Beethoven ist tot, schreibt der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak im Programmheft des neuen Amsterdamer Fidelio. Das Stück, das anderswo unter diesem Titel läuft, hat er konsequent gestrichen. Wenn Anna El-Khashem als ziemliches Marzelline-Luder ihr aussichtsloses Beziehungsgespräch mit dem unbedarften Jaquino hat, haben wir schon mindestens zehn Bilder (die Ouvertüre) und eine Astrophysiker-Konferenz (ein Vorspiel als vorgeschalteter Bonus-Track) hinter uns. Eine Wissenschaftlerin, die aussieht wie später die Gatten- und Menschheitsbefreierin Leonore, informiert, dass ein großes schwarzes Loch auf die Erde zurast, dass dies den Planeten existenziell bedrohe und man im Augenblick auch nicht mehr beziehungsweise weiter wisse. Das ist natürlich, zugespitzt, die Lage, und der Regisseur hat da einen Punkt, denn die Frage liegt auf der Hand: was wir mit Beethovens quasikosmischer Befreiungsmission, mit dem hohen Ton der Hoffnung machen, wo es jeden Tag von allen Seiten schwarze Löcher hagelt und die Menschheit auch nicht weiter weiß.

Foto © Monika Rittershaus

Die Musik des toten Manns Beethoven wisse ja so viel mehr als der bekanntermaßen kolportagehafte Rettungsopernplot seiner einen Oper, so Zholdak. Was davon bleibt in Amsterdam, ist der Soundtrack zu einem freien Assoziationsstrom von Filmschnipseln, Symbolen, Zeichen aller Art, aus denen sich ungefähr folgendes ergibt: Ein »evil genius« namens Pizarro stört die kosmische Harmonie, indem er ein Paar namens Florestan und Leonore trennt. Sie binden sich noch aneinander, als sie schlafen gehen, doch als Leonore erwacht, ist er weg, verschwunden an der Hand des Bösen, ab durch den Spiegel. Die Figuren Rocco, Marzelline und Jaquino sind Werkzeuge des altbösen Widersachers. Damit beginnt Leonores dunkle Traumreise auf der Suche nach dem Geliebten, im Teufelstaxi, vorbei an mancherlei Schlangengezücht und Topfpflanzen, Robotern, bösen oder toten Wölfen und dunklen oder toten Wäldern, in Schluchten, gegen unsichtbare Wände, geleitet oder gestoppt von dunklen und hellen Engeln; es geht hinab in die Kindheit, es begegnen Eltern und Doppelgänger und Bocksfüße. Alles ein Mysterienspiel und zugleich die etwas vage Geschichte eines Paares, das sich verliert und jenseits der gespiegelten Spiegel wiederfindet, fast mehr Zauberflöte als Fidelio, auch die Sache mit der kosmischen Katastrophe bleibt am Ende in der Luft hängen.


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…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹