Ich treffe Stefan Herheim an einem kalten Wintertag im Februar. Es ist so ein Tag, an dem wahrscheinlich alle Opernsänger hustend im Bett liegen – so stelle ich mir das wenigstens vor. Er hat 25 Minuten Zeit, dann muss er wieder zur Probe. Offenbachs Operette Blaubart ist seine zweite Arbeit für die Komische Oper Berlin und die Erwartungen sind groß. Seine spektakuläre Inszenierung von Händels Oper Xerxes ist seit 2012 ein Dauerbrenner am Haus. Mit Blaubart betritt Herheim neues Terrain und inszeniert zum ersten Mal eine Operette. Damit tritt er in die Fußstapfen von Walter Felsenstein, dem Gründungsvater der Komischen Oper, dessen legendäre Blaubart-Inszenierung aus dem Jahr 1963 sich mehr als dreißig Jahre im Spielplan hielt. Was hat es mit diesem Stück auf sich? Die Handlung beruft sich auf das Schauermärchen um den Frauenverschleißer Ritter Blaubart, der wiederholt seine aktuelle Ehefrau durch ein Todesurteil aus dem Weg räumen lässt, um Platz für die Nächste zu schaffen. Ähnlich hantiert auch König Bobèche, der sich mit Hilfe von Todesurteilen potentiellen Nebenbuhlern entledigt, allerdings aus krankhafter Eifersucht. Die Frauen des Stücks sind mit ihren Schicksalen grundsätzlich unzufrieden und kampfbereit, sei es die Königin Clementine, die Bäuerin Boulotte oder die Prinzessin Hermia. Männliche und weibliche Egozentrik kollidieren dementsprechend und mit Hilfe von Offenbachs unzähmbarer Musik sind schnell die Weichen gestellt für eine irrwitzige, bitterböse und recht makabre Operette, die nichts anderes ist, als eine unterhaltsame Satire auf die kranke Hysterie privilegierter Machtmenschen.
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