Bei Nguyễn + Transitory liegen Technologie und Körper, Klang und Bewegung, Vergangenheit und Gegenwart dicht beieinander. Wo sich diese Bereiche überschneiden, findet das Duo Raum für kritische Auseinandersetzungen mit den sonst so oft unsichtbaren Grundvoraussetzungen westlicher Kunstproduktion und Hegemonie. Aktuell arbeiten beide an Ghost Logics(s), einem Logiksystem, das mithilfe von Künstlicher Intelligenz Unschärfen zulassen und so jenseits von Optimierung, Vorhersagbarkeit und Effizienz operieren kann.
Ihr Stück suân ซ่วน ist zwischen dem 19. und 21. August beim Tanz im August zu sehen. Dort treffen physische Berührung auf Ton: zwei Phänomene, die sich überraschend ähnlich sind. Wir haben mit Nguyễn + Transitory über ihren künstlerischen Ansatz und dessen Verbindung zur Künstlichen Intelligenz gesprochen.
VAN: Woran arbeiten Sie gerade, und welche Verbindung hat Ihre Arbeit zur Künstlichen Intelligenz?
Nguyễn + Transitory: Der Ausgangspunkt unserer Forschung ist nicht so sehr eine Faszination für Künstliche Intelligenz, sondern das Bedürfnis nach anderen Denkweisen – nach anderen Vorstellungen von Erkenntnisgewinn und Zeitlichkeit, die nicht einhergehen mit dem ständigen Streben nach Optimierung, Vorhersagbarkeit und Effizienz, die KI und damit auch Allgemeine Künstliche Intelligenz dominieren. Gerade entwickeln wir einen Rahmen, der auf dem basiert, was wir Ghost Logic(s) nennen – ein spekulatives und sinnlich erfahrbares Logiksystem, das in matriarchalischen, animistischen und sehr alten Erkenntnistheorien verwurzelt ist. Dieses System stellt die formale Struktur der Fuzzy Logic, einer Berechnungsmethode, die Mehrdeutigkeiten und Unschärfen zulässt und die es möglich macht, dass es Werte in Abstufungen und nicht nur in binären Gegensätzen gibt.
Unsere aktuelle Forschung baut direkt auf einer von uns entwickelten Touch-Sensor-Schnittstelle mit 24 Inputs auf, die physischen menschlichen Kontakt erkennt und Bioimpedanz als Ausgangsmaterial für Klangmodulation und algorithmische Komposition nutzt. Berührung ist von Natur aus non-binär, ein instabiles Signal – es schwankt ständig und kann nie eindeutig festgelegt werden. Wir möchten diese Art des Inputs nutzen, um eine Schnittstelle zu entwickeln, die nicht nur diese weichen Signale interpretiert, sondern auch andere instabile sensorische Inputs wie elektromagnetische Aktivität in ihre Logik einbezieht. Ghost Logic(s) soll also eine Methode werden, mit der spektrale, schwankende, instabile Signale als bedeutungsvolles, logisches, kompositorisches Material interpretiert werden.
Was ist der aktuelle Stand bei Ghost Logic(s)?
Gerade arbeiten wir an einem Proof of Concept mit Max/MSP, der ein Fuzzy-Logic-System simuliert und mehrdeutige Sensordaten in Klänge übersetzt. Fuzzy Logic ist aber nicht nur eine technische Methode, sondern ein instabiles Substrat, aus dem heraus sich Ghost Logic(s) entwickeln kann.
Ghost Logic(s) ist keine Metapher. Es ist eine Möglichkeit, jenseits der scharfen Grenzen, die die Logik tendenziell auferlegt, zu arbeiten. Es stützt sich auf matriarchalische rituelle Architekturen Südost- und Ostasiens, queere Abstammungslinien und überlieferte Beziehungssysteme – wo Wissen mit Geist verflochten ist, Zeit nicht linear verläuft und Kommunikation eher über Schwellen hinweg als durch direkte Übertragung stattfindet. Das System, das wir aufbauen, ist durchlässig – es ist darauf ausgelegt, auf Mehrdeutigkeiten, Unvorhersehbarkeiten und Zufälligkeiten nicht als Störgeräusche, sondern als gültige Signale mit eigener Logik zu reagieren.
Daraus soll eine programmierte Plattform und eine performative Umgebung entstehen, die es uns ermöglichen, das Spektrale innerhalb der Grenzen der Logik zu verkörpern.
Haben Sie vor diesem Projekt schon mit KI-Tools gearbeitet?
Nein, mit KI-Tools im Sinne von maschinellem Lernen, Generative Adversarial Networks (GANs) oder großen Sprachmodellen (LLMs) haben wir noch nicht gearbeitet. Unsere bisherigen Erfahrungen basieren auf algorithmischen und generativen Kompositionssystemen, vor allem für Klang. Diese Ansätze konzentrierten sich oft auf Modulationen auf Mikroebene: Mit algorithmischer Logik werden Parameter wie Tonhöhe, Klangfarbe, Rhythmus oder Räumlichkeit in Echtzeit gestaltet. In diesen Systemen lag der Schwerpunkt nicht auf der Automatisierung des Komponierens, sondern auf Emergenz: Es ging darum, dass Bedingungen geschaffen werden, unter denen komplexe klangliche Verläufe und affektive Dynamiken spontan entstehen und erfahrbar werden können.
Was Ghost Logic(s) von anderen Projekten unterscheidet, ist, dass wir jetzt versuchen, tiefer in die Logik selbst einzutauchen. Anstatt mit fertigen Softwaremodellen zu arbeiten, entwickeln wir ein konzeptionelles und technisches System, das von den uns wichtigen Erkenntnistheorien – animistisch, matriarchalisch, spektral – ausgeht und in der Fuzzy Logic eine algorithmische Form findet. Es ist das erste Mal, dass wir versuchen, auf infrastruktureller Ebene einen Protoypen zu bauen für ein KI-ähnliches System: nicht nur als Mittel zur Modulation von Klang, sondern als Mittel zur Neuausrichtung unseres Denkens über Klang und damit auch über Bewegung, Richtung und Dramaturgie. In diesem Sinne ist Ghost Logic(s) unser erster Versuch, mit KI nicht als fertigem Instrument oder Effekt zu arbeiten, sondern als konzeptionellem Rahmen, der diese Konzepte verkörpert.
Inwieweit helfen gerade KI-Tools, Themen wie Intimität, das Kollektive, Vergangenheit und Gegenwart, Pluralität und traditionelle und zeitgenössische Musik und ihre Praktiken, zu denen Sie ja viel arbeiten, zu behandeln?
Wir denken bei unserem Projekt nicht so sehr von der KI aus, sondern gehen von denselben Fragen aus, die unsere gesamte Praxis prägen: Fragen rund ums kulturelle Gedächtnis, Rituale, Übersetzung und Ko-Präsenz. Unsere Arbeiten, zum Beispiel Drifting to the Rhythms at the Southeast of Nowhere und suân ซ่วน, das vom 19. bis 21. August 2025 bei Tanz im August in Berlin uraufgeführt wird, untersuchen die Begegnung zwischen traditionellen südostasiatischen Bewegungs- und Musikpraktiken und zeitgenössischen experimentellen Methoden – nicht als Fusion und schon gar nicht als Nostalgie, sondern als Möglichkeit, gemeinsam neue künstlerische Sprachen zu entwickeln.
Wir betrachten Tradition und Gegenwart nicht als Gegensätze und Vergangenheit und Gegenwart nicht als linear. Stattdessen versuchen wir, auf einer Ebene zu arbeiten, auf der diese Zeitlichkeiten und Erkenntnistheorien nebeneinander existieren, manchmal in Spannung, manchmal in tiefer Verbundenheit. Was dabei entsteht, ist ein gemeinsames Vokabular – neue, improvisierte Sprachen, die Unterschiede aber nicht aufheben wollen.
Ghost Logic(s) ist eine Art natürliche Fortsetzung dieses Ansatzes. Wir interessieren uns nicht für KI als Werkzeug zur Optimierung, sondern fragen uns, ob sie ein Raum für pluralistische Ontologien sein kann. Können wir eine Schnittstelle schaffen, die Komplexität nicht vereinfacht oder durch eine Maschine ersetzt, sondern anders zuhört? Eine Schnittstelle, die Berührung, Rituale, Erinnerung und sogar elektromagnetische Rückstände als legitime Informationsquellen betrachtet?
Fuzzy Logic ist da eine gute technische Grundlage, weil sie sich der binären Logik verweigert. Sie geht von Instabilität und Unbestimmtheit aus, Eigenschaften, die zu unserem Verständnis von Tradition passen, die wir nicht als statisch, sondern als wandelbar, durchlässig und lebendig verstehen.
Wie teilen Sie die Arbeit auf? Haben Sie beide verschiedene Schwerpunkte?
Wir lassen uns von kollektiven Prozessen leiten, die dann bestimmen, was wir machen. Jeden Prozess beginnen wir damit, dass wir gemeinsam träumen. Natürlich bringen wir beide unterschiedliche Stärken und Neigungen mit: Eine von uns arbeitet eher am technischen Prototyping, entwickelt die technische Plattform und ordnet sie der Sensorarchitektur zu, während die andere sich mehr auf die dramaturgische Struktur konzentriert und darauf, wie verkörperte Interaktionen in klangliche oder kompositorische Formen übersetzt werden. Aber es gibt ständig Überschneidungen, weil wir gemeinsam Prototypen entwickeln, Feedback geben und die Systeme vor Ort mit unseren Körpern und Ohren testen. Und was uns leitet, ist eine Ethik des Zuhörens und des Einfühlens in das Gegenüber.
Hat die Arbeit mit KI für dieses Projekt Ihre Sicht auf die Technologie, ihr Potenzial und ihre Risiken verändert?
Uns war schon vorher bewusst, dass es bestimmte Narrative gibt, die die KI heute prägen und auch Technologie im Allgemeinen. Im Kern fungiert die Programmierung wie eine Art Sprache, die mit bestimmten Logiken und Annahmen verbunden ist, die oft extraktive, patriarchalische und optimierungsorientierte Ansätze widerspiegeln. Aus dieser Perspektive betrachtet kann die Entwicklung von KI und AGI leicht in eine Dystopie abgleiten.
Karen Hao erklärt in Empire of AI, dass die Arbeit, die KI-Systemen zugrunde liegt, oft von Niedriglohnarbeitenden im globalen Süden verrichtet wird, die unsichtbare Aufgaben wie Datenkennzeichnung und Moderation übernehmen. Für viele Gemeinschaften außerhalb der Technologie- und Urbanisierungszentren – im Wesentlichen für die globale Mehrheit – war Technologie bisher oft eher ausbeuterisch als empowernd.
Durch dieses kritische Bewusstsein fühlen wir uns als Künstler:innen verpflichtet zu fragen: Wie können wir Systeme schaffen, die diese Gemeinschaften schützen, Systeme, die sie stärken, anstatt sie zu schwächen? Die Arbeit mit KI durch Ghost Logic(s) zwingt uns dazu, uns Architekturen vorzustellen, die durchlässig, beziehungsorientiert und verantwortungsvoll sind, und auch dazu uns neu zu orientieren, um zu hinterfragen, was Intelligenz und Logik jenseits der vorherrschenden Modelle bedeuten könnten.
Wir suchen nach anderen Systemen des Schreibens, Codierens und der Wissensvermittlung – wie Nüshu, die geheime Schrift, die von Generationen von Frauen in Jiangyong in China entwickelt und verwendet wurde – nicht als romantisierte Alternativen, sondern als Erinnerung daran, dass es schon immer andere Logiken gegeben hat. Dieses fragile Erbe, das oft geschlechtsspezifisch geprägt, ausgelöscht oder marginalisiert ist, gibt uns die konzeptionellen Werkzeuge für die Gestaltung einer situativeren, stärker am Gefühl orientierten und widerstandsfähigeren technologischen Zukunft.
Wir versuchen, das Potenzial der Technologie als Medium für Fürsorge, beziehungsorientierte und polyversale Koexistenz zurückzugewinnen – wo mehrere Logiken, Kosmologien und Arten des Wissens mit weniger Hierarchie nebeneinander existieren können. ¶

