Von Bruckner als einem Komponisten der Brüche zu sprechen, liebe er nicht – das erklärt Christian Thielemann mitten im Gespräch über seine Interpretation des ersten Satzes der Fünften. Und wenn es sie denn gäbe, dann sei es die Aufgabe des Dirigenten, solche Brüche zwar nicht zu glätten, aber sie in einen inneren, logischen Zusammenhang zu bringen. Bruch, durch Logik versöhnt: Wie soll das gehen? Schließt das eine nicht das andere aus? Und was heißt hier (und nicht nur hier) überhaupt »Logik«? Für die Bruckner-Gegner der ersten Stunde bedeutete sie »organische« Entwicklung und allseitige motivische Vermittlung des Materials. Die Habitusform von Bruckners Musik aber ist – bei aller auch ihr eigenen Konstruktivität – eine andere.
Auf dem Weg zu einem neuen Brucknerbild, das wir uns für das Jubiläumsjahr 2024 doch erhoffen, habe ich vorgeschlagen, statt von Brüchen von Krisen zu sprechen, in die der Komponist sein Material hineintreibt und aus denen nur ein rettender Sprung oder eine von außen herbeigerufene Formel der Versöhnung heraushilft: eine kleine, ländlich-kirchenmusikalische Kadenzwendung oder eine ganze Choralzeile. Dazwischen bleibt ein unaufgelöstes Spannungsfeld, eine nie vollständig überbrückbare Kluft. Prototypisch steht hierfür in der Ersten die Schlussgruppe der Exposition des Kopfsatzes:

