Je näher Kafkas Traumgeschichten unseren Wachphasen im wirklichen Leben kommen, ja sie an Absurdität überholen, desto besser wird sichtbar, dass er doch einer der ganz großen Humoristen ist. Aber so lustig, wie Stefan Herheim jetzt Gottfried von Einems Der Prozess auf der kleinen Bühne der Wiener Kammeroper zeigt, ist es doch eine Überraschung, eine freundliche Respektlosigkeit nicht nur gegenüber einem Stück Weltliteratur, sondern auch gegenüber dem Komponisten. Der Blacher-Schüler von Einem war ein Strippenzieher der österreichischen Musikpolitik, als Wiener Kompositionsprofessor, als Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele, bestens vernetzt. 1938, als Zwanzigjähriger, wurde er von der Gestapo verhört, der Mann stand unter Beobachtung, gleichzeitig schaffte er es auf die repräsentativen Bühnen der NS-Kulturpolitik, wurde von den Berliner Philharmonikern gespielt. Er übernahm Posten bei der Reichskulturkammer, doch in Yad Vashem wird er wegen seines Einsatzes für mindestens einen jüdischen Kollegen zu den »Gerechten unter den Völkern« gezählt. Wegen des Eintretens für den Kommunisten Brecht wurde er 1951 aus der Leitung der Salzburger Festspiele übel herausgedrängt, bekam aber den Auftrag zu einer neuen Oper. Das alles ist Österreich und ja selbst schon ein bisschen Kafka.

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Als von Einem Kafka lesend entdeckte, war der längst noch nicht der Klassiker, und als er dessen Proceß, vor dem Hintergrund seiner eigenen Verhörerfahrungen, als Oper für Salzburg konzipierte, (prominent und mit Erfolg uraufgeführt 1954, unter Karl Böhm und mit einem Starensemble), geschah das bestimmt nicht ohne auto-biographisch doppelten Boden. So setzt Herheim in der Kammeroper die prägnante Künstler-Graumähne von Einems seinem Josef K. (Robert Murray, durchaus lyrischer als der Uraufführungsheldentenor von Max Lorenz) auf den Kopf. Und weil man sich, was ihm an Undurchschaubarem widerfährt, ja als Stimmen in diesem Kopf vorstellen kann, sehen wir gleich nicht nur einen, sondern viele von-Einem-Perücken. Sogar das Orchester der Klangforum Academy trägt sie, jedenfalls anfangs, dann wird es doch zu heiß für den Spaß. Er ist aber wirklich lustig, denn so sehen sie, im Rückteil der Bühne postiert, wie eines der Mozartperückenorchester aus, mit denen in Wien um die Staatsoper und den Musikverein herum immer noch Touristen geneppt werden. Und weil der Komponist seine besten Einfälle im Traum gehabt haben will, sehen wir ihn (und allerhand Doubles) vorzugsweise im Schlafanzug. Auch das macht Sinn, denn die Regie legt mit großer Lust die Macht des Sexuellen als Triebfeder frei. Steht alles im Text. Dieser Josef K. ist ja mehrfach Objekt der Begierde mehrerer Frauen (von Anne-Fleur Werner allesamt mit Hingabe verkörpert); er vermag dennoch (sexuell wie vor Gericht) nicht recht »durchzudringen« und gerät in ominöse Kopulationskonkurrenzen mit durchaus weniger komplizierten Kerlen. Auch die ehrwürdig religiöse Kafka-Deutung (aufs Jüngste Gericht etwa)  ist nicht sicher vor Herheims Ironie, so kommt als mysteriös mächtiger und jedenfalls rettungsbefugter Kanzleidirektor ein Jesus selbst ins Spiel.

Alles clever und unterhaltsam, und noch, dass von Einem und seine Librettisten den Text zur Oper ein wenig simpel aus den direkten Reden des Romans montierten, ist mit feinem Spott bedacht, denn es wird immer wieder direkt aus dem Buch gesungen; der als sadistischer Spielleiter anwesende Kafka lässt es geschehen. In die Freude über soviel intelligent aufgeklärte Theaterlust überhört es sich fast, dass die Musik selbst nicht frei vom Grauschleier einer Tonalität der 1950er Jahre geblieben ist. Von Einem hatte seine zunächst dodekaphonischen Pläne zugunsten eines vor allem rhythmisch geschärften Deklamationsstils verworfen. Man muss das heute nicht mehr mit adornitischer Strenge verachten, es kommt aber, auch in der Fassung für Kammerorchester, etwas altmodisch rüber. Zumindest ist – nicht unwichtig – jedes Wort zu verstehen. Walter Kobéra und die Klangforum-Akademisten schaffen den Transfer in die reduzierte Kammerfassung prima, bloß der Streichergruppe hätte man mehr Wumms gewünscht. Am Ende großer Jubel, und ob von Einem beim Blick herab vom Wiener Komponistenhimmel über seine Vervielfältigung die Stirn gerunzelt haben mag, kann uns Nachwelt schnuppe sein. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹