener Zeitordnungen ist für Abrahamsens Musik ebenso charakteristisch wie eine unmittelbar wahrnehmbare strenge Konstruktion, die paradoxerweise beim Hören geradezu rauschhafte Zustände auslösen kann. In VAN meinteJeffrey Arlo Brown wohl eine ähnliche Gleichzeitigkeit von Gegensätzen, als er von der »blizzard tranquility« schrieb, die er beim Hören von Let me tell you erlebte.
Die Wahrnehmung, dass Däninnen und Dänen die überhaupt freundlichsten und angenehmsten Menschen sind, ist sicherlich ein Klischee und in meinem Fall die Bilanz einer dürftigen privaten Empirie. In der Begegnung mit Hans Abrahamsen, den ich zum Gespräch in seiner Wohnung in Kopenhagen treffe, bestätigt sie sich aber. Manches an seiner Musik muss Geheimnis bleiben. Ich berichte von meinem Eindruck einer starken harmonischen Dramaturgie in seiner Musik und frage, ob diese auf einem System basiere. »Ja«, antwortet Abrahamsen, und dann nach einer Pause: »Aber es ist sehr kompliziert.«
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